Die Werft von Johann Heinrich Fack in Itzehoe;Schiffszimmerer wie der Vater;Acht Schiffe fahren heute noch

Auf dem Brook, gegenüber der 'Alsenschen Portland Cement-Fabrik' lag seit 1880 die  Werft.  Fotos: Sammlung H. Karting
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Auf dem Brook, gegenüber der "Alsenschen Portland Cement-Fabrik" lag seit 1880 die Werft. Fotos: Sammlung H. Karting

Es dürfte in der deutschen Schiffbaugeschichte wohl einmalig gewesen sein, dass fünf Brüder zur selben Zeit fünf verschiedene Werften betrieben. Herbert Karting, pensionierter Elblotse und Autor zahlreicher Sachbücher, stellt in seiner "Itzehoer Schifffahrtschronik" auch die Itzehoer Fack-Werft vor. Der nachfolgende Auszug gibt einen Einblick in die Schiffbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts im Unterelberaum.

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10. Oktober 2009, 04:59 Uhr

Die Familie Fack war um 1900 eine der bekanntesten Schiffbauerfamilien Holsteins. Vater Hans Fack soll seit 1852 in Itzehoe eine kleine Ewerwerft betrieben haben, auf der er bis 1856 hölzerne Ewer zimmerte, die sich jedoch bisher nicht namentlich nachweisen lassen. 1856 verlegte er den Betrieb nach Wilster. Die Werft wurde 1876 vom Sohn Johannes Fack übernommen, aber um 1884 aufgegeben. Inzwischen hatte Hans Fack 1873 in Burg/Dithmarschen eine zweite Werft gegründet, die sich ebenfalls überwiegend mit dem Ewerbau beschäftigte. Diesen Bauplatz übergab er 1899 an seinen zweiten Sohn Ferdinand Fack, der dort noch bis 1905 neue Ewer zimmerte. Zwei weitere Söhne, Hermann Fack und Wilhelm Fack, besaßen Werften in Tönning beziehungsweise Rethwisch bei Lägerdorf, während ein fünfter, Johann Heinrich Fack, 1880 wieder einen Schiffbauplatz in Itzehoe anlegte. Es dürfte in der deutschen Schiffbaugeschichte wohl einmalig gewesen sein, dass fünf Brüder zur gleichen Zeit fünf verschiedene Werften betrieben.

Uns interessiert von diesen Fünfen ganz besonders der "Itzehoer", Johann Heinrich Fack. Dieser wurde am 6. November 1852 in Wilster als Sohn des dortigen Schiffszimmermeisters Hans Fack geboren. Nach dem Besuch der Grundschule trat er mit 15 Jahren zu Ostern 1868 seine Lehre in der väterlichen Werft in Diekdorf bei Wilster an. Das Ende der vierjährigen Ausbildung wurde mit einem Lehrbrief besiegelt.

Ganz offensichtlich lag dem biederen Meister ein schweres Werkzeug leichter in der Hand als der Federkiel. Doch hört man aus den gestelzten Worten den Stolz und die Freude heraus, dass der Sohn in den vier langen Jahren sich als "ein frommer, treuer und fleißiger Bursche betragen" und "das Schiffszimmerhandwerk ehr- und redlich erlernt hat".

Der "Ersatz-Reserve-Schein" vom 2. August 1872 besagt, daß der "Heerespflichtige wegen bedeutendem Plattfuß" seinen Dienst vorerst nicht anzutreten brauchte, sondern vielmehr der Ersatz-Reserve als Pionier zu überweisen sei. Er ging darauf nach Kiel-Gaarden an eine der dort ansässigen Werften, war aber im April nächsten Jahres bereits wieder zurück in Wilster.

1880 gründete Johann Heinrich Fack in Itzehoe auf dem so genannten Brook seine eigene Werft. "Augenblicklich aber wird an dem neu zu gewinnenden Gebiet ein Schiffbauplatz eingerichtet", heißt es in einem städtischen Bericht vom Oktober 1880. Er machte sich sogleich an den Bau eines kleinen Giekewers, den er für eigene Rechnung zum Verkauf zimmerte. Schon im März 1881 konnte er den Neubau an einen einheimischen Schiffer verkaufen. Die Geschäfte schienen jedoch nicht sonderlich gut zu laufen, denn auch für die Werft von Johann Schmidt lassen sich seit über zehn Jahren keine Neubauten mehr nachweisen. Jedenfalls sind in den amtlichen Listen entsprechende Eintragungen nicht zu finden. Es mögen dennoch einige gezimmert worden sein, denn viele der kleinen, nur in der Binnenfahrt beschäftigten Fahrzeuge wurden nicht beurkundet und tauchen daher auch nicht in irgendwelchen Registern auf.

1886 endlich hört man wieder von Bauaktivitäten bei Johann Heinrich Fack, jetzt waren es sogar zwei neue Schiffe im selben Jahr. Anschließend gab es mit schöner Regelmäßigkeit weitere Stapelläufe zu feiern. Bis zur Ablieferung des ersten stählernen Ewers im Jahre 1897 lassen sich für die Werft noch 16 neuerbaute hölzerne nachweisen.

Mit der 1897 zu Wasser gekommenen "Catharina" wurde der Weg in die Neuzeit geebnet. Aber auch dieses Schiff wies noch viele Merkmale des Holzschiffbaus auf: So bestanden der Schiffsboden, Deck, Ruder und Schwerter, aber auch die Deckseinrichtungen, wie Winde, Ankerspill, Poller und Köker, aus Holz; die Lukendeckel, Masten und Rundhölzer sowieso. Bis zum Ablauf des ersten vollstählernen Ewers sollten noch fünf Jahre vergehen, wenn auch Holzböden von einigen Auftraggebern noch bis 1906 gefordert wurden, so zum Beispiel von Schiffer Hans Bruhn aus Wilster für seinen Ewer "Anna". Reine Holzbauten lassen sich nach 1897 nicht mehr nachweisen, doch soll dem Sachbuchautoren Hans Szymanski zufolge erst 1900 der letzte abgeliefert worden sein.

Während in den Anfangsjahren jeweils ein oder zwei Neubauten fertiggestellt wurden, konnte 1899 ein erster Höhepunkt mit acht Ablieferungen erzielt werden. Anlässlich des Ablaufs des 50. Neubaus, des Besan ewers "Orient", schrieben die "Itzehoer Nachrichten" am 8. Juli 1902: "Auf der Schiffswerft des Herrn Heinrich Fack wird am heutigen Nachmittag das 50. neue Fahrzeug vom Stapel gelassen werden. Von den 50 Fahrzeugen sind 17 aus Holz, die anderen 33 hingegen aus Eisen erbaut worden. In neuerer Zeit werden die auf der Werft des Herrn Fack hergestellten Fahrzeuge fast sämmtlich aus Eisen erbaut. In diesem Jahre konnte Herr Fack bereits 7 neue Fahrzeuge zu Wasser lassen. Das heute als das 50. Fahrzeug vom Stapel laufende Schiff ist ein schmucker eisernen Ewer mit zwei Masten, welcher Wischhafen als Heimathshafen erhält. Auf der Werft sind augenblicklich noch drei eiserne Fahrzeuge, welche sämmtlich für Hamburg bestimmt sind, im Bau. Diese Angaben sind ein Zeichen davon, daß der Schiffsbau, bei welchem recht viele Arbeiter Beschäftigung finden, in unserer Stadt sich in erfreulichem Aufschwunge befindet."

Die erwähnten 17 hölzernen Fahrzeuge konnten nachgewiesen werden, von den 33 eisernen beziehungsweise stählernen jedoch konnten bislang erst 24 erfasst werden.

Anderthalb Jahr später hieß es am 29. Januar 1904:

"Der hiesige Schiffbau ist stark im Aufblühen begriffen. Das Haus H. J. Freudenberg in Bremen hat bei Herrn Schiffbaumeister Fack einen eisernen Schlepp- und Personendampfer bestellt, der am 30. Juni fertiggestellt sein soll. (...) Ferner sind bestellt je ein Besanewer (70 tons) für G. Hahn und C. Lührs in Wischhafen, sowie je eine Schute (40 und 80 tons) für Bügler in Münsterdorf und H. Söder in Hamburg (...)"

Außerdem hatte Fack den bei Brunsbüttel gesunkenen Schleppleichter "Saturn" gehoben und zur Reparatur an seine Werft gebracht.

Diese Bauleistung wurde nur noch vom Ergebnis des Jahres 1905 übertroffen, als zehn Neubauten fertig wurden. Danach flachte die Kurve wieder ab. Wenn auch Ewer und Schuten die Hauptprodukte der Werft darstellten, wurden dennoch einige ungewöhnliche Ausnahmebauten abgeliefert.

So lief 1903 mit der "Eider" das erste Dampfschiff vom Stapel, dem im Jahr darauf ein Dampfschlepper und zwei Jahre später ein Passagierdampfer für die Unterelbe folgten. Auch drei stählerne Motorboote finden sich in der Bauliste.

Nachdem Johann Heinrich Fack 1910 noch zwei große Schuten gebaut hatte, musste er seinen Betrieb wenig später aufgeben. Gegen die drückende Konkurrenz der holländischen Werften, die, wie Fack es ausdrückte, "mit Blei nieten", konnte man auf Dauer nicht bestehen. Der Kleinschiffbau lohnte hierzulande nicht mehr. Am 28. August 1912 verkündete die Zeitschrift "Schiffbau": "Die Facksche Schiffswerft in Itzehoe auf dem Brook wurde im Zwangsversteigerungstermin für 70.000 M verkauft". Im Itzehoer Adressbuch 1914 findet sich unter der Anschrift "Brook 2" der Eintrag: "1 Werft, vormals Fack".

In den 30 Jahren ihres Bestehens hatte die Werft laut Neubauliste des Germanischen Lloyds 113 Neubauten abgeliefert, von denen etwa 90 erfaßt werden konnten. Größtes Schiff war mit 96,6 Bruttoregistertonnen der Passagierdampfer "Baurat Bolten" aus dem Jahre 1906, größter Ewer die "Julie" von 1903 mit 55,7 Bruttoregistertonnen.

Nach der Stilllegung seiner Werft übernahm Johann Heinrich Fack die Generalvertretung einer großen Versicherungsgesellschaft und betrieb nebenbei ein Bergungsunternehmen. Er starb zweiundsiebzigjährig als angesehener Bürger seiner Stadt im Januar 1925.

Einige seiner Bauten haben die Jahrzehnte bis auf den heutigen Tag überstanden und zeugen von der außerordentlich soliden Arbeitsweise dieser Werft. Ältestes Schiff ist wohl der Giekewer "Hans" aus dem Jahre 1899, der heute als "Hans von Wilster" in völlig restauriertem Zustand Jugendarbeit leistet.

Der einstige Besanewer "Bertha" von 1900 stand rund 90 Jahre später in Holland zum Verkauf und sollte ebenfalls restauriert werden. Ebenso verhielt es sich mit der 1902 gebauten "Orient", die mehrere Jahre in Hamburg auf ihre Restaurierung wartete, jedoch leider noch im Jahre 2006 abgewrackt wurde. "Dora", Besanewer von 1902, nach langjährigem Einsatz als Rammschute, ist zu einem hübschen kleinen Motorewer zurückgebaut worden und fährt als Freizeitfahrzeug auf der Unterelbe. Vom großen See-Ewer "Caecilie", gebaut 1905, konnte vor dem Abwracken immerhin noch das komplette Vorschiff als Anschauungsobjekt für das Museum für Hamburgische Geschichte gerettet werden. Der Personendampfer "Baurat Bolten" von 1906 fährt heute noch als Motorschiff "Jaqueline H" in holländischen Gewässern.

Ein besonders gelungenes Restaurierungsobjekt ist der 1907 gebaute Besanewer "Moewe", der heute zur Flotte des Museumshafens Oevelgönne in Hamburg gehört. Auch eine der Segelschuten, "Hans Otto" aus dem Jahre 1908, hat bis auf den heutigen Tag überlebt und wartet auf einen Liebhaber, der sie wieder zu neuem Leben erwecken mag. Keine guten Aussichten bestehen für den Besanewer "Sirene", der seit vielen Jahren in Wischhafen auf Slip liegt und vom jetzigen Eigner wohl demnächst verschrottet wird.

Nach zum Teil mehr als hundert Jahren hat sich mit acht Schiffen eine erstaunliche Zahl Fackscher Erzeugnisse erhalten. Von der Werft hingegen ist keine Spur zurückgeblieben. Als letztes Zeugnis fiel das Facksche Wohn- und Kontorhaus Ende der 1970er Jahre der Stadtsanierung zum Opfer. Auf dem einstigen Werftgelände findet sich heute als stadtplanerische und architektonische Scheußlichkeit die knallgelb gemalte Halle eines Möbeldiscounters.

HERBERT KARTING

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