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Streit um Stromrechnung : „Ein Leben wie im Mittelalter“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Winfried Klix lebt seit neun Monaten ohne Strom. Der Bargteheider ist kein Einsiedler oder Lebenskünstler – Klix hatte nur einer Rechnung seines Stromversorgers widersprochen.

Bargteheide | Die Meinung der Nachbarn ist einhellig: „Wie gemütlich“. Doch dass Winfried Klix jeden Abend bei Kerzenschein verbringt, hat nichts mit Gemütlichkeit oder gar Romantik zu tun – es ist purer Pragmatismus. Dem 60-Jährigen wurde vor neun Monaten der Strom abgestellt. Und das, obwohl er alle Rechnungen bezahlt hatte. Seitdem sitzt er im Dunkeln – im wahrsten Sinne des Wortes, denn Klix ist sich keiner Schuld bewusst.

„Ich lebe wie im Mittelalter“, sagt Klix. Morgens nach dem Frühstück bereitet er sich schon auf das Mittagessen vor: Da der E-Herd zurzeit nutzlos ist, macht er sich die Konservendose auf einem Stövchen warm. „Nach etwa zwei Stunden hat das Teelicht die Dose dann erhitzt“, sagt Klix, der betont, früher stets frisch gekocht zu haben. Den Kühlschrank ersetzt ein Loch im Garten. Schon die Vorfahren hielten Butter, Marmelade und Co. so frisch, erinnert sich Klix an Erzählungen seiner Großeltern. Zum Wäschewaschen geht es zwar nicht mit dem Waschbrett an die Trave; Klix verstaut aber seine Schmutzwäsche in zwei Koffer und fährt damit per Bahn in ein SB-Münz-Wasch-Center nach Hamburg-Rahlstedt. Ein tagesfüllendes Programm, sagt Klix bescheiden.

Auf großem Fuß lebt Klix nicht. Früher wollte er Bauhandwerker werden. Eine Verletzung hinderte ihn daran. Aushilfsjobs auf dem Bau ließen ihn zumindest in dem Metier bleiben. Zeitweise arbeitslos, lebt Klix heute von einer kleinen Unfallrente und dem Austragen von Zeitungen.

Das Leben des Bargteheiders veränderte sich aber schlagartig am 18. April 2013. „Ohne weiteren Hinweis“, so Klix, klemmte ihm der Versorger den Strom ab. Warum, weiß er bis heute nicht.

Seit März 2011 wohnt der Heavy-Metal-Fan in einer 39-Quadratmeter-Wohnung. Ein Übergabeprotokoll mit allen Zählerständen wurde gefertigt. Der Stand für den Strom fand sich 21 Monate später auch auf einer Rechnung des Stromanbieters Eon wieder. Zu dem war Klix in der Zwischenzeit gewechselt. Und dessen erste Rechnung verstand Klix nicht. Eine Summe von fast 500 Euro und – was ihn mehr schmerzte – 130 Euro monatlichen Abschlag wollte Eon haben. „Früher habe ich gerade einmal 40 Euro pro Monat Abschlag gezahlt“, berichtet Klix, der der Rechnung schriftlich widersprach – und nicht zahlte.

In das Mehrfamilienhaus kamen zwei Mahnungen und im April 2013 der Eon-Mitarbeiter, der den Strom sperrte. Klix schrieb erneut Briefe an Eon, zurück kam eine neue Rechnung – im August. 166,98 Euro Mahn- und Sperrkosten sowie der Betrag für eine zukünftige Wiederinbetriebnahme summierten sich schnell. Klix bezahlte. Und wartete. Anfang Dezember schrieb er einen letzten Brief an Eon, ob er „Weihnachten auch bei Kerzenschein verbringen“ müsste. Keine Reaktion.

Klix wandte sich nun an das Stormarner Tageblatt. Auf Nachfrage reagierte Eon prompt, spielt den Ball aber zurück. Der Fall sei bekannt, die erwähnten Briefe von Winfried Klix aber nicht auffindbar. „Leider hat Herr Klix nicht bei uns angerufen, so dass wir – unter Einhaltung aller gesetzlichen Fristen – den Zähler im April 2013 sperren ließen“, sagt Verena Huber, Pressesprecherin von Eon Deutschland. Winfried Klix hatte sich für den klassischen Postweg entschieden. „Zum einen ist das sicherer und zum anderen kann ich mein Handy nicht aufladen, ich habe ja keinen Strom“, erklärt Klix, weshalb er Eon nicht einfach anrief.

Die beanstandete erste Rechnung mit dem Abschlag von 130 Euro sei aber rechtens, so Huber weiter, denn der Netzbetreiber habe auf Nachfrage von Eon bestätigt, dass „sich zu diesem Zähler für diesen Zeitraum kein anderer Lieferant gemeldet hatte“, so Huber. Und das heißt, dass der Wechsel von einem anderen Stromanbieter zu Eon nicht aktenkundig sei. Folge: Klix war die ganze Zeit bei Eon in der Grund- beziehungsweise Ersatzversorgung. „Deshalb haben wir Herrn Klix auch den gesamten Verbrauch in Rechnung gestellt“, erklärt Huber, räumt aber ein, dass durch die verspätete Anmeldung der Abschlag zu hoch berechnet worden sei.

„Wir sind immer gerne bereit, mit unseren Kunden zu sprechen, sind aber auch darauf angewiesen, dass sie sich bei uns melden, um den Abschlag neu zu berechnen“, sagt Huber. Dass Klix die letzte Rechnung bezahlt hatte, war Eon nicht entgangen. Seit Dezember habe ein Techniker gewartet, dass der 60-Jährige einen Termin für die Wiederinbetriebnahme vereinbart, so Huber.

„Davon wusste ich nichts“, sagt Klix. Und ohne Strom für das Mobiltelefon sei das für ihn problematisch. Ein Happy-End scheint aber zum Greifen nahe: „Wir bedauern, dass Herr Klix so lange ohne Strom gelebt hat“, sagt Verena Huber. „Heute haben wir die Wiederinbetriebnahme des Zählers erneut in Auftrag gegeben.“ Klix müsse dazu nur einen Termin mit einem Eon-Mitarbeiter vereinbaren – am besten telefonisch.

Aktualisierung: Seit heute hat Winfried Klix überraschend wieder Strom. Der 60-Jährige ist überglücklich: „Als erstes habe ich meinen Kühlschrank und die Waschmaschine wieder in Betrieb genommen.“

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erstellt am 28.Jan.2014 | 19:20 Uhr

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