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Bargteheide : Die Leiden des Peter Tschaikowsky

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Volker Lechtenbrink und Maria Hartmann tragen im „Kleinen Theater“ Briefwechsel des russischen Komponisten Peter Tschaikowsky mit seiner Mäzenin Nadescha von Meck vor.

Gespräch auf der Herrentoilette in der Pause des Gastspiels des Schleswig-Holstein-Musikfestivals in Bargteheide: „So wie der Tschaikowsky möchte ich aber nie werden“, sagt ein Mann. „Nein, aber der Lechtenbrink bringt das echt gut rüber. Mich hatte ja eigentlich nur meine Frau mitgeschleppt“, erwidert sein Nachbar. So lautete das Zwischenfazit zweier Besucher des Konzerts Nummer 151 im Veranstaltungskalender 2015 des SHMF.

Die beiden Herren fassten in dem kurzen Dialog wesentliche Erkenntnisse dieses Abends zusammen: Tschaikowski, so erfuhren die Zuhörer im ausverkauften „Kleinen Theater“, war ein innerlich zerrissener Künstler, der sich unglücklich verheiratete, weil er sich verpflichtet fühlte. Zugleich hielt der eigentlich Homosexuelle eine innige Brieffreundschaft mit seiner Mäzenin Nadescha von Meck aufrecht, die insgesamt 1200 Briefe umfasst. Einen Teil dieses Briefwechsels trugen die Schauspieler Volker Lechtenbrink und Maria Hartmann vor.

Hartmann hatte in der Einleitung angekündigt, dass es ein besonderer Einblick in einen vielleicht einmaligen Kontakt in der Musikgeschichte sein solle, eine Chance vielleicht auch das in Deutschland oft negativ konnotierte Wort „Sentimentalität“ neu für sich selbst zu definieren und ins Positive umzudeuten.

Doch wenn man ehrlich ist, konnte dieses Versprechen nicht so ganz eingehalten werden. Viel mehr gelangen manches Mal fast unangenehm voyeuristisch wirkende Einblicke in das emotionale (Innen-) Leben des russischen Komponisten und seiner Brieffreundin. Einblicke, bei denen man sich fragt, ob der öffentliche Vortrag  im Sinne Tschaikowskys wäre. Aus dem Bauch heraus muss die Antwort wohl „Nein“ lauten. Wie viel ehrliches Sentiment in den Briefen enthalten war und wie viel höfliche Zuneigungsformeln auch kalkulierte Berechnung waren, um die neureiche Mäzenin um  Geld bitten zu können, wurde nicht deutlich.

War die Bindung zwischen Tschaikowsky und von Meck wirklich so innig oder war sie vor allem für den finanziell chronisch klammen Tschaikowsky ein notwendiger Kontakt zu seiner Geldgeberin? Mit diesen Fragen wurde das Publikum allein gelassen. So konnten die vorgetragenen Ausschnitte für neugierige Klassikfans eher als interessante Appetithappen dienen, um sich später eingängiger mit dem Briefwechsel zu beschäftigen.

Hartmann überzeugte in ihrer Vorleserinnenrolle selbstverständlich souverän. Lechtenbrink war aber wie erwartet der noch charismatischere Briefrezitator. Seine charakteristische Stimme hauchte den Briefen des russischen Komponisten Leben ein. Seine Vorträge waren die Höhepunkte des Abends, der musikalisch durch den Akkordeonvirtuosen Denis Patkovic atmosphärisch passend untermalt wurde. Er erhielt viel Applaus für den gelungenen Vortrag ausgewählter Stücke aus dem Opus 39 Tschaikowsky: dem „Kinderalbum.“  

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erstellt am 23.Aug.2015 | 19:00 Uhr

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