E 605 in der Portweinflasche und der Vermieter stirbt

Die Verhandlung findet in der Außenstelle des Landgerichts Lübeck in Blankensee statt.
Die Verhandlung findet in der Außenstelle des Landgerichts Lübeck in Blankensee statt.

Avatar_shz von
13. September 2019, 14:52 Uhr

Lütjensee/Lübeck | Ein nicht enden wollender Streit mit dem Vermieter, kleine Diebstähle, Zurechtweisungen und Beleidigungen, Mietschulden und eine drohende Räumungsklage: Dieser nervenaufreibende Zustand habe einen 23-jährigen Oldesloer zu einer grausamen und hinterhältigen Tat veranlasst. Er soll seinen Vermieter mit dem Gift E 605, dessen Verwendung als Pflanzenschutzmittel seit 2002 verboten ist, vergiftet haben.

Das Opfer – ein 56-jähriger Mann aus Lütjensee – hatte zwei Flaschen des Giftes auf seinem Grundstück aufbewahrt – eine im Schuppen, eine in seiner Küche. Als der Vermieter nachts zur Arbeit aus dem Haus gegangen sei, habe der Angeklagte Patrick D. am Abend des 18. Februars gemeinsam mit seinen beiden Untermietern Lea H. und Jan S. (beide heute wohnhaft in Reinfeld) die Gelegenheit genutzt, in die Wohnung einzudringen. Man habe das Gift-Fläschchen aus dem Schrank geholt und eine nicht definierbare Menge in eine offene Portweinflasche im Wohnzimmer gegossen. Aus dieser Flasche habe das Opfer am nächsten Morgen getrunken und danach sofort den Notruf alarmiert. Nur 20 Minuten später verstarb der 56-Jährige noch im Rettungswagen.

Staatsanwalt Nils-Broder Greve geht von heimtückischem Mord aus, da der Angeklagte den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen und das Opfer arglos aus der Flasche getrunken habe.

Der Angeklagte sitzt mit gesenktem Kopf im Gerichtssaal der Außenstelle des Landgerichts in Blankensee. Er trägt ein grünes Sweatshirt. Er will aussagen. „Ich gestehe“, sind seine ersten Worte. Er habe seinem Vermieter einen Streich spielen wollen. Richterin Helga von Lukowicz will es genauer wissen. Der Angeklagte entgegnet: Er habe nicht gewusst, dass es sich um E 605 handele und was dies bewirken könne. „Ich habe gedacht, dass da Spiritus drin war“, verteidigt er sich. So habe es auch gerochen. „Da hätten Sie doch mal in Ihrem Smartphone nachschauen können“, wirft die Richterin ein. Denn auf der Flasche stand klar und deutlich: „Achtung Gift: E605, Eine Kappe auf einen Liter“. Er habe geglaubt, mit einem Tropfen der Flüssigkeit seinen Vermieter mit Magenbeschwerden oder Durchfall für einige Zeit außer Gefecht setzen zu können. „Wenn er betrunken war, war er unausstehlich“, berichtet der Angeklagte.

Der Vermieter habe ihn beleidigt und bedroht, eine „Pestbeule“ genannt, ihn erniedrigt. Am Tatabend habe er seinen Mietvertrag bei ihm gesucht und sei dann zufällig auf das Fläschchen mit Gift gestoßen. Hinterher seien ihm Zweifel an seiner Tat gekommen. Doch aus Angst habe er nichts weiter unternommen und sei zur Arbeit gegangen. Mit dem Tod des Mannes habe er nicht gerechnet. Seine beiden Begleiter hätten ihn gefragt, ob er denn sterben könnte. „Es wird schon nichts passieren“, habe er ihnen geantwortet.

Richterin Lukovicz konfrontiert ihn mit seinen abweichenden Aussagen im Protokoll der Polizeivernehmung. Diese habe er sich hinterher nicht mehr durchgelesen und einfach so unterschrieben, so der Angeklagte.
Auch seine beiden 19-jährigen Mitbewohner bringen wenig Licht ins Dunkel. Beide befinden sich, anders als der Angeklagte, nicht in Untersuchungshaft und sind zudem ein Paar. An diverse Details des tragischen Geschehens wollen sie sich nicht mehr erinnern können. Sie seien dabei gewesen, hätten aber weder gesehen, was auf der Giftflasche gestanden habe, noch hätten sie sie in der Hand gehalten. Sie beide hätten Patrick D. sogar gebeten, „es zu lassen“. Hätte sie beide gewusst, dass „Schlimmeres“ passieren könnte, hätte sie es verhindert, betont die junge Frau. Beide hätten auch den Gedanken gehabt, nach dem Umfüllen die Flasche mit dem tödlichen Gift wegzukippen, hätten aber zu viel Angst gehabt. Ihre kategorische Antwort vor Gericht auf viele Fragen: „Ich weiß es nicht mehr.“

Am Ende kommt doch noch ein interessantes Detail ans Tageslicht: Patrick D. habe beide nach einer Spritze gefragt, um eventuell auch noch die Lebensmittel im Kühlschrank mit E 605 zu vergiften. Am Ende des ersten Verhandlungstages hält Richterin Lukowicz ein weiteres belastendes Papier in Händen: Die soeben eingetroffene DNA-Analyse der Haare des Opfers. Auch darin wurde die tödliche Substanz einwandfrei nachgewiesen. Ein Hinweis darauf, dass das Gift dem Opfer wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum verabreicht wurde.


>Der Prozess: Es sind weiter vier Verhandlungstage angesetzt und neun Zeugen und drei Sachverständige geladen.


zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen