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Stormarner Tageblatt

13. Dezember 2017 | 01:26 Uhr

Der Himmel kennt keine Grenzen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Lübecker Segelflieger Gerhard Littmann geriet 1970 aufgrund eines defekten Kompasses auf die DDR-Seite und wurde verhaftet

shz.de von
erstellt am 07.Nov.2014 | 13:04 Uhr

Es war der 13. August 1970, ein herrlicher Sommertag und ideal zum Segelfliegen. Deshalb hatte es Gerhard Littmann eilig, seinen ersten Überlandflug zu absolvieren. Ohne Karte startete er auf dem Gelände des Aero Clubs in Lübeck-Blankensee, dessen Vorsitzender er 24 Jahre lang war. Was Littmann nicht wusste: Der Kompass war defekt und führte ihn ganz schnell in die falsche Richtung gen Osten. Ehe der damals 44-Jährige sich versah, befand er sich über dem Schaalsee und schon auf Seiten der DDR. Als er seinen Irrtum bemerkte, war es zu spät. Da war er schon 15 Kilometer in die DDR geflogen – mit Folgen, die anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls lebendig werden.

Littmann: „Alles ging so schnell. Ich dachte, jetzt bist du falsch.“ „Grenzprovokation im Luftraum“ nannte die DDR es damals. Ein Fehler mit schwerwiegenden Folgen. „Eigentlich wollte ich nach Lüneburg. Alles in allem war es meine Schuld, denn ich habe in der Eile im Vorwege nicht richtig kontrolliert“, erinnert er sich an den denkwürdigen Tag, der sein Leben verändern sollte. Wie Littmann erst später erfuhr, war der 13. August nicht nur der 9. Jahrestag des Mauerbaus, der in der DDR gefeiert wurde, sondern gleichzeitig der Tag der NVA und der Luftstreitkräfte. Direkt hinter der Grenze kam ihm eine russische Antonow entgegen, und Littmann bekam es mit der Angst zu tun: „Ich dachte, du musst landen, sonst ist der Ofen aus.“ Erst viel später erfuhr er, dass die russische Maschine ihn gar nicht gesehen hatte. Littmann landete auf einer Wiese nahe einer Radarstation bei Schwerin.

„Dort bin ich zuerst sehr nett empfangen worden“, blickt Littmann zurück. Doch der Schein trog, und eine Gruppe von Stasi-Mitarbeitern transportierte ihn in die Stasi-Zentrale nach Ost-Berlin, wo er tagelang verhört wurde und in Einzelhaft kam. Littmann konnte es nicht glauben, doch die Stasi sah in ihm einen Spion der CIA.

„Sie behaupteten, ich sei vom Westen geschickt worden, um den Dritten Weltkrieg zu entfesseln“, schüttelt er ungläubig den Kopf. Wenn es damals nicht so bitterernst gewesen wäre, könne man heute fast darüber lachen. Man drohte ihm damit, auch seine Familie in Gewahrsam zu nehmen.

In der Isolationshaft verlor er jegliches Zeitgefühl. Während der gelernte Kaufmann, der ein Bekleidungsgeschäft in Bad Schwartau führte, in der DDR fest saß, wurden seine Familie und Freunde von Spionen unter die Lupe genommen. „Es waren Monate der Angst und der völligen Ungewissheit. Ich rechnete mit dem Schlimmsten“, so der heute 88-Jährige. Alle Einzelheiten seines Grenzfluges und der Stasi-Schikanen erfuhr Littmann nach der Grenzöffnung aus 4 000 Seiten Stasi-Akten. Ein DDR-Gericht verurteilte ihn schließlich zu 20 Monaten Gefängnis, abzusitzen im „Städtischen Arbeitshaus“ Berlin-Rummelsburg. Zur Verhandlung musste er in Fesseln erscheinen.

Hinter den Kulissen liefen die Verhandlungen für seine Freilassung auf Hochtouren. Anwalt Wolfgang Vogel, Unterhändler der DDR beim Häftlingsfreikauf, hatte sich eingeschaltet. Nach sieben Monaten Haft wurde Littmann endlich von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft.

„Ich wusste nicht, ob das mit der Entlassung wirklich stimmte. Ein gutes Zeichen war, dass ich während der letzten Hafttage aufgepäppelt wurde“, schaut er zurück. Ein BMW mit verhängten Nummernschildern brachte ihn schließlich kurz vor den Grenzübergang bei Göttingen, wo er in das Auto von Wolfgang Vogel stieg und über die deutsch-deutsche- Grenze gebracht wurde. Um andere Inhaftierte in der DDR nicht zu gefährden, wurde er zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Wie hoch die Summe war, weiß Littmann nicht. Er hofft aber, dass sein Irrflug dem Staat nicht allzu teuer gekommen ist. Später seien zwei DDR-Agenten, die in seinem privaten Umfeld spioniert hätten, an die DDR verkauft worden. Gerhard Littmann: „Dann hat sich das vielleicht wieder ausgeglichen.“

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