Bad Oldesloe : Der kleine Urlaub vom Alltag

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In puncto Vielfalt, Frische und Regionalität können Supermärkte Schritt halten. Doch der Wochenmarkt der Kreisstadt hat eine eigene Anziehugskraft. Warum viele traditionellen Warenkauf lieben.

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16. Dezember 2017, 06:00 Uhr

Regen tropft von den Markisen, Kinder in Gummistiefeln stapfen durch die Pfützen, Menschen huschen in der Hindenburgstraße eilig von Geschäft zu Geschäft. Es ist ein eisiger Dezembertag, an dem sich eigentlich niemand gerne und lange draußen aufhält. Eigentlich. Denn ein paar Meter weiter im Herzen von Bad Oldesloe ist mittwochs und samstags alles anders: Auf dem Wochenmarkt ist reges Getümmel. Jedem Wetter, aber vor allem jeder noch so vernichtenden Verbraucherstudie zum Trotz floriert der Oldesloer Wochenmarkt augenscheinlich nach wie vor.

„Der Samstag ist wirklich ein erfolgreicher Tag“, bestätigt Birgit Winzler, 1. Vorsitzende der Marktgemeinschaft Bad Oldesloe: „Aber der Mittwoch macht uns schon seit langem Sorgen. Insgesamt kämpfen die Wochenmärkte vielerorts ums Überleben.“ Und das nicht ohne Grund: Regionale und ökologische Lebensmittel gibt es seit mehreren Jahren auch in den großen Supermärkten zu kaufen. Damit fehlt den Märkten ein wichtiges Wettbewerbsargument. Was macht den Oldesloer Wochenmarkt also überhaupt noch zu einem Anlaufpunkt für Einkäufe?

Die Tradition ist Hunderte von Jahren alt: Schon seit 1371, kurz nach Erhalt des Marktrechts, werden auf dem Marktplatz in Bad Oldesloe an Ort und Stelle Waren gehandelt. Begonnen als Privileg der Adligen und Großbürger hat sich der Markt über seine Zeit hinweg gewandelt und gilt auch heute noch als Spiegelbild gesellschaftlicher Strukturen und Bedürfnisse.

Diesem Spiegelbild begegnet Marktmeister Hans Wilhelm Nagel tagtäglich. Seit geschlagenen 37 Jahren ist er im Geschäft: „Früher hätte ich am Anfang keinen Stand alleine betreiben können, weil so viele Leute auf dem Wochenmarkt eingekauft haben. Das wär’ gar nicht zu schaffen gewesen“, erinnert sich der von allen „Apfelwilli“ genannte Obstbauer zurück. Heute sei es umgekehrt. „Der Anspruch an das Einkaufen ändert sich“, bestätigt auch Birgit Winzler. Auch sonst könne der Markt in Bad Oldesloe nur funktionieren, weil die Organisation und Verwaltung in ehrenamtlicher Eigenregie der Standinhaber erfolge.

So ist Hans Wilhelm Nagel seit knapp zehn Jahren gleichzeitig Marktmeister und sorgt für Struktur und Ordnung unter den 18 Händlern auf dem Markt. In der dritten Generation bedienen seine Eltern und er nun schon die Kunden, von denen er den Großteil mittlerweile persönlich kennt.

„Er ist einfach eine Institution“, bestätigt Astrid Janßen-Schadwill, langjährige Wochenmarkteinkäuferin und Stammkundin bei „Apfelwilli“. Das Besondere am Wochenmarkt für sie: „Man schlendert, man trifft Bekannte und man hat ein Vertrauensverhältnis zu den Händlern. Und es hat natürlich auch etwas mit Tradition zu tun“, begründet Astrid Janßen-Schadwill ihre Treue zum Markteinkauf.

Tradition trifft gerade bei den jungen Leuten auf Pragmatismus: Keine Zeit und ein anderes Konsumverhalten sorgen laut der A.T. Kearney Verbraucherstudie dafür, dass den Wochenmärkten die Kunden aussterben. Der Löwenanteil der ohnehin kleinen Gesamtmenge regelmäßiger Wochenmarktkäufer liegt bei den über 60-Jährigen. Wochenmärkte wie der in Bad Oldesloe können also weder allein von Stammkunden leben oder mit ihrem Angebot überzeugen. Aber sie erfüllen mittlerweile andere zeitgenössische Bedürfnisse: Der Kontakt zu Menschen und die Auszeit vom Alltag beispielsweise.

Christian Behrendt (39) und Stefanie, Winegge (37) gehören zur jungen Generation der Wochenmarktkunden. Auch für sie ist das Angebot kein Hauptargument: „Der Trend geht doch dahin, nicht zu kochen und zu fertigen Produkten. Zudem ist das Einkaufen ja auch eine Zeitfrage“, behauptet Christian Behrendt. Stattdessen wirkt der Marktbesuch wie eine Art Kurzurlaub: „Man trifft sich, hat Kontakt zu Menschen. Und wir kommen wegen der schönen Atmosphäre“, erklärt Behrendt.

Damit auch in Zukunft noch junge und ältere Leute eine Auszeit vom Alltag nehmen und sich auf dem Markt in ihrer Kreisstadt treffen können, kämpft Birgit Winzler mit den anderen Standinhabern weiter. „Wäre es nicht schade, wenn Orte wie dieser archiviert werden?“, gibt sie zu bedenken. „Ich finde es wichtig, das zu erhalten.“

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