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Stormarner Tageblatt

19. August 2017 | 23:07 Uhr

Ein Schieferdecker auf der Flucht

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Klaus-Rainer Martin erzählt, wie ein Handwerksgeselle durch Flucht, einen falschen Pass und die Kriegswirren zum Obdachlosen wurde

Ist das Leben die Summe eigener Erfahrungen oder Schicksal? Diese Frage stellt sich Johann Schwarz. Sein Leben verlief mehr als ungewöhnlich. Falsche Entscheidungen oder das Schicksal – er selbst konnte nie sagen, warum ihn sein Weg schließlich zum Obdachlosen werden ließ. Seine spannende Lebensgeschichte faszinierte in den 60er Jahren Klaus-Rainer Martin (75), der damals im Rahmen seines Studiums der Sozialpädagogik ein Praktikum in einem Obdachlosenheim in Friedberg (Hessen) absolvierte. Johann Schwarz, der unter dem Namen Johannes Weiß geboren wurde, erzählte sie ihm in kleinen Schritten und bat ihn, seine Erlebnisse erst aufzuschreiben „wenn ich 50 Jahre tot bin“. Daran hat sich Klaus-Rainer Martin gehalten.

Erst über 50 Jahre später schrieb er in einem halben Jahr das Buch „Ein Schieferdecker auf der Flucht“, begibt sich darin mit Johann Schwarz auf eine abenteuerliche Reise vom Bergischen Land bis nach Afrika. Der gelernte Schieferdecker fing in den 30er Jahren ein Techtelmechtel mit der Tochter seines Meisters an, die von ihm schwanger wurde. Zur Hochzeit gezwungen, floh er schließlich Hals über Kopf, landete als blinder Passagier auf einem Güterwaggon in Klagenfurt. In Österreich hielt man ihn 1937 für einen politischen Flüchtling – er klärte dieses Missverständnis all die Jahre nicht auf – und der Schiefergeselle fand Unterschlupf bei der Untergrundbewegung der Sozialisten und Kommunisten. Als die deutschen Truppen einmarschierten, schleusten die Untergrundkämpfer ihn über die Grenze nach Jugoslawien, wo er in Sarajewo drei Jahre lang in seinem Beruf arbeitete. Auch hier sah man ihn als politisch Verfolgten und gewährte ihm Unterschlupf bei den Partisanen, wo er als Dolmetscher fungierte. Von Skrupeln getrieben, im Ernstfall auf seine deutschen Landsleute schießen zu müssen, flüchtete er weiter nach Griechenland, von da aus nahm er ein Lazarettschiff nach Afrika.

„Auf dem Schiff vertraute er sich zwei britischen Offizieren an, die ihn für einen deutschen Spion hielten und in Gefangenschaft nahmen“, so der Autor. Im ägyptischen Gefangenenlager erlitt Johann Schwarz einen tragischen Unfall. Sein Bein musste amputiert werden. Dies wurde ihm später zum Verhängnis. Er erhielt seine ersten Papiere als Gefangener – immer noch unter falschem Namen. „In seinem Leben hat er nie aufgeklärt, dass er eigentlich Johannes Weiß heißt. Er besaß keine Papiere, ließ sich bei seiner Rückkehr nach Österreich in den Nachkriegswirren einfach einen Ausweis mit falschem Namen ausstellen“, erzählt Martin weiter. Mit diesem falschen Pass findet er Arbeit als Kassierer in einem Kino, später arbeitet er bei der Hans Glas GmbH, die das berühmte Goggomobil herstellte. Sein amputiertes Bein war nach seiner Entlassung ein fast unüberwindbares Hindernis bei der Arbeitssuche. Da es sich um keine Kriegsverletzung handelte, bekam er auch keine Rente. Nie hat er sich beim Amt gemeldet oder Sozialhilfe beantragt und rutschte so langsam in die Obdachlosigkeit. Nach den Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges ist er endlich wieder in Deutschland angekommen und steht vor den Trümmern seines Lebens. Nie– und das sei das Tragische – habe er seine Eltern und seine drei Geschwister wiedergefunden, nie die Frau, die damals ein Kind von ihm erwartete. Als er sich ein Herz fasste und an den Ort seiner ersten Liebe zurückkehrte, war die damals Angebetete gerade dabei, einen Anderen zu heiraten. Hätte ich nur, dann wäre alles anders gekommen – mag der Schieferdecker sich verzweifelt gefragt haben. Wäre er glücklicher gewesen, wenn er die Meistertochter geheiratet hätte? Martin: „ Die Lebensgeschichte ist eng mit der des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit verbunden.“

Klaus-Rainer Martin ist das Schicksal des Obdachlosen sehr zu Herzen gegangen. Auch er flüchtete als Mitglied der jungen Gemeinde als 18-Jähriger 1958 aus der ehemaligen DDR, ließ seine Familie hinter sich – wenn auch sein Leben weitaus glücklicher und gradliniger verlaufen ist. Arbeit fand der 1938 im Erzgebirge geborene und gelernte Bergmann in Tagebau im Ruhrgebiet, bevor er in den 60er Jahren beschloss, einen anderen Weg einzuschlagen. Er studierte Sozialpädagogik, arbeitete für das Raue Haus in Hamburg und leitete 31 Jahre lang das Reinfelder Kinderheim „Sonnenschein“. Neben seiner Leidenschaft für das Schreiben – er veröffentlichte weitere Bücher und Lebensgeschichten – ist der Klein Wesenberger aktiv in der Kirchengemeinde tätig und ein begeisterter Langstreckenläufer. 80 Marathonläufe, 30 100-Kilometerläufe und so manchen Halbmarathon hat er in den letzten Jahrzehnten absolviert. Noch heute läuft er vier Mal in der Woche zehn Kilometer. Neuestes Projekt: Martin recherchiert im Kirchenarchiv, um ein Buch über das Verhalten der Kirche während des Ersten Weltkrieges und der Nazizeit zu schreiben.


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erstellt am 22.Mai.2014 | 15:48 Uhr

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