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Travenbrück : Ein Verwirrspiel im Gerichtssaal

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Zwei Männer sind wegen Raubes angeklagt. Sie sollen einen 30-Jährigen in seiner Wohnung in Tralau überfallen haben. Vermutlich spielen Drogen eine Rolle.

„Es ist nicht der erste Prozess, in dem es sich um Marihuana dreht. Keiner sagt, worum es geht. Man weiß nie, wer die Wahrheit sagt und wer lügt. Das kennen wir schon“, so lautet eine Zwischenbemerkung des Vorsitzenden Richters Kai Schröder am ersten Verhandlungstag gegen Artan I. (30) und Yusuf T. (26) vor der Großen Strafkammer in Lübeck.

Die beiden in Bad Oldesloe lebenden Angeklagten werden beschuldigt, im Juli 2015 gewaltsam und mit vorgehaltener Waffe – wahrscheinlich eine so genannte Scheinwaffe – in die Wohnung von Freddy G. (30) in Tralau eingedrungen zu sein, ihn bedroht und beraubt zu haben. Auch in diesem Fall geht es um Drogenkonsum und Schulden in der Szene.

Der gebürtige Serbe und gelernte Handelsfachpacker Artan I., der am Hamburger Flughafen arbeitet, soll seinem Freund aus Kindertagen eine Waffe vorgehalten haben, um an Marihuana zu kommen. Doch das Wort „Marihuana“ nimmt das Opfer Freddy G. – gelernter Lagerist und zur Tatzeit arbeitslos – während seiner Zeugenaussage nicht in den Mund. Am Tag vor dem vermeintlichen Überfall habe man noch Fußball gespielt. Auf dem Exer in Bad Oldesloe fand ein Spiel der zweiten Liga zwischen Bad Oldesloe und Tralau statt. Im Laufe des Spiels habe das Opfer den Angeklagten Artan I. gefoult. Doch habe man sich ausgesprochen und hinterher noch gemütlich bei einem Bier am Exer und hinterher in der Wohnung des Opfers beisammengesessen. Er habe an diesem Tag versucht, die 120 Euro zurückzufordern, die ihm Artan I. schon seit über einem Jahr schuldete. Man sei sogar gemeinsam zur Sparkasse in der Hagenstraße gegangen, um sich den Kontostand des Angeklagten anzusehen.

Am nächsten Abend dann seien Artan I. und sein Freund Yusuf T. plötzlich in seiner Wohnung in Tralau über ihn hergefallen, hätten mit den Worten „Gib mir alles, was du hast“ zwei Controller für eine Playstation, eine teure Armbanduhr, sein Handy und rund 70 Euro entwendet. Erst auf Nachfrage räumte das Opfer ein, dass es auch um Gras gegangen sei. Der türkischstämmige Fußbodenleger Yusuf T. habe ihn beruhigt, er werde das alles wieder in Ordnung bringen, während Artan I. im Auto des Opfers nach der Geldbörse gesucht habe. Angeblich habe er seine von Artan mit einem Gürtel gefesselten Hände aus dem Fenster halten müssen, bis die beiden Angeklagten mit ihrer Beute verschwunden seien.

Immer wieder hakten Richter, Verteidiger und Staatsanwalt nach: Warum habe man einen Tag zuvor noch gemütlich zusammen gefeiert, am nächsten Tag aber wurde ganz plötzlich ein Raub geplant? Schließlich kannten sich Artan I. und Freddy G. schon seit Grundschultagen, haben zusammen mindestens eine Saison lang gemeinsam Beachsoccer gespielt und sich immer mal wieder getroffen. Dass es vielleicht um Drogengeschäfte ging, wollte Freddy G. nicht einräumen. „Fußball und Kiffen - das passt ja auch wunderbar zusammen“, machte der Vorsitzende Richter eine ironische Zwischenbemerkung.

Ganz anders dagegen Artan I. Der Serbe erzählte freimütig seine Version der Geschichte. Er habe keine Waffe mit sich geführt. Er gab zu, dass er das von Freddy G. am Vortag erhaltene Gras nicht habe bezahlen können, ihn am Abend des angeblichen Raubes aber noch mehr „Stoff“ habe abringen wollen. Daraufhin habe Freddy G. mit Drohungen reagiert.

Artan I. habe das Handy des Opfers mit den Worten „Bevor du die Hells Angels rufst, rufe ich die Polizei“ genommen und sei damit und ein „wenig Gras“ aus der Wohnung geflüchtet. Anschließend habe er das Handy an einen Freund verkauft. Auch habe er das Opfer nicht gefesselt.

Wie kämen dann aber seine DNA-Spuren an den Gürtel, wollte der Richter wissen. Er habe sich nach der Verletzung am Schienbein durch das Foul beim Fußballspiel am Vortag eine kurze Hose angezogen und diese mit einem Gürtel befestigt. Den habe er dann beim gemeinsamen Kiffen in Freddys Wohnung vergessen. Auch sei er niemals mit dem Opfer zum Bankautomaten der Sparkasse gegangen.

Ein weiterer Zeuge – ein enger Freund des Opfers – bestätigte zwar die Aussagen des Opfers, konnte jedoch kein Licht in das Dunkel bringen, fühlte sich sogar von den Fragen des Verteidigers „belästigt“ und wollte auf der Stelle den Gerichtssaal verlassen.

„Der Verteidiger fragt solange, wie ich es zulasse“, wies Kai Schröder ihn scharf zurecht. Von angeblichem Marihuana-Konsum oder gar Drogengeschäften wolle er nichts gehört und gewusst haben. Fest steht aber, dass das Opfer bereits vor acht Jahren bei einem SEK-Einsatz gefasst und nach dem Betäubungsmittelgesetz verurteilt wurde, jedoch keine Haftstrafe absitzen musste. „Gib doch zu, dass wir damals in der Schule in Bad Oldesloe immer heimlich gekifft haben“, richtete Artan I. das Wort an das Opfer.

Bis zum nächsten Verhandlungstag vor der Großen Strafkammer in Lübeck am Mittwoch, 22. Februar, will das Gericht nun den Gürtel als Beweisstück vorlegen und bei der Sparkasse in Bad Oldesloe die Aufzeichnungen der Überwachungskameras sichten, um zu klären, wer hier lügt und wer nicht. Kein leichtes Unterfangen.

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erstellt am 16.Feb.2017 | 06:00 Uhr

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