Die fast vergessene Schrift

Amtliche Dokumente wurden Anfang des 20. Jahrhunderts noch gestochen scharf in der Sütterlinschrift von Hand geschrieben.
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Amtliche Dokumente wurden Anfang des 20. Jahrhunderts noch gestochen scharf in der Sütterlinschrift von Hand geschrieben.

Der Sütterlinkreis überträgt gegen eine Spende die alte deutsche in die neue lateinische Schrift

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03. April 2013, 03:59 Uhr

Ahrensburg | Was steht eigentlich in dem Liebesbrief, den Oma einst Opa zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb? Wie erging es dem Großvater an der Front im Ersten Weltkrieg? Seine Tagebücher würden es seinen Enkeln und Urenkeln verraten - wenn man sie nur entziffern könnte. Denn Briefe, amtliche Dokumente und Verträge wurden seit 1895 in der alten deutschen Schrift, auch Sütterlin-Schrift genannt, verfasst. Heute sieht sie für den Leser wie eine Geheimschrift aus, kaum jemand kann sie noch entziffern - einerseits weil die Nachkommen der Großeltern die lateinische Schrift erlernten, andererseits weil auch die Handschriften teilweise unleserlich sind.

Doch es gibt sie noch - Menschen, die Sütterlin schreiben und entziffern können. Zehn Senioren haben sich 2008 zusammen gefunden und gründeten den Sütterlinkreis im Ahrensburger Peter-Rantzau-Haus. Mit ihrem Können begeben sie sich auf die Spuren der Ahnen und helfen, so manchen alten Familientext zu entschlüsseln. Gern teilen sie ihr Wissen und helfen gegen eine Spende weiter. "Wir sind alle über 80 Jahre alt. Das ist die Generation, die noch Sütterlin in der Schule gelernt hat", sagt Annemarie Eschke, die zusammen mit Werner Plöger den Sütterlinkreis gründete. Doch sie weiß auch, dass die Zeit begrenzt ist: "Wir Älteren sterben alle weg, und dann kann niemand mehr die alten Dokumente entschlüsseln." Deshalb hofft sie, dass sie noch viele Texte transkribieren, also übertragen, kann. Sie und ihre Mitstreiter freuen sich über jede neue Aufgabe, denn es mache einfach Freude, anderen zu helfen, die gelernte Schrift zu entschlüsseln und gleichzeitig in die Schicksale und Geschichten von Familien hineinzutauchen.

Gern erinnert sich die 89-jährige, sehr rüstige alte Dame an die "Übersetzung" eines Vertrages zwischen Bayern und Griechenland aus dem Jahre 1875 oder die einer Urkunde vom Gut Jersbek, mit der ein Kutscher aus der Leibeigenschaft entlassen wurde. Das war immerhin schon 1798. "So ein Schicksal geht einem dann auch sehr nahe", gibt sie zu. Damals wurde die gotische Schrift angewandt. Sie ist eine Vorgängerin der Sütterlinschrift, die der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin Ende des 19. Jahrhundert entwickelte, um den Kindern das Schreiben zu erleichtern.1915 wurde sie an den Schulen eingeführt, 1941 aber bereits wieder abgeschafft. "Hitler glaubte, die Deutschen bräuchten die Lateinschrift, um international zu sein", erklärt die alte Dame. Wenn man Sütterlin könne, sei die gotische Schrift auch kein Problem.

Wenn nur die Handschrift nicht oft so unleserlich wäre! Oft sitzen sie daher zu Dritt oder Viert über einem Schriftstück und rätseln, was der Schreiber wohl gemeint haben könnte. "Das ist sehr spannend", sagt sie gebürtige Ahrensburgerin, die 1937 auf der Schlossschule ihren Volksschulabschluss machte. So gab die Transkription eines Dokuments über eine Weltreise der MS Elisabeth im Jahre 1873 Einblicke in die Gefahren auf See.

Viele, viele Briefe übertrugen die zehn engagierten Senioren. Besonders berührt hat Eschke der Brief eines Vaters an seine Tochter, in dem er seine Heimkehr in das zerbombte Lübeck beschreibt. Und Annemarie Eschke freut sich schon auf das neue Projekt: Eine Münchnerin möchte die Tagebücher ihrer Vorfahren entziffern, die als christliche Missionare in Tansania lebten.

Eschke: "Wer also noch Texte in Sütterlin hat, kann sie uns gerne vorbeibringen." Die eingenommenen Spendengelder sind gut angelegt. Der Sütterlinkreis übergab gerade eine Spende über 1800 Euro für neue Stellwände an das Peter-Rantzau-Haus. Kontakt: Der Kreis trifft sich jeden vierten Mittwoch im Monat. Mehr Information unter (04102) 211 515.

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