Nach 44 Amtsjahren : Dienstältester Bürgermeister geht in den Ruhestand

Einer seiner letzten Dienstgänge durch die Gemeinde: Hinrich Roß legt heute Mandat und Bürgermeisteramt nieder - nach 44 Jahren.
Einer seiner letzten Dienstgänge durch die Gemeinde: Hinrich Roß legt heute Mandat und Bürgermeisteramt nieder - nach 44 Jahren.

Seit 1966 wurde Hinrich Roß elf Mal zum Gemeindeoberhaupt von Heiligenstedtenerkamp gewählt. Jetzt legt er sein Amt in jüngere Hände.

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01. Januar 2011, 03:05 Uhr

Heiligenstedtenerkamp | 1966. England wird Fußballweltmeister, Radfahrer Rudi Altig geht als Straßenweltmeister in die Sportgeschichte ein. Und zum Jahresende fliegt in der Bundeshauptstadt Bonn die CDU/FDP-Koalition auseinander - Kurt Georg Kiesinger wird im Dezember dritter deutscher Bundeskanzler. Zu diesem Zeitpunkt ist Hinrich Roß schon seit gut zwölf Wochen Bürgermeister.
29. August: In San Francisco stehen zum letzten Male die Beatles gemeinsam auf der Bühne. Und in Heiligenstedtenerkamp beginnt eine kommunalpolitische Ära, die am Silvestertag zu Ende geht. Nach mehr als 44 Jahren legt Hinrich Roß zum Jahreswechsel sein Ehrenamt als Bürgermeister von Heiligenstedtenerkamp in jüngere Hände. "Hier ist mein Kündigungsschreiben", sagt der 81-Jährige schmunzelnd und zeigt den Brief, mit dem er sich bei seinen langjährigen Mitstreitern in der Gemeindevertretung verabschiedet.
Gründung einer eigenen Freiwilligen Feuerwehr
"Es hat mir Freude gemacht, dieses Amt über einen so langen Zeitraum wahrzunehmen", schreibt Roß und dankt für die Unterstützung durch den Gemeinderat, durch die mehr als 700 Einwohner - und seine Frau Elfriede. Die wusste noch auf Anhieb, an welchem Tag genau ihr Mann ein Amt übernommen hat, das ihn und seine Heimatgemeinde geprägt hat. Dafür kann Hinrich Roß sich noch ganz genau an seine erste Amtshandlung erinnern: "Wir haben uns Stangen über den Rücken geworfen, die Schaufel geschnappt und erst einmal Straßenschilder eingegraben." Es war eine Zeit, als von den kommunalen Vertretern noch echte Hand- und Spanndienste erwartet wurden. Einer seiner nächsten Schritte war dann die Gründung einer eigenen Freiwilligen Feuerwehr. Bis dahin gab es nur eine zu Kremperheide gehörende Löschgruppe.
Hinrich Roß denkt auch mit ein bisschen Wehmut an die guten alten Zeiten zurück. Damals, vor 44 Jahren, gehörte Heiligenstedtenerkamp noch zum Amt Heiligenstedten. Gerade mal eine Handvoll Mitarbeiter hatte die in der Blomestraße residierende Verwaltung. Und jeden Sonnabend ging der Amtsbote auf Tour. "Von ihm erfuhren wir alle Neuigkeiten." Oder auch von Besuchern aus dem Dorf, die im Bürgermeisterhaus einen der wenigen öffentlichen Telefonapparate - mit Gebührenzähler natürlich - nutzen wollten.
Dorfschule mit Kohleheizung
Bis in die 70er Jahre hinein gab es am Kamp noch eine eigene Dorfschule. "Mit Kohleheizung", betont Roß. Bei seinem Amtsantritt gab es im ganzen Ort allerdings keinen einzigen befestigten Bürgersteig. Auch die Ver- und Entsorgungssysteme steckten im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen. "Damals nutzten die meisten Einwohner noch das Häuschen mit dem Herz in der Tür", weiß Hinrich Roß, der sich in seinem Geburtsort wohl wie kein anderer auskennt. Ob er auch jeden seiner rund 725 Einwohner persönlich kennt ? "Ja!" versichert Roß spontan - um dann doch ein kleines bisschen einzuschränken. Schließlich gebe es im Ort einige Mietwohnungen, wo öfter mal Menschen ein- und wieder ausziehen. Im Zweifel dürften diese dann aber ihren Bürgermeister kennen.
Hinrich Roß ist regelmäßig auf Tour, schaut überall selbst nach dem rechten. "Jetzt müssen wir aber Schluss machen, gleich kommt der Schneepflug." Der Bürgermeister schaut auf die Uhr, frei geräumte Straßen sind ihm wichtiger als ein großer Abschiedsbericht. Diese Bescheidenheit kommt im Gespräch immer wieder deutlich heraus. Auf was er in seinen Amtsjahren besonders stolz sei? "Ich habe hier ja nichts alleine gemacht. Wir haben in der Gemeindevertretung fast alles einstimmig beschlossen." Elf Mal wählte ihn diese Gemeindevertretung zu ihrem Vorsitzenden. Bei den Kommunalwahlen hatte Hinrich Roß im Ort stets die meisten Stimmen bekommen. Was viele nicht wissen: Roß ist einer der ganz wenigen Dorfbürgermeister mit SPD-Parteibuch. "Einmal hatten wir im Gemeinderat eine 7:2-Mehrheit. Das ist nicht gut, da wird man zu frech", sagt Roß, in dessen Gemeinde die große Parteipolitik eine eher kleine Rolle spielte.
Feuerwerk zum Abschied
Ob er mit seinen 44 Amtsjahren immer zufrieden gewesen sei? Allenfalls "Kleinigkeiten" hätten ihn mal gestört. "Wenn man will, kann man sich ja auch jeden Tag ärgern", sagt der gelernte Maurer mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich mehr als die Hälfte seiner Lebensjahre für seine Gemeinde eingesetzt hat. Was man denn als Bürgermeister mitbringen müsse? "Man muss trinkfest und arbeitsscheu sein", sagt Roß lachend. Vor allem aber muss man wohl auch viel Freizeit investieren. "Ohne die Unterstützung der Frau geht das gar nicht." Ganz wichtig, und das betont der Bürgermeister gleich mehrfach, sei die gute Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden wie Kremperheide und Hodorf, aber auch mit der Kreisstadt Itzehoe. Aus all seiner Erfahrung weiß Hinrich Roß auch: "Als Bürgermeister muss man manchmal einfach mal nur Glück haben." Zum Beispiel in einem früheren strengen Winter, als in seinen Gemeindegrenzen ein Einwohner zu Hause war, der allabendlich über ein eigenes Räumfahrzeug verfügen konnte. "Da hatten wir weit und breit die besten Straßen."
"Ich soll mit einem großen Feuerwerk verabschiedet werden", fügt Roß noch einmal schmunzelnd hinzu. Zumindest die ein oder andere Rakete dürften die Heiligenstedtenerkamper mit den besten Wünschen für ihr langjähriges Gemeindeoberhaupt abschießen. Eigentlich will Hinrich Roß um sein Amt und seine Person gar nicht viel Aufhebens machen. Seinem designierten Nachfolger Otto Tönsing übergibt er eine unterm Strich schuldenfreie Gemeinde mit nur wenigen Baustellen. "Die Straßenbeleuchtung muss noch gemacht werden. Aber das ist nicht mehr mein Problem." Als letzte Amtshandlung machte Roß noch einmal die Runde, um Stromzähler in Schaltkästen und Gemeindehäusern abzulesen. Und heute muss er dann nur noch das Feuerwerk bewundern - das auch ein bisschen dem Lebenswerk des weit und breit dienstältesten Bürgermeisters gilt.

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