Die Straße der kleinen Manufakturen

Mal gucken, was die neue Mieterin Eva-Maria Ziegler so macht – Caroline Rügge (rechts) begutachtet Keramikscherben. Fotos: lub
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Mal gucken, was die neue Mieterin Eva-Maria Ziegler so macht – Caroline Rügge (rechts) begutachtet Keramikscherben. Fotos: lub

In der Fleischhauerstraße im Herzen der Lübecker Altstadt arbeiten Handwerker, Künstler, Galeristen, Kaufleute Tür an Tür

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29. Oktober 2018, 13:02 Uhr

Sie wird als „Straße der kleinen Manufakturen und Ateliers“ gepriesen: An Lübecks Fleischhauerstraße, wie die benachbarte „Hüx“ eine der Rippenstraßen auf der Altstadtinsel, arbeiten Handwerker, Künstler, Galeristen, Kaufleute Tür an Tür. „Es tut sich was“, sagt Eva-Maria Ziegler. Sie ist seit kurzem Mieterin der hinteren Räume im Haus Nummer 63. Vorne betreibt die Gold- und Silberschmiedin Caroline Rügge seit mehr als 20 Jahren ihre „Galerie-Werkstatt für freie und angewandte Kunst“. Zwei kunstaffine Frauen unter einem Dach – künftige gemeinsame Projekte sind nicht ausgeschlossen.

„Bitte klingeln“

„Testphase“ nennt Caroline Rügge noch vorsichtig diese erste Zeit mit Eva-Maria Ziegler als Mieterin. Sie ist eine eigenwillige Künstlerin. Man sieht es an ihren Objekten, man spürt es schon an der Eingangstür. „Bitte klingeln“ steht da. Nicht von überall aus dem lang gestreckten Gebäude ist zu sehen, wer vorne eingelassen werden will. Und drinnen geht es immerhin um Edelmetall. Schmuck – Gefäße – Objekte. Mit knappen Worten unterteilt Caroline Rügge ihre Produkte. Hier geht es nicht in erster Linie um Tragbarkeit und bequeme Nutzung, hier entsteht Kunst und die stellt ihre Produzentin nach Möglichkeit in größere Zusammenhänge.

In ihren Vitrinen, die jede für sich eine Installation ist, zeigt sie einige ihrer Werke: Große Ringe zum Beispiel, die sich wie durch ein


















Wunder selbst an kleine Hände fügen; Gefäße, deren Oberflächen ganze Entstehungsromane erzählen. Sie zeigt eine Teekanne, deren Griff ein dorniger Zweig ist. Und apropos Zweig: Es sind Ausformungen der Natur, die sie bei ihrer Arbeit inspirieren, die Früchte des Eibenstrauches etwa oder die des Affenbrotbaumes.

Und nicht nur eigene Werke präsentiert sie hier, regelmäßig zeigt sie aus den Bereichen freier und angewandter Kunst auch Arbeiten anderer. Und der von ihr geplante Garten, von dem Eva-Maria Ziegler einfach hingerissen ist und den kein Fremder in dieser Straße vermutet, ist ein Ort der gepflegten Feste.

An Eichelhütchen erinnern die Ohrstecker aus der Rügge-Werkstatt, die Eva-Maria Ziegler geschenkt be-













kommen hat, noch bevor sie ahnte, dass sie einmal Mieterin bei Rügge sein würde. Das mag ein Omen gewesen sein, jedenfalls fühlt sie sich in ihren neuen Räumen rundum wohl. Zwei Stra-
   ßen weiter, an der Wahmstraße, hatte sie bis zum Ende des     Sommers ihre Werkstatt. Als das Haus verkauft wurde, suchte sie eine Alternative – und fand eine Art Arbeitsparadies. „Mit Garten und Heizung“, sagt sie lachend. Ungleich wichtiger ist ihr die Nähe eines weiteres Menschen. Um ganz praktische Dinge geht es da: Eine Sendung in Empfang zu nehmen, auch wenn die Adressatin einmal nicht im Haus ist, die Frage eines Kunden zu notieren oder sogar zu beantworten. Und auch sich inspirieren zu lassen. Die Glas- und Keramikrestauratorin kann sich durchaus vorstellen, mit der Gold- und Silberschmiedin über gemeinsame Projekte nachzudenken. Immerhin gebe es sogar bei den Materialien, die in dieser wie in jener Werkstatt verwendet werden, Schnittstellen. Da ist die Kintsugi-Technik, eine traditionelle japanische Methode, bei der Keramik-Bruchstücke sichtbar unter Einsatz von pulverisiertem Edelmetall repariert werden, oder das Pâte de verre, eine ebenfalls traditionsreiche Technik, die bei der Herstellung farbigen Glases angewandt wird.

Auf Tuchfühlung

Vorerst bewegt man sich noch aufeinander zu und lässt sich Zeit dabei. Was macht die andere, wie arbeitet sie? In der Werkstatt ihrer Mieterin begutachtet Caroline Rügge ein Arrangement aus Keramikscherben. Ein Stück mit Blümchen da, ein Gefäßboden dort mit der Aufschrift „Nymphenburg“. Das soll nach Kundenwunsch bitteschön wieder zusammengesetzt werden. Sie habe immer gerne gepuzzelt, sagt Caroline Rügge und macht sich daran, nach Teilen zu fahnden, die aneinander gehören. Mit ihren Räumen machen Caroline Rügge und Eva-Maria Ziegler dem heutigen Ruf der Fleischhauer-
straße, Hort von Manufakturen und Ateliers zu sein, alle Ehre. Zumindest um Hand-



















werk, wenn auch der zupackenden Art, ist es in dieser Straße von Beginn an gegangen. Als platea carnificium, als Straße der Metzger, ist sie erstmals 1263 erwähnt.

Hier wohnten und werkten Fleischhauer, auch Knochenhauer genannt, seinerzeit Tür und Tür mit Bierbrauern, deren berufliche Bedürfnisse einst die frühe Versorgung der Lübecker mit Frischwasser beförderten. Das nämlich floss bereits im 13. Jahrhundert durch Röhren in die Altstadt. Archäologen fanden auch in der Fleischhauerstraße Belege dafür. Aus platea carificium


















wurde Vleschowerstrate, Vleschhouwerstrate, Fleskhouwerstrate, Knakenhowerstraten und 1852 schließlich damm die hochdeutsche Fleischhauerstraße. Bis zum Jahre 1866 war in der Nummer 67 das Knochenhauer-Amtshaus untergebracht. Dann änderte die Gewerbefreiheit die Gewerkewelt in der Lübecker Altstadt. Gold und Keramik statt Fleisch und Knochen.

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