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Stormarner Tageblatt

17. Dezember 2017 | 05:48 Uhr

Ein Stolperstein für Reinfelder Carl Harz

vom

Der Kriminalpräventive Rat ehrt den Pazifisten / Immanuel-Kant-Schüler planen Mahnmal vor seinem Haus

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2013 | 05:19 Uhr

Reinfeld | "Ein dortiges Wohnen ist allen zu empfehlen, die nicht gebunden sind, besonders Rentnern und Pensionären. ... Hier auf eigenem Grund und Boden soll der Gedanke des Urchristentums, der gemeinsame Besitz, in neuem Gewande und in moderner Auffassung zur Durchführung gelangen." Das schrieb Carl Harz 1906 in seiner Schrift "Der Menschheit Fluch und Erlösung" über den Flecken Reinfeld.

Die Carl-Harz-Straße kennt in Reinfeld jeder, wer aber war Carl Harz und weshalb sich heute mit ihm beschäftigen? Um mit dem Ende zu beginnen: Carl Harz starb am 13. August 1943, also vor 70 Jahren im Alter von 83 Jahren nach vierwöchiger Nazihaft im Gefängnis Lübeck-Lauerhof. Er hat sich das Leben genommen. Er war inhaftiert worden, weil er unter dem Eindruck der Kriegsereignisse einen Protestbrief an Hitler geschickt hatte. Sein Todestag soll Anlass sein, an einen Menschen zu erinnern, der die Entwicklung und Gestaltung Reinfelds bis heute entscheidend geprägt hat.

Er stammte aus dem preußischen Altona. Seit seinem 25. Lebensjahr veröffentlichte er seine Gedanken, Ideen und Vorstellungen über die Gestaltung der Gesellschaft und der Welt und besonders über die Religionen: Alle Religionen haben bisher versagt, so seine These, sie haben Kriege und Ungerechtigkeit in der Welt nicht beseitigt. Deshalb sei eine neue, eine "soziale Religion" nötig, eine Religion der Menschlichkeit, zu der sich alle Menschen bekennen. Privatbesitz an Boden und Wohnraum solle in Gesamtbesitz überführt werden, Gleichberechtigung und weltumspannender Frieden seien weitere Ziele. Er veröffentlichte im Eigenverlag eine Vielzahl von Flugblättern und kleinen Schriften. Aus heutiger Sicht war Carl Harz sicher ein Idealist, wenn nicht Utopist. Er befasste sich besonders ausführlich mit der "Wohnungsfrage". 1910 war er Mitbegründer der gemeinnützigen Wandsbeker Gartenstadt-Gesellschaft, die heute noch existiert. Auch in Reinfeld versuchte er, in dieser Richtung zu wirken. Ab 1902 erwarb er hier 85 000 Quadratmeter Bauland, ließ Straßen anlegen, einen Seepavillon und das Kurhaus (auf dem Gelände des heutigen Bildungszentrums) errichten und ließ kleinere und größere Villen erbauen, von denen viele heute noch stehen. 1917 übersiedelte er endgültig nach Reinfeld und bezog sein Haus in der heutigen Carl-Harz-Straße 6.

1939 im Mai erhielt er vom Nazi-Landrat des Kreises Stormarn Veröffentlichungsverbot, es gab Anzeigen und Hausdurchsuchungen. Damit erging es ihm übrigens genauso wie schon 1933 Paul von Schoenaich, dem Exgeneral des 1. Weltkriegs und bis zu seinem Tod 1954 streitbaren Pazifisten aus Reinfeld. Was bleibt von Carl Harz? Seine Gestaltungsideen prägen bis heute das Stadtbild, er hatte sich eingesetzt für die Zusammenlegung der verschiedenen Ortsteile zur Stadt Reinfeld, sich im Bürgerverein engagiert und einen Verkehrsverein gegründet. Und seine Gedanken über Menschlichkeit sind im Grundsatz heute immer noch gültig. "Das Gedenken an Carl Harz soll auch Mahnung und Verpflichtung sein, dass Rassismus sowie politische und gesellschaftliche Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zu Vertreibung und Mord nie wieder das Leben von Menschen bestimmen dürfen", so der Kriminalpräventive Rat. In der Immanuel-Kant-Schule hat eine Schülergruppe sich mit ihm beschäftigt und möchte vor seinem ehemaligen Haus einen Stolperstein verlegen lassen - voraussichtlich im März 2014.

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