Ahrensburg : Die Schildbürger-Fassaden

Nicht Denkmalgeschützt, aber schützenswert? Die Original-Fassaden in der Manhagener Allee mussten stehen bleiben.
Nicht Denkmalgeschützt, aber schützenswert? Die Original-Fassaden in der Manhagener Allee mussten stehen bleiben.

Unsinniger Erhalt des alten Mauerwerks – und jetzt macht der Bauleiter Sicherheitsbedenken geltend.

shz.de von
01. Juli 2015, 06:00 Uhr

Es sieht aus wie Theaterkulissen: Die beiden übrig gebliebenen Fassaden von Hauptgebäude und Rettungswache der ehemaligen Ahrensburger Klinik an der Manhagener Allee. „Warum das denn“? Diese Frage kommt spontan, erklärt man einem Betrachter die Gründe für den Erhalt der Fassaden der ehemaligen Klinik.

Gehalten von Stahlstützen und dicken Schrauben stehen die Vorderwände des Klinikgebäudes und der Rettungswache inmitten der schweren Baumaschinen, die Antwort auf das „Warum“‘ könnten nur die Ahrensburger Stadtverordneten geben, einige zumindest.

Die hatten sich beim Bauantrag für ein neues Gebäude mit 29 Eigentumswohnungen auf die Bau- und Gestaltungssatzung berufen, die für dieses Gebiet gilt. Danach kann ein Gebäudeabbruch genehmigt werden, es sei denn, der Erhalt von Gebäudeteilen liegt im öffentlichen Interesse.

Öffentliches Interesse? Architekt Jan Hage rückt die Entscheidung der Stadt vorsichtig in die Nähe eines Schildbürgerstreiches. „Aus der Sicht eines Architekten wäre es natürlich einfacher und auch sinnvoller, einen Neubau aus einem Stück zu bauen. Vielleicht ist es auch ein Stück Zeitgeist, der hier zum Tragen kommt. Früher wurde viel zu viel abgerissen, jetzt geht man vorsichtiger damit um.“

Dass nun doch mehr von der – nicht denkmalgeschützten – Fassade verschwinden könnte als der Stadt lieb ist, gilt seit dieser Woche: Der noch vorhandene Dachgiebel des Klinikgebäudes muss nach Ansicht von Bauleiter Reinhard Niegengerd abgerissen werden. „Aus Sicherheitsgründen“, erklärt der Diplom-Ingenieur, „die Wand ist dünner als gedacht und jetzt der Witterung ausgesetzt, ich kann es nicht verantworten, dass die Arbeiter direkt hinter der Fassade dieser Gefahr ausgesetzt werden.“

Damit wäre nach dem Erkerturm, der aus statischen Gründen auch abgerissen werden musste (aber eigentlich nicht sollte), nun ein weiteres Teil nicht mehr zu halten. Dass die Fassade überhaupt noch steht, liegt nicht nur an den Stahlstützen – die maroden Fundamente wurden eiligst mit Beton unterfangen.

Seit gestern werden von einem 60 Tonnen schweren Ungetüm Spundwände zum Nachbargrundstück versenkt – ganz ohne Erschütterungen des Erdreichs. Vier Stempel drücken die bis zu neun Meter langen Stahlwände mit einer Kraft von 100 Tonnen Zentimeter für Zentimeter in den Boden.

In zwei Wochen beginnen die Tiefbauarbeiten. Spätestens dann soll der gesamte Bauschutt vom Grundstück verschwunden sein.

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