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Tickende Historie : Die restaurierte Zeitmaschine

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Großartig: Das Reinfelder Projekt Turmuhr ist mit viel Fingerspitzengefühl erfolgreich abgeschlossen.

„Wie die Turmuhr vom Gutshof in Wulmenau ihren Weg ins Reinfelder Heimatmuseum fand, bleibt etwas nebulös“, so Museumsleiterin Anja Rademacher. Wahrscheinlich wurde sie nach dem Abriss des Herrenhauses im Jahre 1967 in die Karpfenstadt transportiert und führte dort, so die engagierte Museumsleiterin, neben der Treppe ein Schattendasein. Bis zu dem Tag, als Anja Rademacher den Maschinenbauingenieur Gerhard Evers aus Heilshoop traf, der bereits die Turmuhr der Matthias-Claudius-Kirche restaurierte. Der Uhrenliebhaber war sofort Feuer und Flamme und brachte die historische Uhr in minutiöser Kleinstarbeit in Gang.

Mit der Restauration hatte er bereits im Frühjahr 2015 begonnen, brauchte also fast ein ganzes Jahr, um die Uhr zu reinigen, Ersatzteile wie Zahnräder und Gewichte zu beschaffen, alles fachgerecht in- und aneinander zu fügen. Die alte Turmuhr sollte zwar so gut es ging in ihren Originalzustand gebracht, aber gleichzeitig an den Ausstellungsraum im Heimatmuseum angepasst werden und leicht zu bedienen sein.

„Meine einzige Bitte an Herrn Evers war, dass ich die Uhr nur einmal pro Woche immer am Sonntag zur Öffnung des Museums aufziehen muss“, erklärt Rademacher. Diesen Wunsch erfüllte Evers ihr gern und stattete die Turmuhr mit einem 38 Kilogramm schweren Gewicht für das Schlagwerk und einem 20 Kilogramm schweres Gewicht für das Geh (oder Uhr-)werk aus. Diese laufen über mehrzügige Seilwinden, die so eingestellt sind, dass sie pünktlich zur Museumsöffnung am Sonntag um 10 Uhr aufgezogen werden müssen. Präzisionsarbeit und handwerkliches Können, ein bewundernswertes Meisterwerk, gerät die Museumsleiterin ins Schwärmen. Das kenne man doch aus dem Physikunterricht, winkt Evers bescheiden ab.

Eine besondere Herausforderung sei es gewesen, dass Zifferblatt so zu installieren, dass man es im Inneren des Museums sehen kann. „Damals war es natürlich außen am Turm angebracht“, erklärt er. Auch die neue Glocke – damals sei sie wohl viel größer gewesen – ist ein zusätzliches Detail, das seine Cousine Marianne aus Holland ihm schickte. „Eine Uhr muss gehen und eine Turmuhr schlagen“, so Evers. Eine ganz große Überraschung gab es beim Reinigen der Einzelteile. Am Schlagwerk entdeckte er den Namenszug des Uhrmachers.

Gerhard Evers suchte in seinem über 20  000 Namen enthaltenden Uhrmacher-Verzeichnis und wurde fündig: Andreas Lorenzen aus Grundhof in Angeln, der später in Altona tätig war, fertigte die Wulmenauer Turmuhr 1860. Für ihn sei die Restaurierung eine „reizvolle und spannende Aufgabe“ gewesen. Er sei froh, am Ende doch noch den Namen des Uhrmachermeisters herausgefunden zu haben.

Die Fielmann-Stiftung unterstützt das Reinfelder Heimatmuseum nicht nur bei diesem Projekt. „Wir fördern über 100 Museen in Schleswig-Holstein, das Reinfelder Heimatmuseum in diesem Jahr mit 10  000 Euro, worin die Turmuhr-Restaurierung bereits enthalten ist“, erklärt Kunsthistoriker Jürgen Ostwald. Weitere Projekte sind bereits in Planung – wie die Restaurierung der Gemälde von Alice Freifrau Maltzahn und die Erstellung eines modernen Museumskonzeptes. Für die Museumsförderung spendet die Fielmann-Stiftung jährlich 500  000 Euro. Die Wulmenauer Turmuhr spiegele auch die damalige, von der Landwirtschaft geprägte Zeit wider, so Ostwald. An der Turmuhr konnten die Erntehelfer die Zeit ablesen, um pünktlich auf den Feldern zu sein. Gerhard Evers ist sich sicher, dass die restaurierte Uhr weitere 150 Jahre laufen und schlagen kann: „Mit ein bisschen Öl und Pflege läuft sie länger als jede andere Maschine.“



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erstellt am 31.Mär.2016 | 06:00 Uhr

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