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Stormarner Tageblatt

18. August 2017 | 13:02 Uhr

Der Mann, der die Hölle erlebte

vom

Murat Kurnaz saß fünf Jahre lang im Folterlager Guantanamo: Beim grünen Filmabend in Bargteheide gewährte er Einblicke

Bargteheide | Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, ohne zu zerbrechen? Murat Kurnaz hat im Folterlager Guantanamo fünf Jahre lang die Hölle erlebt, bis er 2007 in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. "Aber es geht mir heute wieder gut, auch seelisch", sagt er. In einem aktuellen Spielfilm wird das Schicksal des in Bremen aufgewachsenen Sohns türkischstämmiger Eltern gezeigt. "Alles, was im Film dargestellt wird, ist so geschehen", sagt er, "oder es war noch schlimmer". Und es gebe weitere, geheime Folter-Gefängnisse.

"Fünf Jahre Leben" heißt der packende Film von Stefan über dieses Menschenschicksal. Er wurde zur Eröffnung der Kinosaison im Bargteheider Cinema Paradiso gezeigt. Eingeladen hatten die Grünen, die mit der Bundesvorsitzenden Claudia Roth, der Landes-Chefin Dr. Ruth Kastner und viel weiterer Prominenz vertreten waren. Auch Geheimdienstexperte Konstantin von Notz saß nach der Vorführung zusammen mit Kurnaz auf dem Podium. "Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte Claudia Roth: "Diese deutsche Schuld und dieses Unrecht machen mich sprachlos." Denn die Bundesregierung hatte Kurnaz über vier Jahre lang nicht geholfen. Im Gegenteil. "Es gab damals ein "Dossier Maaßen", so Roth, "dass Kurnaz auf keinen Fall zurück nach Deutschland kommen sollte", so Roth. Hans-Georg Maaßen war damals Referent beim Innenminister Otto Schily. Er ist heute Präsident des Verfassungsschutzes.

Die Menschenrechte würden in den Folter-Knästen mit Füßen getreten, sagte Claudia Roth: "Das führt auch zu einer Radikalisierung, aus Gläubigen werden Islamisten." Im Kampf gegen den Terror blieben Freiheitsrechte auf der Strecke. "Wenn wir uns nicht dagegen wehren, werden wir den Rechtsstaat verlieren", sagte von Notz unter Applaus der gut 300 Besucher. Die Geheimdienste organisierten systematisch den Verfassungsbruch. Kurnaz sieht es pragmatisch: "Es ist einfacher, mit der Überwachung zu leben als in Guantanamo." Dass er abgehört werde, störe ihn nicht. Bis heute hat sich kein deutscher Verantwortlicher bei Kurnaz entschuldigt, es gibt auch keine Wiegutmachung für fünf Jahre Hölle.

"Ich gelte bis heute als gefährlich", sagte Kurnaz, "deshalb bekomme ich keinen festen Job". Der gelernte Konstruktionsmechaniker lebt weiter in Bremen und schlägt sich mit Mini-Jobs durch. Er hat wieder geheiratet, ist Vater zweier Kinder. Er kümmert sich ehrenamtlich um jugendliche Migranten, möchte bei der Integration helfen. "Ich spreche fünf Sprachen und würde gern beruflich mit Jugendlichen arbeiten."Die neue digitale Kino-Projektion im Cinema Paradiso überzeugte bei der 1. Vorführung. Bild und Ton sind toll.

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erstellt am 10.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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