Bad Oldesloe : Der Mann mit der Mandoline

Gerührt vom Zuspruch: Avi Avital am Ende des Konzerts
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Gerührt vom Zuspruch: Avi Avital am Ende des Konzerts

Schleswig-Holstein Musik Festival: Avi Avital und das Elbipolis Barockorchester begeistern Zuhörer

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24. Juli 2015, 16:09 Uhr

Er scheint sich zu verausgaben, hängt über seiner Mandoline, verzerrt das Gesicht, Schweißtropfen laufen seine Schläfen hinab und der Zuhörer muss erwarten, dass gleich die Saiten seines kleinen Instruments reißen. Avi Avital malträtiert seine Mandoline bei den letzten Klängen von Antonio Vivaldis „Sommer“ aus den vier Jahreszeiten in der Peter-Paul-Kirche. Die schnellen, barocken Melodieläufe – eigentlich ja für die Violine und nicht für die Mandoline geschrieben – bringen selbst den israelischen Virtuosen an den Rand seines Könnens. Erschöpft reißt er nach den letzten Tönen sein Instrument wie im Triumph über seinen Kopf, reckt es den Zuschauern in der ausverkauften Kirche entgegen und lächelt.

Der Großteil des Publikums bricht in lauten Jubel aus, stehende Ovationen, nicht abebbender Applaus. Fast schon angespannt hatten die anwesenden Klassikfans zuletzt das musikalische Treiben im Altarraum beobachtet, dass mit eben jenem „Sommer“ des barocken Komponisten seinen an der richtigen Stelle im dramaturgischen Ablauf eingefügten Höhepunkt fand. Der finale Schlussakkord war ein Ausrufezeichen zum Ende eines hörenswerten Konzertes der Schleswig-Holstein Musikfestivals, das damit erneut einen großen Erfolg in Bad Oldesloe feiern konnte.

„Es freut mich einen so besonderen Künstler hier begrüßen zu können. Ich bedanke mich bei den Sponsoren und natürlich vor allem bei den fleißigen Helfern hier vor Ort“, hatte Wolfgang Gerstand vom lokalen Planungskomitee zu Beginn des Konzertabends gesagt. Zwei Damen wolle er besonders herausheben: „Zum einen – auch wenn das natürlich etwas ungewöhnlich ist – meine Frau und Renate Walter von den Freunden der Kirchenmusik, die hier seit vielen Jahren für den reibungslosen Ablauf sorgen. Ohne solche Engagierten, wäre das alles hier für uns gar nicht möglich“, so Gerstand. Er versprach den Zuschauern einen „unvergesslichen, besonderen Abend.“

Und wer mit barocken und romantischen Klängen in Kombination mit der Mandoline etwas anfangen kann, der wurde nicht enttäuscht. Begleitet vom perfekt eingespielten Elbipolis Barockorchester aus Hamburg stellte er der 36-Jährige sein virtuoses Können unter Beweis.

Der oftmals mit einer gewissen Melancholie assoziierte Mandolinenklang brachte schnell ein süd- und südosteuropäisches Flair in die Oldesloer Kirche. Und der eher popkulturell gebildete Zuhörer musste schnell an den „Godfather-Soundtrack“ mit seinen typischen Mandolinenpassagen denken, wenn die Transkriptionen Avitals erklangen. Interessanterweise lässt die Mandoline auch manch bekannteres romantisches Werk in einem neuen Klang erscheinen. Avitals Bearbeitungen und Neu-Interpretationen von vier Liedern des russischen Komponisten Pjotr Illjitsch Tschaikowski aus dessen Jahreszeiten-Zyklus wirkten geradezu wie kleine melodische Ohrwürmer, die frisch abgestaubt keinesfalls über 150 Jahre alt klangen. „Ich suche die Herausforderung“, sagt Avital . „Für das Konzert heute sollte es etwas mit den Jahreszeiten und mit Tschaikowski zu tun haben. Also habe ich geschaut, mit welchen Liedern es funktionieren kann und dann transkripiert“, berichtet er über sein Auswahlverfahren. Bei den Oldesloern kam nicht nur das musikalische Ergebnis, sondern auch seine sympathische Art gut an.

Und als er als Zugabe alleine an der Mandoline ein altes südosteuropäisches Volkslied spielte, war er klanglich dann auch nicht mehr so weit von aktuellen Kompositionen im Folk- und Neo-Folk–Bereich entfernt.

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