Glinde : Der Tag der Amokdrohung

Rechtzeitig vor Schulbeginn  war die Polizei vor Ort präsent. Ein Beamter hatte sogar eine Maschinenpistole im Anschlag.
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Rechtzeitig vor Schulbeginn war die Polizei vor Ort präsent. Ein Beamter hatte sogar eine Maschinenpistole im Anschlag.

Für 2000 Schüler gab es gestern nach Drohungen per E-Mail schulfrei. 25 teils schwerbewaffnete Polizisten sichern Schulen in Glinde und Barsbüttel.

Andreas Olbertz. von
22. Januar 2015, 06:00 Uhr

Am frühen Morgen ist es noch stockfinster draußen. Nebelschwaden ziehen über das Schulzentrum am Oher Weg in Glinde. Der Parkplatz ist hell erleuchtet, einige Trakte der Schule ebenfalls. Pünktlich um 6.30 Uhr schließt ein Hausmeister auf, deaktiviert die Alarmanlage – Routine. Doch an diesem Tag kommen keine Schüler, dafür aber die Polizei.

Am Abend zuvor war im Gymnasium in Glinde eine E-Mail eingegangen, in der ein Amoklauf für den kommenden Tag angekündigt wird. Das Drohschreiben ist nicht lang, ein kurzer Text reicht. Da auch die Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule zum Glinder Schulzentrum gehört, wird sie ebenfalls in alle Sicherheitsüberlegungen einbezogen. Über die CC-Funktion, wie der digitale Kopie-Durchschlag heißt, ist die Mail auch an die Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule Barsbüttel geschickt worden. Noch am Abend wird entscheiden, den Unterricht am Mittwoch ausfallen zu lassen. 2000 Schüler müssen oder dürfen zu Hause bleiben.

Die Entscheidung trifft die Schulaufsicht, im Falle des Gymnasiums also das Ministerium direkt, „nach intensiver Beratung mit der Polizei“, wie Patricia Zimnik, Sprecherin des Bildungsministeriums, erklärt: „Wenn die Polizei sagt, wir müssen das ernst nehmen und dazu rät, dass kein Unterricht stattfindet, dann machen wir das. Sicherheit hat Priorität.“

Offenbar hat die Telefonkette zwischen Schule, Lehrkräften und Eltern sowie der Informationsaustausch über die sozialen Netzwerke gut funktioniert, denn nur wenige Kinder kommen zur Schule.

In der Anfangszeit stehen Lehrkräfte bereit, sie nach Hause zu schicken oder umzuleiten, denn an einem sicheren Ort wird ein Betreuungsangebot bereit gehalten.

Polizisten suchen die nähere Umgebung ab. Sie sind zum Teil mit Maschinenpistolen ausgerüstet und auch drei Diensthunde werden hinzugezogen. Zwei der Vierbeiner sind als Sprengstoffspürhund ausgebildet. Ein Indiz, dass mit einer Bombenexplosion gedroht wurde? Die Polizei hüllt sich in Schweigen.

Der Haupteingang wird von schwer bewaffneten Beamten bewacht. Insgesamt werden 25 Polizisten nach Glinde und Barsbüttel geschickt. Weitere sind im Hintergrund aktiv. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Absender zu ermitteln. Da sind unsere Spezialisten schon dran“, erklärte Polizeisprecher Andreas Dirscherl. Auch die Glaubwürdigkeit des Schreibens wird analysiert. Während die Schüler an diesem Tag aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben, sitzen die Lehrkräfte im Lehrerzimmer, das vom Oher Weg aus gut einzusehen ist, und zünden Kerzen an.

Am Nachmittag fällt die Entscheidung, dass „aufgrund einer veränderten Einschätzung der Gefährdungslage“ heute der Unterricht wieder stattfinden kann. Polizeibeamte werden für Einlasskontrollen an den drei Schulen präsent sein. Was genau zu der geänderten Einschätzung geführt hat, will Polizeisprecherin Sonja Kurz aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

Die Ermittler bitten alle Schüler, sachdienliche Hinweise aus den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Whatsapp zu melden. Dabei kann es sich sowohl um Mitteilungen handeln, aus denen eventuell auf eine bevorstehende Kurzschlusshandlung geschlossen werden könnte. Sonja Kurz: „Wenn sich da irgendwelche Parolen verdichten, müssen wir das wissen.“ Die Polizei interessiert sich aber auch dafür, wenn jemand so dumm sein sollte, sich mit dem Coup zu brüsten.

Obwohl faktisch nichts passiert ist, hat der Absender der Mail eine Straftat begangen – „Störung der öffentlichen Ordnung durch Androhung von Straftaten“. Laut Paragraf 126 des Strafgesetzbuchs handelt es sich dabei um eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet wird. Zusätzlich kann Schadenersatz fällig werden. „Das wird eine teure Tasse Tee“, kündigt Kurz an. Der Einsatz wird wohl mit mehreren Tausend Euro zu Buche schlagen. Die Kripo Reinbek ermittelt weiter.

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