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Stormarner Tageblatt

21. Oktober 2017 | 00:08 Uhr

Die Lebensader einer ganzen Nation

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise durch Nordamerika / Von Lincoln, Konsumwelt und Melodien des Mississippi

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2013 | 21:16 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil monatelang in Nordamerika unterwegs und berichten aus der Ferne. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen – heute Folge 4.

 

Der knapp 3800 km lange Mississippi, die Lebensader einer ganzen Nation, in der Vielfalt seiner Melodien bildet er eine ganze Sinfonie. Wer kennt ihn nicht, den „Ol‘ Man River“. Wir wollen einige Melodien anspielen, so wie sie uns am Oberlauflauf des Flusses in den Bundesstaaten Minnesota, Iowa und Illinois bis zur Stadt St. Louis vor die Augen und zu Ohren kamen. Dieses sind die drei ersten amerikanischen Bundesstaaten, durch die wir seit dem Grenzübertritt von Kanada in die USA schlendern.


Harmonische Akkorde


Im harmonischen Wohlklang schlängelt sich der oft schon recht breite, träge Fluss durch die ebene Landschaft. Seine Ufer säumen sowohl endlose Felder und Auen wie auch mit hohen Bäumen bewachsene Uferstreifen. Viel dieser Uferlandschaft steht durch State Parks unter besonderem Naturschutz. Flora und Fauna können ungestört und üppig gedeihen. Die Musik dieser Natur strahlt Ruhe und Frieden aus. Es ist ein Hochgenuss über die zahlreichen Scenic Byways, wie z.B. den Great River Road, zu fahren.

Einen besonders lohnenden Besuch wert ist die am Mississippi gelegene State Capital Minnesotas, Minneapolis mit der Zwillingsstadt St. Paul. Die Auswahl an Besichtigungen fällt schwer, so viel Sehenswertes bietet sich an. Nur exemplarisch nennen wir hier das State Capitol, die Cathedral of St. Paul, das Science Museum, den einzigen Wasserfall des Mississippi bei den „Upper Saint Anthony Falls and Docks“ mit der „Stone Arch Bridge“.

Wer im Grünen schlendern möchte, flaniere durch die unzähligen Parks. Wer dabei noch Kunst genießen will, begebe sich zum „Walker Art Center“ mit dem gegenüber liegenden Skulpturengarten – eine Perle für Kunstliebhaber. Ergänzen lässt sich so eine Besichtigungstour dann per Auto über den innerstädtischen „Grand Rounds National Scenic Byway“.

Und schließlich tauchen wir noch ein in die pralle Konsumwelt der „Mall of America“ im etwas südlicher gelegenen Bloomington. Dieses Einkaufzentrum behauptet von sich, die größte Shopping- und Amüsiermeile“ der Nation zu sein mit ihren gut 500 Geschäften, 50 Restaurants und im Zentrum dieses vierstöckigen Einkaufsparadieses der Amüsierpark Nickelodeon, auf engem Raum vollgepfropft mit Riesenrad, drei Achterbahnen und Wasserrutsche.


Disharmonische Erscheinungen


So weit, so wohlklingend, oder doch nicht ganz, denn hier und da mischt sich eine Dissonanz in die ansonsten wohltuenden Harmonien. Warum? Aus zweierlei Gründen. Die Anzahl der bebauten Flussuferabschnitte nimmt wegen des Freizeitbedarfs der Amerikaner ständig zu. Außerhalb der Metropolen schießen Feriensiedlungen aus so genannten Mobilheimen wie Pilze aus dem Boden. Durch die in zweiter und dritter Reihe davor geparkten, mitunter auch bereits still vor sich hin rostenden Autos und Boote ist der Fluss kaum noch zu erkennen, geschweige denn zu erreichen.

Eine ganz andere Form von Dissonanz in dieser grünen Idylle stellen die regelmäßigen Überschwemmungen dar. Intensiver Deichbau und/ oder Überlaufflächen konnten die großen Überflutungen von 1993 und 2005 mit Hunderten von Toten und unüberschaubaren Sachschäden nicht verhindern. Jeder stärkere Regenfall führt oftmals bereits zu einer „Beinahekatastrophe“. In der Stadt Alton an der State Border von Iowa und Illinois hat es am Zusammenfluss von Mississippi und Missouri allein wegen langen starken Regens z.B. im Mai 2013 wiederum gefährliches Hochwasser mit Deichbruch gegeben. Die Lücke im Deich wirkt außerordentlich bedrohlich, zumal das Wasser nur wenige Zentimeter unterhalb fließt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich 400 km südlicher, im Dreiländereck von Kentucky, Missouri und Illinois nahe der Stadt Cairo. Ein State Park ist rings um den Zusammenfluss von Mississippi mit dem nicht minder mächtigen Ohio River errichtet worden, mit Naherholungsgebiet, Campingplatz und Aussichtsturm. Seit dem Maihochwasser ist hiervon nicht mehr viel übrig. Die Landnase des Zusammenflusses hat es komplett weggerissen, von Naherholungsgebiet und Campingplatz wollen wir lieber gar nicht mehr reden, der Aussichtsturm steht jetzt an der Uferabbruchkante. Dafür ist das gesamte Areal überhäuft mit baumdickem Schwemmholz und Treibgut.

Lassen wir eine weitere, anders geartete Mississippi-Melodie erklingen, die historische. Sie ertönt in mehreren Tonlagen. Wir reden hier nicht von der wohlbekannten Sklaverei des 18./19. Jahrhunderts. Dieses dunkle Kapitel spielte sich überwiegend am Unterlauf des Flusses, in Amerikas Süden ab. Der Norden kannte diese Form von Sklaverei nicht. Er diente eher der Sklavenbefreiung durch seine „Underground Railroad“, d.h. eine Kette von geheimen Zufluchtsstätten, wie eine Fluchthilfeorganisation für entlaufene Sklaven.

 

Indianische Frühgeschichte


Die bekanntere Geschichte zeigt stets die Indianer und die europäischen Siedler auf, welche diese ursprünglichen Bewohner letztendlich verdrängten, mal friedlich, häufiger kriegerisch. Am Mississippi geht die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner einen weiteren Schritt zurück, seitdem man die so genannten „Mounds“ entdeckt hat und nunmehr wissenschaftlich auswertet. Zwei dieser Fundstätten, als National bzw. State Historic Sites in den forschungsmäßigen Adelsstand erhoben, konnten wir besichtigen. Es sind die „Effigy Mounds“ in Iowa, direkt am Flussufer beim Ort Marquette und die „Cahokia Mounds“ bei der Stadt Collinsville in Illinois.

Diese „Mounds“ sind von Menschhand aufgeschüttete Hügel, oft in Form von Tierkonturen wie bei den zuerst genannten „Effigy Mounds“. Über Entstehung und Zweck dieser Hügel streitet sich die Wissenschaft noch. Nach aktuellem Ergebnisstand, basierend auf archäologischen Funden, könnten es heilige Opfer- oder Grabstätten sein. Man datiert ihre Entstehung auf ungefähr 100 bis 600 nach Christi Geburt, also weit vor der Entstehung der bekannten Indianerkulturen.

Im zweiten Beispiel, den „Cahokia Mounds“ ist eine ganze Stadt entstanden, die sich dem Betrachter wie ein Abbild früherer Inkakulturen darbietet. Was Großbritannien sein „Stonehenge“ ist, findet sich bei den Mounds als „Woodhenge“ wieder. In beiden Fällen ein bewusst angelegter Kreis, hier aus Steinsäulen, dort aus Holzpfählen, für astrologische und kultisch-religiöse Zwecke.

Eine schon modernere Melodie ist natürlich die amerikanische Geschichte des 19. Jahrhunderts, die dem Besucher hier auf Schritt und Tritt nahe gebracht wird. Besonders intensiv und eindrucksvoll kann man den Spuren des auch heute noch verehrten, ehemaligen Präsidenten Abraham Lincoln folgen. Obwohl er nur knapp fünf Jahre regierte – bekanntlich fiel er 1865 einem Attentat zum Opfer – errang er als 16. Präsident durch sein unerschrockenes Eintreten gegen die Sklaverei des Südens einen Ehrenplatz in der Galerie der bis heute 44 amerikanischen Staatsoberhäupter. Allein in Illinois gibt es nicht weniger als 215 (!) ihm gewidmete Museen, Historic Sites, Gedenkstätten und Informationstafeln oder Parks mit unzähligen Statuen. Wer möglichst viele davon besichtigen möchte, dem empfehlen wir den „Lincoln Heritage Trail“, der sich kreuz und quer durch den State zieht.

Als besonders hervorragend im Erhalt des historischen Lincoln-Erbes erweist sich der Regierungssitz dieses Bundesstaates, Springfield, ein wenig abseits des Mississippi. Lebendige Museen sowie die „Presidential Library“ sind wahre Besichtungs- und Informationsschätze. Gelungen sind sowohl die Darstellungen seines Lebens vor der Präsidentschaft als Rechtsanwalt und Lokalpolitiker als auch sein Weg nach und Leben in Washington. Ein eigener „Historic District“ versetzt den Besucher in die „Welt des Abraham Lincoln um 1850 bis 1860“ mit den damaligen Häusern und Straßen. Das Innenleben dieser Originalnachbauten kann per geführter Tour besichtigt werden.

Das alles geschieht – nicht nur hier in Springfield – unter dem Motto „History Comes Alive / Geschichte wird lebendig“. Weitere Stätten sind z.B. die Orte Vandalia, Lincoln, Clinton Pekin oder das Museumsdorf New Salem bei Petersburg. Dabei sind Führungen in „historischen Kostümen“ der oberflächlichste Teil der Darbietungen. Entscheidende Wendepunkte der Geschichte werden nachgespielt, wichtige Reden noch einmal gehalten, sei es in den Museen, sei es an den Originalschauplätzen. Alles ist hervorragend organisiert. Die entsprechenden „Spielpläne“ erhält man in den Touristeninformationen. In größeren Orten wie in Springfield kann man mit innerstädtischen Buslinien für wenig Geld die einzelnen Spielstätten und Besichtigungsorte erreichen (Tageskarte ca. $3).

„Mr. Gorbachev, Tear This Wall Down / Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!“ Wir erinnern uns an die jüngste Geschichte, nur gut 30 Jahre her. Sie findet auch hier ihren Widerhall im Ronald Reagan Museum in Eureka. Noch aktueller gefällig? Kein Problem: Barak Obama war hier in Illinois als Senatsmitglied tätig, bevor er 2009 zum Präsidenten gewählt wurde. Nun sind wir dann aber doch wieder bei der Musik und der Epoche von Abraham Lincoln angekommen. Im musealen Old State Capital in Springfield präsentierte eine A-Capella-Gesangsgruppe, „The Lincoln Troubadours“, bestehend aus acht jungen Musikstudenten, eine perfekte Performance mit „Liedern aus dem Bürgerkrieg“, 45 Minuten geschichtlicher und musikalischer Hochgenuss.


Mississippi-Quelle als Wallfahrtsort


Wir kehren zurück an den Ursprung aller dieser Melodien vom „Ol‘ Man River, an die Mississippi-Quelle. Der Urvater aller amerikanischen Flüsse entspringt im nördlichen Minnesota, im Itasca State Park. Entspringen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, eigentlich hat der Fluss keine wirkliche Quelle. Als „Quelle“ dient ein schmaler Überlauf des Itasca Lake.
Doch dieser völlig unspektakuläre Beginn könnte als Wallfahrtsort dienen. So erlebten wir eine Kindstaufe der „Pfingstgemeinde“, dort in den ersten Wassern des Mississippi. Es erklangen für uns bewegende „Melodien des Mississippi“. Wer sich intensiver mit dem „Leben am Mississippi“ auseinandersetzen möchte, der widme sich dem gleichnamigen Buch von Mark Twain.
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