„Donald Trump ist eine Katastrophe“

Schlager-Star, Schauspieler, Swinglegende – und seit 28 Jahren Wahlhamburger: Bill Ramsey.
Schlager-Star, Schauspieler, Swinglegende – und seit 28 Jahren Wahlhamburger: Bill Ramsey.

Musiker Bill Ramsey über alberne Schlager, seine Liebe zum Jazz und die deutsch-amerikanische Freundschaft

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04. Oktober 2018, 09:26 Uhr

Noten lesen hat er nie gelernt, und doch lebt Bill Ramsey Musik wie kaum ein anderer. Der Wahlhamburger mit dem Blues in der Stimme ist ein Grenzgänger zwischen Schlager und Jazz. Auch mit 87 Jahren swingt er noch regelmäßig im Radio.

Herr Ramsey, was bedeutet Ihnen Musik?
Bill Ramsey: Was soll ich darauf antworten? Musik ist einfach ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

Können Sie sich an den ersten Kontakt zur Musik erinnern?
Ja, der kam durch meinen Vater in den USA zustande. Er spielte Piano. Klassik, viel Chopin und List. Aber er war auch ein offener Mensch und hat es akzeptiert, dass ich später Boogie Woogie auf seinem Steinway gespielt habe (lacht).

Warum Boogie Woogie?
Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, hat mich mein Vater mitgenommen in einen Night Club in New York. Dabei war ich eigentlich viel zu jung für einen Nachtclub (lacht). Hazel Scott hat gesungen, eine Farbige, die klassische Musik im Boogie-Woogie-Stil machte. Von da an war ich absolut nur noch für schwarze Musik zu haben.

Was faszinierte Sie daran?
Schwarze Musik ist sehr lebendig, voller Spaß und sehr authentisch. Außerdem habe ich unser Personal zu Hause in Cincinnati/Ohio sehr geliebt, das waren Schwarze. Die haben immer ihre Musik im Radio gehört.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Musiker werden wollen?
Ich glaube, so mit zwölf, 13 Jahren. Ich habe die Platten meiner Schwestern gespielt, die großen Big Bands wie Glenn Miller. Ich habe das sehr, sehr genossen und mich seither ständig mit dieser Musik beschäftigt.

. . .  und dann angefangen, ein Instrument zu lernen?
Nein, nein. Ich kann bis heute kein Noten lesen und habe nie ein Instrument erlernt.

Trotzdem sind Sie Musiker geworden?
Ich habe mir die Sachen selber beigebracht und ein bisschen Piano gespielt, vor allem Boogie Woogie. Boogie Woogie ist sehr einfach, im Grunde reine Bluesmusik mit immer derselben harmonischen Zusammenstellung. Das hatte ich schnell intus. Ein bisschen Talent war wohl vorhanden.

Was führte den Blues-Liebhaber und Selfmade-Musiker Bill Ramsey nach Deutschland?
Ich kam während des Korea-Krieges 1952 als GI der Air Force nach Frankfurt, als Offiziersberater.

Hatten Sie kein Problem damit, nach Deutschland zu gehen, dem Feind aus dem Zweiten Weltkrieg?
Nein. Ich hatte überhaupt nichts gegen die Deutschen. Und je länger ich geblieben bin, desto mehr wunderbare Freunde habe ich gefunden. Das war auch der Grund, warum ich nach der Militärzeit geblieben bin.
Zumal in Frankfurt Ihre Karriere begann . . . ?
Ja. In meiner Freizeit habe ich damals nicht in amerikanischen, sondern in deutschen Clubs Boogie Woogie gespielt. Ich knüpfte Kontakte zu deutschen Musikern, unter anderem zum berühmten Jazz-Posaunisten Albert Mangelsdorff. Auch Paul Kuhn, James Last, Ernst Mosch und viele andere spielten in diesen Clubs, in denen ich mich zu Hause fühlte. Der US-Soldatensender AFN hat mich dann zum Chefproduzenten gemacht. Ein wunderbarer Job. Ich konnte den ganzen Tag Musik hören und hatte viele Freiheiten.

Berühmt wurden Sie nicht mit Jazz oder schwarzer Musik, sondern mit deutschen Schlagern. Wie kam es zu dem abrupten Wechsel?
Im Jazz-Keller in Frankfurt habe ich Heinz Gietz kennengelernt, einen der wichtigsten Musikproduzenten der Zeit und später ein enger Freund. Er hat mich gefragt: Willst Du ´ne Platte machen? Ich war ein armer Soldat und habe gesagt: Ja, selbstverständlich.

Warum Schlager?
Gietz stellte mich vor die Wahl: Rock’n’Roll oder was Lustiges? Und ich wollte es lieber lustig.

Mit dieser Art Musik hatten Sie kein Problem?
Nein, überhaupt nicht. Gietz und all die anderen Bekannten hatten wie ich als musikalischen Hintergrund den Jazz. Das hat uns verbunden.

Ab Ende der 50er Jahre feierten Sie Hits in Serie: „Souvenirs“, „Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“, „Pigalle“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“. Das war nicht nur lustig, viele fanden das albern …?
Ja, das war albern, aber für mich war das völlig in Ordnung. Die Texte waren häufig kabarettistisch. „Zuckerpuppe“ ist die Persiflage auf ein Ereignis im Ruhrpott, bei dem ein Scheich ein Mädchen in den Orient mitgenommen hat. „Pigalle“ bezog sich auf all die deutschen Kegelclubs, die nach Paris fuhren. Souvenirs sammelten die Deutschen, als sie endlich wieder nach Italien reisen konnten. Und „Mimi“ war eine Reaktion auf die TV-Krimis, die damals die Straßen leergefegt haben. Die Lieder waren ein Spiegelbild der Wirtschaftswunderzeit.

Können Sie „Zuckerpuppe“, „Mimi“ und Co. heute noch hören?
Oh ja. Ich lege mir die Platten zwar nicht auf, aber das sind schon lustige Sachen, die sind mir nicht unangenehm. Ich bin Realist. Für mich waren diese Schlager eine große Sache und ein großer Erfolg. Ich habe ungefähr 1,5 Millionen Platten verkauft.

Erfolgreich waren Sie auch auf der Leinwand. Wie kam es dazu?
Heinz Gietz hat mich immer wieder fürs Kino empfohlen, insgesamt bin ich in fast 30 Filmen aufgetreten, meistens als Musiker. Von dort bin ich zum Fernsehen gekommen, das ging Hand in Hand.

Wie muss man sich die Ausmaße Ihrer Popularität damals vorstellen? Haben Menschen Sie auf der Straße angesprochen?
Oh ja, sehr häufig. Das kam vor allem durch die Verbreitung über das Fernsehen und die Filme. Das waren vielleicht keine großen Kunstwerke, aber zum Teil gut gemachter Klamauk. Die Menschen empfanden das damals als enorme Erleichterung und willkommene Ablenkung vom Alltag.

Ihr eigener Lieblingsfilm?
„Die Schweizermacher“ (1978, d.Red.). Ich habe einen amerikanischen Musiker gespielt, der Schweizer Komiker Emil Steinberger war auch dabei. Der Filmstoff war für mich damals so aktuell, weil ich selber überlegte, Schweizer Bürger zu werden.
Dazu kam es nicht. Sie haben 20 Jahre in Zürich gelebt, danach in Wiesbaden. Was hat Sie 1991 nach Hamburg verschlagen?
Meine jetzige Frau ist in Hamburg geboren und hat damals hier wieder einen Job bekommen. Ich war heilfroh. Hamburg war immer meine Lieblingsstadt. Und hier war es auch einfacher als in Wiesbaden, mal unerkannt durch die Stadt zu gehen.

Sie sind 1983 deutscher Staatsbürger geworden. Warum?
Ich wollte endlich zu Hause sein, wo ich zu Hause bin. Auch juristisch.

Sind Sie politisch interessiert?
Ja, das bin ich. Heutzutage kann man gar nicht mehr apolitisch sein.

Wie denkt der gebürtige US-Amerikaner Bill Ramsey über Donald Trump?
Donald Trump ist für mich eine Katastrophe. Er ist ungebildet. Der Mann ist indiskutabel.

Leidet die deutsch-amerikanische Freundschaft unter Trump?
Ja, die leidet. Aber ich hoffe, das bleibt eine Episode.

Sind Sie musikalisch noch aktiv?
Konzerte gebe ich aus gesundheitlichen Gründen inzwischen nicht mehr. Das letzte war im Juli in Darmstadt, zusammen mit einer Frankfurter Band mit Weggefährten aus alten Zeiten.

Sie sind 87 Jahre alt. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Bei mir wurde kürzlich Parkinson diagnostiziert. Aber es geht mir ganz gut.

Trotzdem sind Sie in der Öffentlichkeit noch immer regelmäßig zu hören?
Ja. Ich mache weiterhin einmal im Monat die Radiosendung „Swingtime“ im Hessischen Rundfunk auf HR 2. Ins Studio reise ich dafür nicht mehr, die HR 2-Kollegen kommen zu mir in die Wohnung und nehmen die Moderation auf.

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