Glinde : Die Leidensgeschichte des Opfers

Vor dem Lübecker Landgericht wird ein Raubüberfall verhandelt.
Vor dem Lübecker Landgericht wird ein Raubüberfall verhandelt.

Ein Raubüberfall in Glinde hat ein weiteres juristisches Nachspiel. Das 52-jährige Opfer sagt jetzt vor Gericht aus.

shz.de von
07. Juni 2018, 06:00 Uhr

Fünf junge Männer haben sich in einer kalten Februarnacht verabredet – aber nicht, um in die Disco zu gehen, sondern um gemeinsam einen Raubüberfall zu begehen. In einem Auto machen sie sich auf den Weg zu einer Wohnung in der Glinder Innenstadt. Zwei der Täter wurden am Montag vom Landgericht Lübeck zu Freiheitsstrafen von viereinhalb und fünf Jahren verurteilt. Jetzt stehen zwei weitere mutmaßliche Mittäter in der Außenstelle Blankensee vor Gericht.

Einer von ihnen – Patrick T. (25) – sitzt bereits in Haft und wurde von zwei Justizbeamten eskortiert. Ruhig verfolgt er durch seine schwarz umrandeten Brillengläser das Geschehen. Direkt vor ihm hat Johannes W. (24) Platz genommen, sein bester Freund aus Kindheitstagen. Er trägt ein blau-kariertes Hemd, seine Haare sind frisch frisiert.

Patrick T. werden zwei schwere Straftaten vorgeworfen. Im Januar 2017 soll er mit zwei weiteren Tätern, die nicht ermittelt werden konnten, die Haustür eines Einfamilienhauses in Glinde aufgehebelt und Diebesgut im Wert von rund 8000 Euro aus dem Tresor entwendet haben, der mit einer Flex geöffnet wurde. Mit dem im Haus gefundenen Autoschlüssel wollten die Täter den Wagen stehlen. Es scheiterte vermutlich daran, dass die Täter beim Ausparken einen Pfosten rammten.

Mit dem Mitangeklagten, dem Beihilfe zum versuchten Raub vorgeworfen wird, und drei weiteren Männern soll Patrick T. zudem am 12. Februar 2017 in Glinde eine Frau in ihrer Wohnung überfallen haben. Die beiden jungen Männer sollen die Wohnungstür eingetreten, anschließend die Frau mit Schreckschusspistolen bedroht, geknebelt und geschlagen haben.

Auf die Tat angesprochen, antwortet der jüngere Angeklagte, er werde sich erst äußern, wenn er die Zeugenaussagen gehört habe. „Besser spät als nie“, meint der Vorsitzende Richter Kai Schröder mit einem Lächeln. Die Namen seiner „Kumpel“ wolle er nicht nennen. „Ich wusste nichts Konkretes und wollte mit all dem nichts zu tun haben“, sagt er aus. Er sei nur Mitfahrer und auch nicht im Haus gewesen. Das scheint sich zu bestätigen, als das Opfer im Zeugenstand erscheint. Zum zweiten Mal muss die 52-Jährige ihre Leidensgeschichte vor Gericht erzählen. Sie sei um 3 Uhr morgens auf dem Sofa vorm Fernseher eingeschlafen, als es zwei Mal gekracht habe. Die Haustür sei aufgeflogen, sie sei aufgesprungen und habe geschrien, sei dann von einem der Täter auf das Sofa geworfen worden. Immer wieder habe dieser nach ihrem Tresor gefragt. Sie habe beteuert, dass sie keinen besitze. Der Täter habe ihr mehrere Faustschläge verpasst und sie schließlich mit einem Tapeband geknebelt. In diesem Moment habe der an der Tür Schmiere stehende Mann Alarm geschlagen, und beide seien aus der Wohnung geflohen.

Wegen ihrer Maskierung habe sie die Männer nicht genau erkennen können, wisse aber, wer hinter dem versuchten Raub stehe: Ein ehemaliger Mitarbeiter aus der damals von ihr betriebenen Auto-Waschstraße: „Er kannte die Abläufe und wusste, dass sich meist rund 25 000 Euro im Tresor befanden.“

Was dieser nicht wusste: Die Frau arbeitete nicht mehr in der Waschstraße und verfügte über keinerlei größere Summen Bargeld mehr. Wochenlang sei sie nach der Tat nicht mehr aus dem Haus gegangen. Erst nach dem Umzug in eine andere Wohnung sei es ihr allmählich besser gegangen, so die Glinderin.

Ein Nachbar erinnert sich an den Lärm in der Februarnacht. Er sei aus der Haustür getreten und habe einen der Täter fliehen sehen. Er habe aus Angst, dieser könnte auch seiner Familie etwas antun, schnell seine Haustür geschlossen. Der mutmaßliche Täter habe ihn dann kurz mit seiner Gaspistole bedroht. Fest steht, dass sein Auftauchen die Flucht der beiden Männer ausgelöst hat.

Als Zeuge wird anschließend der bereits verurteilte 20-jährige Mittäter vernommen, der geständig ist und aussagt, er sei gemeinsam mit Patrick T. in der Wohnung des Opfers gewesen, habe aber „Schmiere“ an der Haustür gestanden, während sein „Kumpel“ die Frau bedroht habe. Er gibt jedoch zu, die Pistole auf den Nachbarn gerichtet zu haben. An den Mitangeklagten will er sich nicht genau erinnern.

Drahtzieher hinter dem Überfall sei seines Wissens der ehemalige Mitarbeiter der Waschstraße gewesen. Er sei nur nicht mit in die Wohnung gekommen, da das Opfer ihn hätte erkennen können. Er selbst habe gedacht, dass dort 50 000 Euro Schwarzgeld zu kassieren seien und die Frau sowieso betrunken im Bett liege und nichts mitbekomme. So habe es ihm sein Freund erzählt.

Der 20-Jährige macht in seinem frisch gebügelten weißen Hemd, gepflegtem Haarschnitt und Bart einen guten Eindruck. Doch dieser trügt: Er wurde nicht nur wegen zweier Raubüberfälle, sondern auch wegen sexuellen Missbrauchs zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er hat zugegeben, im Juli 2017 in der U-Bahn vor einem zehnjährigen Mädchen an seinem entblößten Glied manipuliert zu haben.

Ein weiterer Zeuge, mit dem der ältere Angeklagte einen regen Chatverkehr über seine „Vorhaben“ unterhielt, windet sich auf seinem Stuhl hin und her, verschränkt die Arme abwehrend, gibt patzige Antworten, wird laut. Schließlich bezeichnet er Patrick T. als „soziopathisch“ und „unmoralisch“, weiß aber ganz offensichtlich nicht, was das bedeutet. Der Richter weist ihn entschieden zurecht, entlässt ihn zügig aus dem Zeugenstand. Bereits bei der ersten Verhandlung habe er ihm alles aus der Nase ziehen müssen. Der Prozess wird fortgesetzt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen