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Stormarner Tageblatt

17. August 2017 | 18:20 Uhr

Die Abgründe der Stadthistorie

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Künstler Michael Struck stellt Monotypien im Marstall aus / Sklavenhandel der ehemaligen Schlossbesitzer dient als Inspiration

Verschwommen, unscharf, düster – so blicken einem die Gestalten entgegen, die man erblickt beim Betreten der Galerie im Marstall. Der Maler und Grafiker Michael Struck aus Niebüll stellt hier ab dem 13. März aus. Seine Monotypien hängte er bereits unter der Woche auf. Es handelt sich nicht um eine beliebige Sammlung, sondern es ist eine Rauminstallation, die in dieser konkreten Form wohl nicht wieder zu sehen sein wird.

„Als ich die Zusage für die Ausstellung erhielt, habe ich mir Gedanken gemacht, was man zeigen könnte“, so Struck. Die kontrovers diskutierte Geschichte um den Sklavenhandel der Familie Schimmelmann, der einst der Marstall und das Schloss gehörte, war für ihn der Ausgangspunkt. Auch über einen Gastkünstler aus Südafrika, den er auf 2015 auf Sylt kennen lernte, näherte er sich dem Themenbereich Europa und Afrika, sowie dem damit verwandten Aspekt Kolonialismus immer weiter an. „Er berichtete darüber, wie er das Thema Apartheid in seinen Werken aufgreift“, so Struck.

Es schlossen sich Recherche und zahlreiche Besuche im Ahrensburger Stadtarchiv an. Denn als Grundlage für seine Arbeiten benötigt Struck Fotografie, die er dann mittels Drucktechnik in die schwarz-weißen Monotypien verwandelt. Das, was viele noch aus dem Kunstunterricht bei dieser Technik als frustrierend in Erinnerung haben – wenn nämlich der Druck verschwommen und längst nicht so schön erscheint, wie gewollt – , das macht Struck selbst zum Stilmittel.

Die verwendeten Fotos stammen vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu sehen sind eine feiernde Gesellschaft der High Society, Kolonie-Bewohner und ein Pfarrer, stolz vor dem Marstall aufgereihte Hengste und ihre Reiter sowie zahlreiche Porträts, die nebeneinander wie in einer Ahnengalerie aufgereiht sind.

„Alle stehen im Zusammenhang mit Kolonialismus oder Menschen, die mit Sklavenhandel und dem sogenannten atlantischen Dreieckshandel aus Waffen, Sklaven, Zuckerrohr zu tun hatten, durch den sich auch die Familie Schimmelmann ihren Lebensstil finanzierte“, erläutert Struck.

Durch die Art der Bearbeitung wirken die Bilder wie düstere, verzerrte Negative der Originale. „Es gehört zur Arbeit Strucks, dass er Abgründe aufzeigt“, weiß Dr. Martin Henatsch, Kurator der durch die Sparkassen Kulturstiftung unterstützten Ausstellung. „Seine Art der Historienmalerei öffnet neue Perspektiven. Der Stil ist eigenständig. Er steht in einer Linie mit Künstlern wie Gerhard Richter und Luc Tuymans“, so Henatsch.

„Der Blick auf Geschichte ist immer auch eine Interpretation aus der Gegenwart“, so Henatsch weiter.

„Ich möchte niemanden verurteilen. Ich zeige nicht mit dem Zeigefinger und sage: Der war schuld“, so Struck. Er wolle seine Ausstellung nicht als harsche Kritik an Schimmelmann oder am Kolonialismus verstanden wissen. Es sei eher ein künstlerischer Kommentar, eine Interpretation, sowie das künstlerische Hinterfragen bisheriger Interpretationen in der Geschichtsschreibung. „Hier sind viele Bilder aus unterschiedlichen Zeiten ,außerdem sind Teile der Werke Fragmente eines einzelnen Fotos. Es ist also eine anachronistische Sammlung“, so Struck. Natürlich sei da die Hoffnung, dass die Besucher durch die neue Perspektive über das Thema Kolonialismus und Neokolonialismus sowie die Rolle der Schimmelmanns nachdenken und sich so ein eigenes Bild machen. Wenn dieser Gedankengang dann möglicherweise zur aktuellen Diskussionen über Flüchtlinge beiträgt, sei das nicht verkehrt, aber kein ausformuliertes Hauptziel. Der Interpretationsweg soll nicht vorgegeben sein. „Es sind auch einfach wunderbare Kunstwerke. Das bitte ich hinter den Diskussionen nicht zu vergessen“, sagt Henatsch.

Eröffnet wird die Ausstellung am kommenden Sonntag, 13. März, um 11.30 Uhr durch Landrat Klaus Plöger. Am 23.April findet ein Künstlergespräch um 15 Uhr statt. Führungen finden mittwochs ab 16 Uhr statt.Die Ausstellung endet am 8.Mai.

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erstellt am 09.Mär.2016 | 15:22 Uhr

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