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Bad Oldesloe : Eine abenteuerliche Konzertreise zu den musikalischen Tataren in Westsibirien

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Sopranistin Martina Doehring reiste Anfang des Jahres in den Osten Russlands, um dort vier Konzerte zu geben – und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Wer fliegt schon freiwillig im Winter ins ferne Sibirien? Abgesehen davon, dass zwischen Schleswig-Holstein und dem Ural rund 3000 Kilometer liegen und im Winter die Temperatur dort schon mal locker auf minus 30 Grad sinken, was treibt eine Stormarnerin in den fernen Osten? Martina Doehring, bekannte Oldesloer Sopranistin, hatte auch so ihre Zweifel, als sie eine Einladung zu einer Konzertreise nach Russland bekam. Doch sie hat es nicht bereut, die Mühen und Anstrengungen einer einwöchigen Reise nach Westsibirien auf sich genommen zu haben – ganz im Gegenteil. Die Sängerin traf auf viele reizende, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen und eine umwerfend schöne Landschaft.

 

Grundsätze über den Haufen geworfen

Eigentlich habe sie ja ihre festen Grundsätze, sagt Martina Doehring: Flugplatz nicht vor zehn, Autobahn nicht nach zwei, Jetlag überhaupt nicht, stattdessen ein Paket Schwarzbrot im Koffer gegen das Heimweh und fürs Forte in der kleinen Oktave. Doch diese Grundsätze habe sie bei Antritt der Reise quasi alle über den Haufen geworfen. „Schuld an allem ist das Rathaus von Kazan, das mir mit seiner Neorenaissance-Fassade sogleich gefallen hat, als ich über Google ergründen wollte, woher die Einladung kam, die mich und meinen Konzert-Partner Aivars Kalejs mitten im Januar dorthin bringen sollte, wo der Ural Europa von Asien trennt. Kazan, das klang verheißungsvoll nach 1001 Nacht und Tatarstan, die dazugehörige Republik, die kannte irgendwie niemand so wirklich“, so Doehring.

Tatarstan ist eine der autonomen Republiken in der russischen Föderation, die bei nur knapp vier Millionen Einwohnern 1700 Bibliotheken, 30 Hochschulen, 90 Museen und 12 professionelle Theater betreibt – ein Land der Superlative also. Die Oldesloerin beschloss, ihren Widerwillen gegen mehrfache Zeitzonensprünge und „Schichtarbeit“ zu verdrängen und sich diese wundersame Welt aus der Nähe anzusehen. Neben dem Konzert in Kazan sollte es ein weiteres geben im neu gebauten Opernhaus von Joschkar Ola, Hauptstadt der Nachbarrepublik Mari El. Außerdem waren die beiden Künstler auch noch in Jekaterinburg und in Tscheliabinsk auf der asiatischen Seite des Urals zur Einweihung von zwei Konzertsälen verabredet.

Der Zeitplan war eng, außerdem musste für zwei Konzerte der Ural überwunden werden. Ende Januar setzte sich Martina Doehring in den Flieger, nicht ohne zwei alte Pelzmäntel, die sie übereinander ziehen wollte, denn der Wetterbericht hatte von Minusgraden bis zu 35 Grad berichtet. Mit einer Aeroflot-Maschine ging es von Berlin aus Richtung Moskau, von wo aus sie gemeinsam mit Aivars Kalejs aus Riga nach Kazan weiterfliegen wollte.

„In Moskau fühle ich mich merkwürdig heimisch. Das liegt vor allem an der herzlichen Hilfsbereitschaft, mit der man mir auch diesmal wieder begegnete, obwohl wahrlich nicht jeder Russe englisch spricht. Überall in Moskau habe ich Leute getroffen, die die eigene U-Bahn abfahren lassen, um mich in den richtigen Zug zu setzen, die mir eine Fahrkarte schenken, wenn meine Kreditkarte nicht akzeptiert wird und mir zum Abschied auch noch ihre Visitenkarte da lassen, damit ich mich „in any case of emergency“ bei ihnen melden kann“, erzählt Martina Doehring.

 

Draußen fegte eisig der Nachtwind

Zusammen mit Aivars ging es dann mit dem Flieger von Moskau in Richtung Kazan. Gegen 2 Uhr morgens landeten die übermüdeten Passagiere in der Hauptstadt von Tatarstan, doch der Tag war damit noch lange nicht zu Ende. In der Halle wartete Dimitrij, der die Gäste aus Deutschland per Auto ins Hotel bringen sollte. Draußen fegte eisig der Nachtwind von vorn ins Gesicht: „Es war ein Gefühl, als würden sämtliche Messer von Chatschaturjans Säbeltanz gleichzeitig auf mich losgelassen“, erinnert sich Martina Doehring. „Ich fühlte ein ungutes Spannungsgefühl im linken Auge und gleichzeitig musste ich feststellen, dass die dicken Stiefel, die ich an den Füßen trug und die mich bis jetzt immer zuverlässig durch jeden Winter gebracht haben, völlig überfordert waren von den Straßenverhältnissen hier am äußersten Rand Europas.“

Auf der Fahrt zum Hotel kommt die Sängerin aus dem Staunen nicht mehr heraus: Überall auf der Straße elegante dreiarmige Laternen, die die Autobahn bis in die Stadt hinein in ein sonnenwarmes Licht tauchen, das in merkwürdigem Gegensatz steht zu den Außentemperaturen und den blitzweißen Schneebergen am Straßenrand. Kazan darf sich seit dem Jahr 2000 Unesco-Weltkulturerbe nennen, und die Prachtbauten der Altstadt strahlen auch mitten in der Nacht. Das Puppentheater in Form einer trutzigen mittelalterlichen Burganlage gehört in diesem Teil der Erde zu jedem Stadtbild. Und über allem thront der Kreml mit seiner riesigen Befestigungsmauer. Säulen auch am Opernhaus und am Konservatorium, die beide am selben Platz stehen.

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Joschkar Ola in der Nachbarrepublik Mari El im Nordwesten von Tatarstan, wo das erste Konzert stattfinden soll. Endlose Wälder rechts und links der Autobahn, Kiefern und Birken soweit das Auge reicht. „Joschkar Ola ist bezaubernd. Die Silhouette der Stadt sieht aus, als hätte hier jemand mit den Bausteinen einer Edel-Edition von Lego gespielt – rostrote und grüne Fassaden und Dächer, alles in den Farben der Erde und des Waldes, dem Mari El einen Teil seines Wohlstandes verdankt“, sagt Doehring.

 

Blumen, Geschenke und Heiligenbilder

Das Konzert beginnt wegen der kurzen Tage und der nächtlichen Kälte wie die meisten Veranstaltungen bereits um 18 Uhr im Opernhaus. Marmor in den Treppenhäusern, kostbar poliertes Holz in den Portalen, Portiere im feinen Brokat. Glanzstück der Staatsoper ist die mächtige Orgel, optisch sehr geschickt integriert in das Gesamtensemble. Ein Zeitungsinterview vor dem Konzert ist Pflicht, und zwei Reporter vom Fernsehen wollen die deutsche Sängerin und ihren Pianisten kurz vor dem Konzert auch noch filmen. Beim Konzert sind der Stress, die kurze Nacht und ein rotes Auge von der Kälte rasch vergessen.

„Was zählt sind die fröhlichen Gesichter der Zuhörer und ihre Zustimmung, die uns vom ersten Stück an zeigt, dass sie uns aufgenommen haben in ihre Gemeinschaft, um mit uns zu feiern – aus Liebe zur Musik und aus Freude am Dialog in einer Sprache, die in Zeiten, in denen die Welt nur schwer zu verstehen ist, den Schmerz in Schönheit verwandelt und die Schönheit in Ewigkeit.“

Am Ende gibt es drei Zugaben. Blumen, Geschenke, Heiligenbilder, die beschützen sollen, viele Umarmungen und dann geht es zurück nach Kazan, wo am nächsten Tag weitergesungen werden soll. Kurz wird noch die Stadt besichtigt. Auf der Landseite sind alle Gebäude weiß, auch Mari El hat ein riesiges Puppentheater, einen Palast für seinen Präsidenten und wundervolle langgezogene Prachtbauten, die an Venedig erinnern. Bevor es am nächsten Tag per Zug über den Ural geht, wird noch rasch die Altstadt von Kazan besichtigt: Hellblaue Kuppeln auf den Türmen der orthodoxen Kirche und ebensolche gleich nebenan auf der neu erbauten Moschee, die man als größte Europas zum Zeichen des friedlichen Miteinanders beider Religionen aufs selbe Gelände gestellt hat.

 

Wo der Meteorit auf die Stadt niederging

Der viel zu gut geheizte Nachtzug – irgendwann ist er ein rollender Hochofen – bringt die Passagiere durch Schnee und Eis nach Jekaterinburg in eine vollkommen andere Welt, denn hier ist alles deutlich größer, schneller, kälter und grauer als auf der anderen Seite des Urals. Unweit vom Hotel wurde 1918 der Zar mit Gattin und Kindern ermordet – heute steht an der selben Stelle eine orthodoxe Kirche, die „Kathedrale auf dem Blut“, erbaut zu Ehren der Zarenfamilie, deren Mitglieder inzwischen als Märtyrer heilig gesprochen wurden.

Am Abend geht es per Auto 200 km weiter durch die Nacht nach Tscheliabinsk. „Am Stadtrand zeigte uns unser Fahrer, wo im Jahr 2013 der Meteorit auf die Stadt niedergegangen ist und auch das Museum – ganz in der Nähe des Konzerthauses – in dem seine Einzelteile ausgestellt sind“, erläutert Martina Doehring. Der Himmel in Tscheliabinsk ist genauso milchblau wie der in Kazan, aber alles, was am Boden liegt ist schmutzig, denn Tscheliabinsk ist eine der größten Industriestädte in ganz Russland und das hinterlässt seine Spuren. Im Konzertsaal warten viele erwartungsvolle Menschen, die mit Kind und Kegel gekommen sind, um den neu gebauten Kulturpalast von Tscheliabinsk von innen zu bewundern und zu erleben, wie die darin stationierte Königin der Instrumente klingt. „Eine kurze Anspielprobe, ein Schluck Wasser in der Garderobe, der Saal ist wie immer ausverkauft, das Publikum vom ersten Ton an fröhlich bei der Sache und ich bin wie immer unendlich dankbar für die unglaubliche Duldsamkeit meiner Stimme, die sich auch heute nichts anmerken lässt von den Strapazen, denen sie in den letzten Tagen ausgesetzt war.“

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erstellt am 02.Apr.2015 | 10:50 Uhr

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