Ein Kanal für die Lägerdorfer Zement-Fabriken

Bau der Störschleuse bei Münsterdorf 1874. Foto: Ortsgeschichtlicher Arbeitskreis Münsterdorf
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Bau der Störschleuse bei Münsterdorf 1874. Foto: Ortsgeschichtlicher Arbeitskreis Münsterdorf

150 Jahre Zementproduktion in Lägerdorf: 1878 schafft der Breitenburger Schifffahrtskanal eine Verbindung zur Stör

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10. August 2012, 08:08 Uhr

lägerdorf | Nach Gründung der ersten Zementfabrik durch Edward Fewer, 1862, entwickelte sich die Zementindustrie im Raum Lägerdorf/Itzehoe zusehends. Bereits 1863 gründete Gustav-Ludwig Alsen sein Unternehmen in Itzehoe. 1876 wurde die Zementfabrik von Thiele & Gripp in Lägerdorf gegründet.

Der Transport von fertigem Zement und von heranzuschaffender Kohle und Ton gestaltete sich für Lägerdorf sehr schwierig und konnte nur über Land mit Pferd und Wagen vorgenommen werden. Entweder über Münsterdorf nach Itzehoe oder über Breitenburg zur Breitenburger Fähre. Dort wurde auf Segelschiffe umgeladen, die den Zement direkt nach Hamburg brachten und Kohle als Rückfracht luden. Alles sehr umständlich. Es fehlte der direkte Wasserweg.

Beim Tode des Grafen Friedrich zu Rantzau, 1871, war sein einziger Sohn Kuno noch nicht großjährig. Er erhielt 1871 für sechs Jahre seinen älteren Vetter Graf Conrad zu Holstein auf Waterneverstorff als Vormund. Graf Conrad zu Holstein nahm auf Schloß Breitenburg mehrere sehr wichtige wirtschaftliche Veränderungen vor. Zu seiner Zeit wurde unter anderem der Weg von Breitenburg über die Fähre nach Itzehoe befestigt. Als sein bedeutendstes Werk muss aber die Anlegung des Breitenburger Kanals in den Jahren 1872 bis 1878 angesehen werden.

Ganz neu war die Idee jedoch nicht. Schon Graf Christian zu Rantzau ließ 1640 bis 1650 den Moorkanal bauen. Dieser war eine Verlängerung der Entwässerungsau der Hörnerniederung bis nach Münsterdorf. Davor war die Hörner-Au durch Kronsmoor zur Stör geflossen.

Durch den Bau des Moorkanales wurde das Wasser der Hörner-Au bei Münsterdorf über eine Sielschleuse in die Stör geleitet. Das brachte eine Wasserabsenkung von über einen Meter. Dadurch konnten Sümpfe entwässert und viele neue Wiesen angelegt werden. Auf dem Moorkanal fuhren flachgehende Torfkähne und brachten den Torf aus dem Breitenburger Moor nach Itzehoe, Wilster, Krempe, Glückstadt und zu anderen Orten. Die damalige Sielschleuse bei Münsterdorf lag viel tiefer als heute. Das hat man bei Ausgrabungen zum Bau einer neuen Schleuse, 1875, festgestellt. Das heißt, dass die Stör früher auch tiefer lag und im Laufe der vielen Jahre stark verschlickt ist.

Graf Conrad zu Holstein erkannte 1871 sehr genau, was sich in Lägerdorf anbahnte und hatte sicher auch schon die mögliche Gründung einer weiteren Fabrik auf gräflichem Grund und Boden in Lägerdorf im Auge.

Diese wurde als Breitenburger-Portland-Cement-Fabrik 1884 dann tatsächlich auch gegründet.

Seit 1884 Breitenburger Portland-Cement-Fabrik

Die Anfänge dieser Fabrik gehen auf den Hamburger Kaufmann Ludwig Kahl zurück, der im Februar 1883 mit Kuno Graf zu Rantzau einen Pachtvertrag über die Nutzung von Ländereien schloss. Auf einem großen Areal, direkt am Breitenburger Schifffahrtskanal, sollte die Fabrik entstehen, auf einem anderen Teil, dem Schinkeler Holz, die Kreidegrube eingerichtet werden. Ferner war eine Regelung zur Benutzung des Breitenburger Schifffahrtskanales Gegenstand des Vertrages. Der Pächter sollte für seine Transporte gegen Gebühr den Kanal benutzen, soweit die Beförderung auf dem Kanal "thunlich" ist. Auch die Schiffer hatten für jede Fahrt eine Abgabe an die Herrschaft Breitenburg zu zahlen.

Nun jedoch zurück zum Bau des Kanales: Der sechs Kilometer lange Kanal verbindet Lägerdorf mit der Stör. Er beginnt bei der Münsterdorfer Stör-Schleuse und endet bei der Breitenburger-Portland-Cement-Fabrik. Teilweise benutzte man beim Kanalbau von der Schleuse, seinerzeit Wellenschleuse genannt, bis zur Brücke im Moor den Moorkanal. Er wurde auf zehn Meter verbreitert und auf drei Meter vertieft, die Zufahrt zu den Fabriken wurde jedoch völlig neu geschaffen. Im Juli 1878 war der Kanal auf ganzer Länge befahrbar.

Ebenfalls 1878 erhielt das Werk Fewer einen Stichkanal mit Schiffswendebecken, den Julia Theresa Nugent, die damalige Fabrikeigentümerin, auf eigene Kosten bauen ließ. Leider ist dieser Stichkanal später zugeschüttet worden.

Die Gesamtbaukosten des Kanales betrugen 200 000 Mark. In den 1870er Jahren ein enormer Betrag, der allein von der Familie zu Rantzau getragen wurde! Wie notwendig er war, sieht man aus den Schiffszahlen. Allein bis zur völligen Fertigstellung hatten ihn schon 570 Schiffe passiert. Offiziell heißt der Kanal "Breitenburger Schifffahrtskanal".

Menschen zogen die Schiffe im Kanal

Jetzt konnten Frachtschiffe direkt über die Elbe, Stör und Breitenburger Schifffahrtskanal nach Lägerdorf fahren. Auf Elbe und Stör wurde gesegelt und mit der Tide gefahren. Nach Passieren der Münsterdorfer Schleuse, musste im Kanal per Menschenkraft oder mit Pferden getreidelt, das heißt, die Schiffe gezogen werden. Auf geraden Strecken wurde unter günstigen Umständen auch gesegelt.

Die ersten hier verkehrenden Segelschiffe waren aus Holz gebaut und hatten eine Tragfähigkeit von etwa 25 Tonnen. Um 1890 stieg die Tragfähigkeit auf 50 Tonnen. Nach dem 1. Weltkrieg wurden die Schiffe vielfach verlängert, so dass sie etwa 80 Tonnen trugen. 1901 wurde an Stelle der im Stördeich gelegenen alten Siel-Holzschleuse eine massive Schleuse mit hohen Fluttoren gebaut. Um 1908 benutzten etwa 3 000 Schiffe jährlich den Kanal. Seit 1927 gab es die ersten Motorschiffe.

Nach Lägerdorf transportierte man Kohle, Ton, Gips, Holz und Baustoffe. Von Lägerdorf abtransportiert wurde Zement in Holzfässern, Zement in Jutesäcken später in Papiersäcken, Baukalk, Düngekalk und Kreide.

Am Nordende von Rethwisch entwickelte sich durch den Kanal reges Leben und Treiben. An manchen Tagen lagen bis zu 60 Schiffe bei den Fabriken. In dieser Zeit entstanden Wohnhäuser, Geschäfte, Arbeiterwohnhäuser, drei Gaststätten, Schmiede, eine Schiffswerft und vieles mehr.

Einen besonderen Schiffstyp entwickelte im Jahr 1890 G. Junge auf seiner Werft in Wewelsfleth und baute davon mehrere Exemplare. Da diese Ewer den Lägerdorfer Kanal befahren sollten, durften sie die vom Grafen zu Rantzau bestimmten Höchstmaße nicht überschreiten. Sie wurden den angegebenen Maßen entsprechend gebaut und "Lägerdorfer Ewer" genannt. Schiffe wurden auch auf der Werft von Fack in Itzehoe gebaut und auf der Werft Fack in Rethwisch repariert.

Nach dem letzten Erweiterungsbau der Schleuse und des Kanals, 1961, durch Otto Graf zu Rantzau, wurde er für Schiffe bis zu 180 Tonnen freigegeben. So konnten im Jahre 1966 auf dem sechs Kilometer langen Kanal 125 463 Tonnen Zement und 74 807 Tonnen Material befördert werden. Der Transport per Lastkraftwagen und per Bahn nahm allerdings immer mehr zu. Nachdem zuletzt nur noch Öltanker den Kanal befahren hatten, wurde die Kanalschifffahrt 1975 eingestellt. Das Schleusenbecken wurde an den Münsterdorfer Yachtclub vermietet, der dort seinen Heimathafen fand.

Nach Auskunft von Otto Graf zu Rantzau im Januar 2010, gehört das Schleusenbecken mit Schleuse bei Münsterdorf nach wie vor der Familie zu Rantzau. Die Unterhaltskosten sind hoch. Die Schleusentoranlage im Deich der Stör sei marode und müsste neu aufgebaut werden, um den Kanal schiffbar zu erhalten. Dafür gebe es aber kaum noch einen Grund. Man möchte mit dem Deich- und Sielverband eine Lösung finden.

Das ist inzwischen geschehen. Man hat sich zum Abriss der historischen Schleusentoranlage entschieden, um dort ein neues Siel einzubauen. Im Frühjahr 2011 verließen die Sportboote des Münsterdorfer Yachtclubs den Heimathafen und konnten nicht mehr zurückkehren. Die Boote liegen nun an der mittlerweile verlängerten Schlengelanlage am Störufer neben der Schleuse.

Die Abrissarbeiten liefen bereits über Sommer 2011, und die Bauarbeiten wurden im Jahr 2012 abgeschlossen. Der Breitenburger Schifffahrtskanal ist heute ein reiner Entwässerungskanal.

Quellen: "Lägerdorfer Chronik II", Reimer Wentorp, 1986; "Die Kanäle Schleswig-Holsteins in Vergangenheit und Gegenwart", Werner Scharnweber.

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