Bargteheide : Die Zahl armer Kinder ist weiter gestiegen

Birgitt Zabel und Ingo Loeding vom Kinderschutzbund mit dem Kinderarmutsbericht.
Birgitt Zabel und Ingo Loeding vom Kinderschutzbund mit dem Kinderarmutsbericht.

Der Deutsche Kinderschutzbund legt dritten den Armutsbericht für Stormarn vor. Die Situation, vor allem für Kinder, habe sich weiter verschlechtert.

shz.de von
31. Mai 2018, 06:00 Uhr

„Seit dem Jahr 2003 hat sich ihre Situation permanent verschlechtert. Jedes dritte Kind lebt heute in Armut.“ Das geht aus dem dritten Armutsbericht hervor, den der Deutschen Kinderschutzbund in Stormarn (DKSB) am Mittwoch vorgelegt hat. Diese Situation müsse sich nach der Kommunalwahl jetzt ändern, wo sich die Gremien neu konstituieren, sagt Ingo Loeding, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes in Stormarn: „Jetzt sind die Kinder dran, wir werden die Politik in die Pflicht nehmen.“

Alle Entscheidungsträger in den Kommunen und im Kreis seien dazu aufgefordert. Sie erhalten jetzt den Bericht, der in einer Auflage von 2000 Exemplaren erschienen ist. Bei der Datenerhebung wurden nicht nur Kinder berücksichtigt, die auf Hartz IV-Leistungen angewiesen sind. „Wir haben auch die Kin-der einbezogen, die Anspruch auf das Bildungs- und Teilhabepaket haben“, erläutert Loeding. Damit kämen noch einmal 75 Prozent hinzu. So gerechnet komme man in Bad Oldesloe etwa auf 1450 Kinder.

„Damit ist mindestens jedes dritte Kind dort in einer Armutssituation“, sagt die Vorsitzende Birgitt Za-bel. Ähnlich sei die Situation in Glinde. Es sei demütigend für diese Kinder, dass sie nicht auf Klassenfahrt gehen oder andere zum Geburtstag besuchen könnten, weil das Geld fehle. Ohnehin sei das Schulbasispaket mit 100 Euro jährlich viel zu gering bemessen, das seit zehn Jahren nicht erhöht wurde, so Loeding: „Wir haben eine Umfrage bei Eltern gemacht. Danach betragen die tatsächlichen Kosten für ein Schuljahr etwa 350 Euro im Jahr.“ Bildung sei schon lange nicht mehr kostenlos.

Kinderarmut sei immer die Einkommensarmut der Eltern, etwa durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, so Birgitt Zabel. Hartz IV sei ungeeignet zur Lösung des Armutsproblems, sagt Loeding: „Bei der Ermittlung der Bedarfssätze werden immer wieder Gruppen herausgerechnet.“ Dazu gehörten Unterhaltszahlungen der Väter. Auch von der Erhöhung des Kindergelds profitierten diese Familien nicht, denn diese Leistung werde voll auf den Bedarfssatz angerechnet. Auf der anderen Seite könnten Besserverdiener deutliche Steuervorteile geltend machen.

Keine Kommune in Stormarn erhebe diese Daten, kritisiert Loeding: „Wir haben sie von den statistischen Ämtern bezogen.“ Kinder in solchen Lebenssituationen würden stigmatisiert, sagt Brigitt Zabel: „Man sieht diese Armut aber nicht, weil die Kinder nicht am öffentlichen Leben teilnehmen.“

Trotz geringer Arbeitslosigkeit gehe die Schere zwischen Arm und Reich in Stormarn immer weiter auseinander, so Loeding. Er fordert deshalb eine Grundsicherung für Kinder, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Das werde inzwischen auch in der Politik ernsthaft diskutiert. „Wir sehen mit wachsendem Unverständnis, dass es hier keine Veränderungen gibt“, sagt Loeding. Die Rahmenbedingungen unter denen diese Kinder aufwüchsen, sei eine Form von struktureller Gewalt. Das Recht auf Sicherheit und eine Zukunftsperspektive werde stetig verletzt. Arme Kinder seien weniger gut ernährt, was zu Lernstörungen und chronischen Belastungen führe, so Zabel. Der Regelsatzbedarf für Kinder bis zu sechs Jahren für Ernährung betrage zurzeit 84 Euro, also weniger als drei Euro pro Tag.

Etwas besser sei die Situation nur in Bargteheide geworden, so Ingo Loeding: „Das liegt aber auch daran, dass Eltern die Mieten in der Stadt nicht mehr bezahlen können und aufs Umland ausweichen.“ Das werde in der Arbeit des Kinderschutzbunds deutlich.


















































































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