Neverstaven : Die Frauen vom Gutshaus

Leonie von Watzdorf  auf der Treppe zum Haupteingang, darunter im Souterrain leben und arbeiten Agapi und Rado Rethmann.
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Leonie von Watzdorf auf der Treppe zum Haupteingang, darunter im Souterrain leben und arbeiten Agapi und Rado Rethmann.

Neuer Schwung hinter alten Mauern: Was sich im Gutshaus Neverstaven alles tut.

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01. August 2018, 06:25 Uhr

150 Jahre verlief das Leben im Gutshaus Neverstaven und den Nebengebäuden ziemlich abgeschieden von der Außenwelt, durch die man von einer imposanten Backsteinmauer abgeschirmt wurde. Seit kurzem ist das anders. Die Mauer ist natürlich noch da, aber das Leben will sich der Außenwelt nicht nur öffnen, sondern sie sogar einladen.

Bereits in jungen Jahren hatte Leonie von Watzdorf das Gut mit seinen Ländereien und den ehemaligen Landarbeiter-Häusern gegenüber geerbt. Von ihrem Großonkel und völlig unerwartet. „Ich bin vielleicht drei Mal dort gewesen“, sagt die gebürtige Münchnerin, die später in Berlin Filme produzierte und Theaterstücke inszenierte.

Es brauchte Jahre, bis die Entscheidung reifte, aufs Land zu ziehen. „Ich habe gleich gespürt, dass es eine große Aufgabe ist, die man, wenn, dann nur ganz ergreifen kann. Irgendwann kam dieser Punkt.“ 2010, als sie ihr zweites Kind erwartete, zog sie mit ihrem Mann Marcelo Lagos nach Neverstaven, wo zwei weitere Söhne geboren wurden.

Heute lebt die 48-Jährige in Berlin und in Neverstaven. Sie schreibt, hat aber keine Zeit mehr für Film oder Theater. „Obwohl ich mit dem Theater noch nicht abgeschlossen habe. Ich habe eigentlich viele Ideen und möchte auch hier etwas ausprobieren.“ Ein erster Versuch mit befreundeten Künstlern startet am 1. September mit Mozarts „Don Giovanni“ als Narropera – einer erzählten Oper in Mini-Besetzung.

Die allen Weltereignissen zum Trotz fast linear verlaufene Geschichte des Guts Neverstaven macht heute seinen Reiz aus. Es ist eine traditionelle, nicht arrondierte Gutsanlage mit den Feldern ringsherum, insgesamt 220 Hektar. Pächter war viele Jahre Hans-Walter von Schierhorn. Als die Verträge ausliefen, nutze Leonie von Watzdorf die Gelegenheit, um den Umstieg auf ökologische Bewirtschaftung zu beginnen.

2013 startete die Kooperation mit dem Demeter-Hof von Mathias von Mirbach in Kattendorf, der jetzt die kompletten Flächen übernommen hat. „Das war ein großer Schritt“, sagt Leonie von Watzdorf. Der auch finanzielle Einbußen bedeutet, „aber ich glaube, dass es langfristig die einzige Möglichkeit des Wirtschaften ist. Wir müssen unsere Böden gesund erhalten.“

Weil eine Gutsanlage zwar schön, aber auch eine „Geldvernichtungsmaschine“ ist, „versuche ich, in alle Richtungen zu gehen“, sagt die 48-Jährige, die in dem Travenbrücker Ortsteil einen „lebendigen Ort der Produktivität“ schaffen möchte. Die abgeschlossene Hippie-Welt oder Öko-Kommune, die hinter der Neverstavener Mauer gut denkbar wäre, will Leonie von Watzdorf gerade nicht. Nicht aus einer Ideologie, sondern „aus dem Tun heraus entsteht eine Gemeinschaft“, ist sie überzeugt.

Zufall oder Schicksal haben ihr bereits Mitstreiterinnen nach Neverstaven gespült. „Ich bin der Unternehmer-Typ“, sagt Agapi Rethmann, die in Hamburg eine Werbeagentur hatte, aber irgendwann feststellte, dass sich ihr großer Wunsch, die Welt zu verändern, nicht umsetzen ließ. Sie hatte ebenso wie ihre Freundin Paula Redhead die Vorstellung, „etwas mit Menschen zu machen, die alle an einem Strang ziehen.“

Sie verkaufte ihre Werbeagentur und versuchte mit ihrem Mann Rado einen Neuanfang in Neuseeland, was aber nicht passte. Nach drei Monaten kehrten sie zurück, es gab aber weiter die Idee, so etwas wie ein Dorf zu gründen. Zufällig traf Agapi dann Mathias von Mirbach wieder, den sie viele Jahre vorher auf einem Seminar kennengelernt hatte. Und der legte ihr nahe, sich doch mal Neverstaven anzuschauen.

Gesagt getan. „Ich habe Leonie gleich gesagt, dass wir das Souterrain mit der alten Gutshaus-Küche haben wollen“, sagt Agapi. In Neverstaven haben sie „Gut Ding“ begonnen. Unter diesem Namen verkaufen sie hausgemachte Brotaufstriche die Sliwo, Schmauch, Schnucki, Nett oder Bertl heißen, wobei das Bärlauchpesto ausverkauft und erst wieder im April kommt, wenn der Bärlauch wieder wächst.

Hergestellt werden die Produkte in einer Großküche in Hamburg, da die Hygienevorschriften für die alte Gutsküche zu streng waren. Für die Aufstriche wie für das Kochen ist Rado zuständig, während Agapi sich dem Upcycling widmet: „Ich liebe, aus totgeglaubten Dingen Neues zu kreieren.“ Sie benutzt die Plastikeimer, Papier- und Foliensäcke, in denen Oliven, Gewürze und andere Zutaten geliefert werden, ebenso wie ausgediente Regenschirme, aus deren Stoff sie Taschen näht. Zudem gestaltet und verkauft sie Postkarten, Plakate und kleine Kunstwerke, alles Dinge, „die mit Spaß und Kreativität zu tun haben“.

Geld lässt sich mit Upcycling kaum verdienen, „aber ich möchte die Menschen auch ein bisschen aus der Reserve locken, zeigen, was alles geht,“ sagt die 46-Jährige mit Blick auf ihren „Hackenporsche“, Aufbewahrungsboxen aus alten Chipstüten.

An den Sonntagen 5. und 12. August lädt sie zwischen 14 und 18 Uhr erstmals dazu ein, sich den Laden anzuschauen, der eigentlich nur der Vorraum des Souterrain ist, wo verpackt wird. An diesen beiden Tagen werden dort nicht nur Gutding-Produkte verkauft, die Besucher können auch Antipasti, Kaffee und Kuchen erwerben und es sich an den Tischen und Stühlen im Garten am Gutshaus gemütlich machen. „Vielleicht wird daraus ein regelmäßiger Café-Betrieb am Wochenende werden“, sagt Agapi.

Einen Treff, mindestens einmal im Monat, würde auch Paula Redhead gerne in Neverstaven etablieren. 38 Jahre, die meiste Zeit ihres Lebens, lebt die Engländerin in Deutschland, ist als Kunsttherapeutin an einer Schule in Hamburg tätig. Mit Agapi verbindet sie die Agilität und Kreativität sowie die Fähigkeit, aus alten Sachen etwas Neues entstehen zu lassen.

Vom 6. bis 10. August lädt Paula Redhead zu Kunstaktionen ein. Am 6. und 7. August bietet sie eine Siebdruck-Werkstatt an, am 9. und 10. August je einen „Mache-einen-Tag-Kunst“-Tag. Beide kann man für einen oder zwei Tage buchen. „Ich habe Schrott, Holz Federn und alles Mögliche da. Wenn alle an einem Kunstwerk arbeiten, ist das eine wunderbare Art, Menschen kennenzulernen“, sagt die 55-Jährige. Und Siebdruck ist sogar für Kinder geeignet.

Paula Redhead wohnt direkt an der Kreisstraße im Haus Nr. 13. Für die Aktionstage wird ein Kunstzelt hinter dem Haus aufgebaut, wo es auch genug Parkmöglichkeiten gibt. Die Kosten für die Kunst-Aktionen betragen 40 Euro pro Tag für Erwachsene, 30 Euro für Kinder (ab sechs Jahre). Anmeldung unter Tel. (0176) 49511777. Das Kunst-Zelt ist an allen vier Tagen geöffnet, von 10 bis 14 Uhr für Kinder, von 16 bis 20 Uhr für Erwachsene.

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