zur Navigation springen

Auf den Leib geschneidert : Designer-Mode made in Oldesloe

vom

Cüneyt Görtunca hat nach vier Jahren seine Boutique in Istanbul aufgegeben. In Deutschland wagt er einen Neuanfang: Unter eigenem Label will er Haute Couture verkaufen.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2011 | 05:40 Uhr

Bad Oldesloe | Michael Michalsky hat in Bad Oldesloe sein Abitur gemacht und dann die Modewelt erobert, er ist einer der ganz Großen geworden. Cüneyt Görtunca will es ihm nachmachen. Okay, Michalsky hat die Stadt später als "Pampa" und "Käffchen" bezeichnet, eine Rückkehr hat er definitiv ausgeschlossen. Cüneyt Görtunca ist ganz bewusst hier, lebt am Traveufer - er folgte seinem Freund nach Oldesloe und hat hier erst mal einen interessanten Job gefunden. Aber das große Ziel bleibt: "Ein eigenes Label und eigene Boutiquen."
Cüneyt Görtunca ist in der Nähe von Stuttgart geboren und aufgewachsen. 20 Jahre lebte er in Deutschland. "Eigentlich wollte ich immer Pilot werden", blickt der 27-Jährige zurück. Aber schon auf der Grundschule sei er irgendwie anders gewesen, habe immer andere Sachen gemacht als die Mitschüler.
Aufnahmeprüfung zählt mehr als Schulabschluss
Seine Lehrer hätten ihn durchaus motiviert. Es reichte allerdings nur für den Hauptschulabschluss. Görtunca: "In Deutschland kann man dann leider nur ganz bestimmte Berufe erlernen. In der Türkei ist das aber nicht so." Es zähle nicht der Schulabschluss, sondern die Aufnahmeprüfung. Die hat der junge Türke an einer Privat-Uni bestanden und durfte daraufhin Fashion-Design studieren. Die ersten anderthalb Jahre ging es nur um Theorie. Der junge Mann ist nicht abgeneigt: "Fasern, Stoffe, Schnitte - ich muss das alles wissen, von Grund auf."
Aber von Anfang an hat der Nachwuchsdesigner auch an der Uni wieder sein eigenes Süppchen gekocht und schon mal Kollektionen entworfen. Unter dem Titel "Mixing of Dreams" stellte er als 20-Jähriger 28 Kleider vor. Ein Jahr später nimmt er an einem ersten Wettbewerb teil und stellt sich 2006 den Herausforderungen der türkischen Version von "Projekt Runway": Einer Fernsehshow, bei der Nachwuchs-Designer vor laufender Kamera Aufgaben erfüllen und Prüfungen bestehen müssen. Für den Sieg reichte es zwar nicht - Cüneyt Görtunca musste sich mit einer Pyramide aus Plexiglas begnügen - , aber er konnte wichtige Kontakte knüpfen, so auch zu der Modesendung Fashion-TV.
Helfende Freunde und gute Beziehungen
Mit diesen Erfolgen im Rücken eröffnete er 2007 seine Haute Couture Boutique in Istanbul. "Ich hatte Glück, dass ich Freunde habe, die mir geholfen haben", erzählt Cüneyt Görtunca. Beziehungen zu Schneidereien, Textileinkäufern, Webereien bis hin zu Swarovski. "Deshalb konnte ich das überhaupt nur machen", räumt er ein. So hat er nämlich ein paar Meter Stoff statt eines ganzen Ballens kaufen können, eine Handvoll "Edelsteine" statt einer ganzen Kiste.
Dann kam eins zum anderen. Cüneyt Görtunca: "Ich hatte Glück, die wollten halt meine Kleider." Beziehungen haben natürlich auch eine Rolle gespielt. Der Maskenbildner erzählt einer Moderatorin, ein Freund würde ihr gerne ein exklusives Kleid schenken. Sie ist bereit, es sich mal anzugucken. Dann muss Cüneyt Görtunca ins Studio stürzen - anprobieren, anpassen, jawohl, sie will es haben.
250 Euro pro Kleid
Zugegeben, verdient hat der Designer dann noch nichts, aber wenn die Moderatorin eines populären Morgenmaganzins sein Kleid in ihrer Sendung trägt, ist das ein Marketing-Erfolg. Das Spielchen funktionierte auch mit Video-Drehs von Sängerinnen, bei Schauspielerinnen, und irgendwann rollt dann auch der Rubel.
"In der Türkei gibt es nur arm oder reich, nichts dazwischen", erzählt der Designer. Seine Zielgruppe ist natürlich klar. "Wenn ich dann sage, ein Kleid soll 250 Euro kosten, dann gucken die schon etwas irritiert", deutet Görtunca die Preislage an.
Bettwäsche oder Uniformen für ein Hotel
Geschichte - Die Zelte in Istanbul sind abgebrochen, er lebt jetzt in Oldesloe und arbeitet im Gewerbegebiet für die Firma BDS, einen Textil-Dienstleister. Ein Hotel möchte beispielsweise gerne eigene Bettwäsche oder Uniformen für das Personal haben, Cüneyt Görtunca entwirft das und kümmert sich um die Produktion. Da kommen seine Kontakte in die Türkei zum Tragen. Nicht der Traumjob, aber besser als Fließband-Mode zu entwerfen. Außerdem wolle die Firma ihm helfen, ein eigenes Label aufzubauen.
Der umtriebige 27-Jährige ist von seiner Zukunft überzeugt: "Wenn ich es in der Türkei geschafft habe, warum nicht auch hier?" Die Klientel für seine Kleider, da ist er sich ganz sicher, gibt es auch in Bad Oldesloe und Umgebung.
"Viel Glamour, viele Steine, viel Funkel"
Stardesigner John Galliano, der kürzlich wegen antisemitischer Äußerungen bei Dior gefeuert worden ist, zählt zu seinen Vorbildern. "Bei mir ist viel Glamour in den Entwürfen, viele Steine, viel Funkel", beschreibt der Couturier seinen Stil. Aber da ist er auch nicht festgefahren. "Ich will verkaufen", lautet nämlich ebenfalls sein Credo: "Also werden die Kleider angepasst, wie die Kundin es will. Sie soll sich darin wohl fühlen."
Jede Frau sollte sexy und elegant gekleidet sein, findet der Oldesloer Modeschöpfer. Dafür sei es entscheidend, dass sie das richtige Outfit zur richtigen Zeit am richtigen Ort trage. Um das auszuloten, steht am Anfang eines Entwurfs immer ein ausführliches Gespräch. Daraus werden Zeichnungen entwickelt und abgestimmt. Dann wird das Kleid genäht und angepasst, bis es optimal sitzt - ein maßgeschneidertes Unikat. "Mut, einmal anders sein zu wollen, gehört dazu", sagt Cüneyt Görtunca schmunzelnd. Zu den Kosten so eines Kunstwerks schweigt der Schöpfer.
(ol, shz)

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen