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Reinbek : Der böse Onkel und die lebenslangen Folgen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Sexueller Missbrauch an Kindern nach 25 Jahren gesühnt: 16 Monate Haft auf Bewährung für 53-Jährigen.

Auch nach einem Vierteljahrhundert kann ein Verbrechen noch geahndet werden. Diese Erfahrung musste gestern ein 53-jähriger Hausmeister aus dem Süden des Kreises machen. Der schwere sexuelle Missbrauch an seinen zwei Nichten hat ihn noch vor der Verjährung seiner Straftaten eingeholt. Vor dem Schöffengericht in Reinbek muss er sich dafür verantworten.

Die Mädchen waren erst drei und fünf Jahre alt, als er sie unsittlich berührte, um sich zu erregen. Erst viele Jahre später fassten die Frauen sich ein Herz und zeigten ihren Onkel an. „In mindestens sechs Fällen berührte er die Kinder in seiner oder der elterlichen Wohnung seiner Schwester an ihrer Scheide“, sagt Staatsanwalt Sönke Voß. Einen siebten Vorwurf lässt er fallen, weil der Angeklagte ihn bestreitet und der für das Strafmaß ohne Bedeutung ist. „Die übrigen Vorwürfe räumen wir ohne Abstriche ein“, sagt sein Anwalt Ernst Medecke. Damit wird den Frauen eine Vernehmung erspart. Weinend und aufgelöst verlassen sie später den Saal.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden sie zu den Tatfolgen befragt. Die sind erheblich. Eines der Mädchen hat keine Freunde gefunden, die 2. Klasse wiederholt, Depressionen und benötigte psychologische Hilfe. „Bis heute hat sie Eheprobleme und kein Vertrauen in männliche Personen“, sagt die Vertreterin der Nebenklage. Auch die Schwester habe immer wieder Selbstzweifel und Probleme beim Ausleben ihrer Sexualität. Sie war wiederholt in stationärer und ambulanter Behandlung. Ein Studium hat sie abgebrochen.

Für Überraschung sorgt die Vorsitzende Richterin: Sie verweist auf ein Urteil des Amtsgerichts Ahrensburg von 1997, das bereits aus dem Vorstrafenregister gelöscht wurde. Damals wurde der Angeklagte bereits wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. 1996 hatte er mehreren minderjährigen Jungen Pornofilme gezeigt, sich vor ihnen entblößt und sich selbst befriedigt. Auch ihre Penisse hatte er berührt.

Die Auflagen aus dem damaligen Urteil hatte er erfüllt. Der Angeklagte absolvierte therapeutische Gespräche und machte eine Alkoholentziehungskur . „Beim Psychologen wollte ich wissen, warum ich solche Gedanken hatte“, sagt er. Eine Antwort darauf hat er nicht gefunden, aber seitdem ist er nicht mehr strafrechtlich aufgefallen. „Kinder erregen mich nicht mehr.“ Die Entwöhnung hat allerdings nicht gefruchtet. „Zwei Jahre war ich danach trocken“, sagt er, „danach fing ich wieder an zu trinken, nur Bier.“ Sein Vater sei ebenfalls abhängig gewesen, und schon als Zwölfjähriger habe er Alkohol konsumiert: „Vielleicht auch schon früher.“ Immerhin halte er seitdem einige Tage ohne Alkohol durch. Seine Taten habe er nicht im Vollrausch ausgeübt.

Einen so lange zurückliegenden Fall habe er noch nicht erlebt, so Staatsanwalt Sönke Voß: „Zugunsten des Angeklagten spricht sein Geständnis, das hat das Verfahren befördert.“ Auch sei er von seiner Familie geächtet worden. Zu seinen Ungunsten sprächen der schwere Vertrauensbruch und die er-heblichen Tatfolgen für die Opfer. Voß fordert ein Jahr und vier Monate Haft, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Eine Entzugs-Therapieauflage hält er angesichts der Vorgeschichte für sinnlos. Außerdem sollte der Angeklagte eine Geldstrafe von 1800 Euro in Raten leisten. Die Vertreterin der Nebenklage geht weiter und verlangt zwei Jahre auf Bewährung und ein angemessenes Schmerzensgeld für die Opfer. „Es geht ihnen bis heute nicht gut.“

Das Gericht entscheidet sich für den Antrag des Staatsanwalts. Der Angeklagte muss zudem die Kosten des Verfahrens tragen und den Schwestern insgesamt 1584 Euro Schmerzensgeld in Monatsraten von je 22 Euro zahlen. „Keine noch so hohe Zahlung kann diese Taten ungeschehen machen“, sagt die Vorsitzende Richterin. Es sei richtig von den Schwestern gewesen, sie zur Anklage zu bringen: „Auch nach 25 Jahren ist da ganz und gar nichts gut.“




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