Effektiver Naturschutz durch ökologische Landwirtschaft

Dr. Thorsten Biegemann von der Christian-Albrechts-Universität Kiel demonstriert eine Methode zur Erfassung der CO2-Freisetzung.
Dr. Thorsten Biegemann von der Christian-Albrechts-Universität Kiel demonstriert eine Methode zur Erfassung der CO2-Freisetzung.

Auf dem Gut „Hof Ritzerau“ des Unternehmers Günther Fielmann forschen seit 14 Jahren Wissenschaftler der Universität Kiel

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03. Juli 2014, 10:06 Uhr

Ein ganzer Hofbetrieb als Forschungsprojekt – das ist wohl einmalig in Deutschland. Auf dem Gut „Hof Ritzerau“ im Kreis Herzogtum Lauenburg, das der Unternehmer und Biobauer Günther Fielmann vor 15 Jahren erwarb, forschen Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Günther Fielmann stellte den 250 Hektar großen Betrieb nach und nach von konventionellem auf biologischen Landbau um und ließ die Veränderungen von Anfang an wissenschaftlich begleiten. Das aufwändige und auf Jahrzehnte angelegte Messprogramm lieferte bisher einmalige Langzeitdatenreihen, die wichtige und international anerkannte Ergebnisse über die zunehmende Vielfalt der Tier- und Pflanzengemeinschaften, zum Wasser- und Stoffhaushalt, aber auch zu Fragen der ökologischen und ökonomisch-effizienten Bewirtschaftung liefern. Nur so lassen sich nämlich wissenschaftlich seriöse Aussagen zum Vergleich ökologischer und konventioneller Landwirtschaft machen.

Dabei ist Hof Ritzerau kein Versuchsgut im herkömmlichen Sinn, auf dem im Parzellenmaßstab experimentiert wird, sondern ein eigenständiger Betrieb, der unabhängig von laufender Forschung schwarze Zahlen schreiben muss. Etwa 70 Prozent der Hoffläche entfallen auf Ackerland, 10 Prozent auf Grasland, der Rest verteilt sich auf kleine Wasserflächen, Knicks und Sträucher. Der Forschungsansatz ist interdisziplinär und reicht von Boden, Wasser, Flora und Fauna über den Pflanzenanbau und Pflanzenschutz bis zur Ökonomie. Er ist nicht nur darauf ausgerichtet, die Auswirkungen auf die belebte und unbelebte Umwelt zu verfolgen, er soll auch Anbauverfahren weiterentwickeln und damit den ökologischen Landbau insgesamt voranbringen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen der Uni Kiel setzten nicht erst mit der Umstellung des Betriebes ein, sondern bereits mit der Analyse des Ausgangszustandes vor 14 Jahren, denn dieses Forschungsvorhaben sollte frei von Unsicherheiten sein. Um die Finanzierung sicherzustellen, wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, die Investitionen des Gesamtvorhabens bewegen sich im zweistelligen Millionenbereich.

Die Umstellung auf Ökolandbau zeigt bereits große Wirkung, denn seltene und gefährdete Arten kehren zurück. Das ganze Erscheinungsbild der Flächen hat seinen Charakter erheblich verändert: In den vormals eintönigen Getreideflächen sind heute wieder ausgedehnte Bestände von Kornblume und Klatschmohn anzutreffen. So wurden extra Rand- und Blühstreifen mit Saatmischungen angelegt, die auch für viel Tierarten wichtig sind. Bei den Tieren stellten sich einige Erfolge der Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung schnell ein, andere werden erst jetzt nach 14 Jahren deutlich: Seit Beginn der Umstellung auf ökologischen Landbau ist die Anzahl der Brutvogelreviere auf Hof Ritzerau von 49 auf 134 gestiegen.

Mit dem Wegfall von Pestiziden und Kunstdünger sowie vielfältigeren Fruchtfolgen stieg das Nahrungsangebot für die Vögel deutlich an. Bereits in den ersten Jahren wurde die Zunahme von brütenden Lerchen beobachtet, die als gefährdete Brutvogelart auf der Roten Liste stehen, inzwischen aber hat sich Ritzerau zum regelrechten „Lerchenparadies“ entwickelt. Auch sehr seltene Vogelarten wie der Wachtelkönig kommen hier inzwischen wieder vor. Seltene Schmetterlingsarten können vor allem in den durch Beweidung nun lichteren Waldrandbereichen wieder regelmäßig beobachtet werden. Bei den Amphibien dauerte die Rückkehr länger, da die Gewässer durch die frühere konventionelle landwirtschaftliche Nutzung kaum noch als Laichplätze geeignet waren. Nach Renaturierungsmaßnahmen treten in den Kleingewässern inzwischen acht Amphibienarten auf, unter anderem Kammmolch, Knoblauchkröte, Laubfrosch und Moorfrosch.

Untersuchungen zum Wasser- und Nährstoffhaushalt zeigen, dass sich auch die Wasserqualität in Oberflächengewässern verbessert hat. Auf den Äckern, die mit dem Anlegen von Grünstreifen durchgängig gemacht wurden, hat sich die Situation ebenfalls deutlich verbessert: Goldlaufkäfer und zahlreiche andere Insekten findet man heute sogar in den zentralen Ackerbereichen. Allmählich schwindet die Barrierewirkung der konventionellen Äcker, die als eine Ursache für den Artenschwund in der Agrarlandschaft angesehen wird. Nach zehn Jahren Biowirtschaft hat sich sogar die Regenwurmfauna auf den Äckern deutlich verändert. Nach Untersuchungen wälzen die Regenwürmer auf 160 Hektar Ackerfläche des Guts rund 900 Tonnen Erde pro Jahr um.

Fazit: Die vielfältigen und wissenschaftlich spannenden Untersuchungsergebnisse konnten nur erzielt werden, weil Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen die Umstellung von ehemals konventioneller auf ökologische Betriebsführung gemeinsam und langfristig begleiten. Denn nur anhand von langjährigen Datenreihen lassen sich diese langsamen Veränderungen und positiven Effekte erkennen und bewerten.






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