Reinfeld : Dem Todesmarsch entkommen

Das Kurzfilmprojekt "Dr3i - run and hide" beschäftigt sich mit den Grausamkeiten kurz vor Kriegsende. Auch durch Stormarn zogen Märsche mit KZ-Häftlingen.

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18. März 2013, 06:38 Uhr

Reinfeld | Mai 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Deutschland steht kurz vor der Kapitulation. Drei ehemalige Häftlinge haben Unterschlupf in einem Brückenschacht der Reichsautobahnbrücke bei Barnitz gefunden. Sie sind ausgehungert, traumatisiert, ausgezehrt, zerlumpt und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Dem Trio gelang es, von einem so genannten Todesmarsch, der sich vom KZ Neuengamme durch Stormarn bis nach Neustadt auf den Weg gemacht hatte, zu flüchten. An der Trave bei Reinfeld finden sie schließlich Unterschlupf und versuchen zu überleben.

Die drei ehemaligen KZ-Häftlinge sind ein Wehrmachtssoldat, der an den Erlebnissen während des Krieges zu zerbrechen droht, ein Sozialdemokrat, der sich vor den Nazis nach Schweden flüchtete und bei seiner Rückkehr inhaftiert wurde, sowie ein Pastor, der an der Ideologie der Nationalsozialisten zweifelt. Der eine fragt sich, warum Gott dieses Leid zulässt, der nächste grübelt darüber, warum sich so wenige Menschen wehren und der andere erlebt den äußeren Wahnsinn bedrohlicher als den inneren.

"Dr3i - run and hide" heißt das neuen Kurzfilmprojekt unter der bewährten Leitung von Therapeut im Therapiezentrum Holstenhof und Regisseur Udo Reichel-Röber, der damit bereits den sechsten Handicap-Film produziert. "Unser Filmprojekt hat das Ziel, Menschen wachzurütteln und zu hinterfragen, wie die Gräuel des Krieges und der Nazis überhaupt passieren konnten und warum niemand etwas davon mitbekommen haben will", erklärt Reichle-Röber. Deshalb sind die drei Protagonisten des Kurzfilms auch ganz normale Menschen aus der Nachbarschaft, so dass eine Identifikation des Zuschauers statt finden kann.

Auch Reinfeld war von den Todesmärschen, auf denen Tausende von Inhaftierten ihr Leben verloren - entweder durch Erfrieren, Verhungern, durch Erschießen bei Fluchtversuchen oder zum Schluss durch Bombardierung des Schiffes "Cap Arcona" vor Neustadt - betroffen.

Die Todesmärsche gingen von Auschwitz über Dora Mittelfeld, nach Hamburg bis an die Ostsee. "Am Hof Dröhnhorst, direkt gegenüber des Holstenhofes, wurden die Häftlinge in Waggons verladen", weiß der Regisseur. Doch warum hatte niemand in der Karpfenstadt etwas mitbekommen? "Ganz einfach, damals gab es den Teil von Reinfeld noch nicht. Die Bahngleise befanden sich weit ab", so Reichle-Röber. Trotzdem könne es nicht sein, dass niemand von diesen grausamen Märschen wusste, denn laut Recherchen führten sie durch Städte und Dörfer. "Die Todesmärsche am Ende des Krieges sind nur wenig bekannt. Wir wollen darauf aufmerksam machen", sagt er.

Um ein authentischen Bild der damaligen Situation zu zeichnen, recherchierten er und seine Mitspieler gründlich, wälzten Bücher, informierten sich bei den wenigen noch verbliebenen Zeitzeugen und besuchten die Gedenkstätte Ahrensbök, in der sich zu Beginn der Naziherrschaft für sechs Wochen ein so genanntes "Wildes KZ" befand. Hier wird den Besuchern das verheerende Ausmaß der Katastrophe deutlich vor Augen geführt.

Inspiriert wurde Udo Reichle-Röber zu dem Kurzfilm durch seine Wanderung an der Trave für den Film "Travebrücken", wo er auf eine Stele stieß. Diese wurden von Teilnehmern der Sommercamps der Aktion "Sühnezeichen / Friedensdienste" der Gedenkstätte Ahrensbök überall dort aufgestellt, wo der Todesmarsch vorbeiführte. Die internationalen Sommercamps wurden zehn Jahre lang von Barbara Brass aus Rehhorst geleitet, die die Gedenkstätte mit aufbaute und sich heute im Kriminalpräventiven Rat in Reinfeld engagiert, der 80 Jahre nach Matchergreifung der Nazis das "Nachdenkjahr" ausrief.

Im Rahmen dieser Gedenk-Veranstaltungen entsteht auch der Kurzfilm. Gedreht wird im April, gezeigt werden soll der Film im Mai in Reinfeld und der Gedenkstätte - möglichst um das Datum der Befreiung durch die Alliierten herum. Die drei Pro tagonisten, die sich in ihrem Unterschlupf - gedreht in einem ehemaligen Luftschutzbunker - über das Wie und Warum des Krieges ausein andersetzen, werden am Ende von einem Schotten gefunden und befreit. Wie ihr Schicksal weiter verläuft, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen.

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