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Gedenken in Bad Oldesloe : Der Trauer einen Raum geben

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Mit einer Andacht, Kranzniederlegungen und einem Zeitzeugen-Café gedenken die Menschen dem Bombenangriff auf Bad Oldesloe vor 70 Jahren.

shz.de von
erstellt am 25.Apr.2015 | 06:00 Uhr

Viele Oldesloer werden gestern vielleicht bemerkt haben, dass um 10.36 Uhr alle Kirchenglocken der Stadt fünf Minuten lang läuteten. Eigentlich hätten sie sogar 18 Minuten lang läuten müssen, denn exakt so lange dauerten die Bombenangriffe auf die Stadt vor genau 70 Jahren, bei denen 706 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Zu der bewegenden Gedenkveranstaltung in der Friedhofskapelle und anschließenden Kranzniederlegung am Massengrab der Bombenopfer kamen rund 70 Oldesloer, darunter auch viele Zeitzeugen, die die Bombardierung als Kinder erleben mussten.

Genau 706 Kerzen hatten Pastor Diethelm Schark und Friedhofsleiter Jörg Lelke in einer Ecke der Friedhofskapelle entzündet - für jedes Opfer des Bombenangriffs eine. Ein bewegender Anblick, der keinen der Gäste ungerührt ließ. „Wir haben nach einem starken Symbol gesucht, das aufwühlt und tröstet“, so Pastor Schark. Noch nie seien in der Kapelle so viele Kerzen gleichzeitig entzündet worden. „Der Krieg kam mit seiner menschenverachtenden Fratze ganz dicht heran. Wir können das nicht ungeschehen machen, aber wir müssen das Angedenken bewahren“, sagte Pastor Schark sichtlich bewegt. Jede Kerze stehe für ein einzigartiges Leben, das ausgelöscht wurde. „Die Toten mahnen uns, verantwortungsbewusst mit der Welt und den Menschen umzugehen“, so Schark. Tassilo von Bary berichtete in knappen Sätzen und den Tränen nahe, dass seine Mutter den verheerenden Bombenangriff mit viel Glück überlebte und erst 30 Jahre später über dieses Trauma sprechen konnte. „Wir müssen alles dafür tun, dass sich so etwas nicht wiederholen kann“, so der Bürgermeister, der nach der Andacht zusammen mit Bürgerworthalter Rainer Fehrmann und den Pastoren Diethelm Schark und Hans Janßen von der katholischen St. Vicelin-Gemeinde zwei Kränze am Mahnmal für die Bombenopfer niederlegte.

Bei vielen älteren Oldesloern waren an diesem Tag die Erinnerungen wieder ganz präsent. So etwas könne man niemals vergessen, sagte Helga Piekarski, die damals neun Jahre alt war. „Es war ein herrlicher, warmer Tag und wir spielten draußen. Als die Sirenen los gingen, holte uns meine Mutter ins Haus. Wir wohnten im Birkenkamp und hatten einen großen Keller, in dem viele andere Oldesloer Schutz suchten. Das Haus wurde beschädigt, es hatte kein Dach mehr, aber wir hatten überlebt. Im Garten war ein großer Bombentrichter. Nach dem Bombenangriff liefen wir alle in Panik über die Felder in Richtung Rümpel und verbrachten den Tag über in einem Knick.“ Erst am Abend traute sich die Familie wieder zurück in ihr Haus. Und auch die Oldesloerin Ursula Radtke hat noch, obwohl damals erst vier Jahre alt, die Bilder ganz genau vor Augen. „Wir waren Flüchtlinge aus Ostpreußen und wohnten im Pölitzer Weg. Als Alarm gegeben wurde, liefen wir in den Kurpark und suchten dort Schutz unter dem Eiskeller. Immer wenn die Tür aufging, weil neue Leute hereinkamen, sah man die Bäume umknicken wie Streichhölzer. Zurück gingen wir dann über die zerstörten Bahngleise. Dort lag ein Mann mit einem abgerissenen Bein. Diesen Anblick werde ich mein Lebtag nicht vergessen“, so die 74-Jährige.

Auch im Bella Donna Haus standen diese und ähnliche Berichte und Erzählungen im Vordergrund. Der Bella Donna-Verein hatte zu einem Zeitzeugen-Café eingeladen und der Raum platzte aus allen Nähten, als Dr. Sylvina Zander einen Vortrag über die Geschehnisse vor 70 Jahren hielt und ihre neue Broschüre mit Zeitzeugenberichten vorstellte. „Wir suchen noch weitere Zeitzeugen und bitten darum, dass sie sich bei uns melden“, so die Stadtarchivarin, die unter der Telefonnummer 504170 zu erreichen ist.

 

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