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Bargteheide : Das Weib mit der Revolver-Schnauze

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Großer Festakt im Kleinen Theater Bargteheide für die SPD-Frontfrau Louise Zietz.

„Sie war keine große Theoretikerin und taugte nicht zur Ikone“, schreibt Historiker Tobias Kühne. In der Rückschau könne man Louise Zietz aber als die bedeutendste Sozialdemokratin ihrer Zeit bezeichnen. Gestern wurde die Bargteheiderin anlässlich ihres 150. Geburtstags mit einem Festakt im Kleinen Theater geehrt.

„Mit ihrer einfachen Sprache und ihrer Authentizität konnte sie viele Menschen überzeugen“, sagt der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner. Die Tochter eines Wollwebers wurde als Louise Körner geboren und musste schon früh in der väterlichen Werkstatt arbeiten und die Ware ausliefern. Hart bedrängt von der aufkommenden Textilindustrie lebte die Familie in großer Armut. „Trotz der vielen Arbeit fand sie noch die Energie, sich durchs Lesen weiterzubilden“, so Bürgermeister Dr. Henning Görtz.

So gelang es ihr unter Mühen, in Hamburg eine Ausbildung als Kindergärtnerin zu absolvieren. Dort lernte sie den Hafenarbeiter Carl Zietz kennen und kam in Kontakt mit der Arbeiterbewegung. Die wirkte lange in der Illegalität durch die Sozialistengesetze. „Sozialdemokraten wurden so zu Reichsfeinden stilisiert. Im Untergrund trafen sie sich, getarnt als Lesezirkel oder Kartenspielerclubs“, so Stegner. Frauen war damals sogar explizit und per Gesetz jede politische Arbeit verboten. 1908 wurde sie als einzige Frau in den Parteivorstand gewählt.

Eine Frau als öffentliche Rednerin war damals eine Sensation. „Als Weib mit der Revolver-Schnauze zog sie viele Zuhörer in Bann“, sagt Marina Spillner, SPD-Frau aus Düsseldorf. „Meine Mutter hat mir viel von ihr erzählt“, sagt Urgroßnichte Susanne Schütt in der Talk-Runde. Sie sei beeindruckt vom Einsatz der Vorfahrin für eine bessere Welt, ihrer Zielstrebigkeit und ihrem Durchhaltevermögen. „Louise Zietz war schon lange krank und musste immer wieder zur Kur.“ 1922 brach die Abgeordnete im Reichstag zusammen und starb wenig später mit nur 56 Jahren.

„Zu ihrer Zeit waren die Parteien reine Männer-Clubs“, sagt die Staatsministerin im Kanzleramt und Migrationsbeauftragte Aydan Özuguz. Von 1890 bis 1913 seien auf den SPD-Parteitagen nur drei Frauen zu Wort gekommen. Auch die Umgangsformen und Rituale hätten viele abgeschreckt. Teilweise gelte das noch heute: „Aber wer von Frauenfragen als Gedöns spricht, bekommt es heute nicht nur mit den Frauen zu tun.“

Ein erster Sieg sei die Einführung des Frauenwahlrechts 1919 gewesen, aber viele Niederlagen seien gefolgt. Sie selbst habe über die „Welt-Frau aus Bargteheide“ zunächst wenig gewusst. „Je mehr ich über sie erfuhr, desto größer wurde meine Bewunderung für sie“, so Aydun Özuguz. Bis zu 200 öffentliche Auftritte pro Jahr habe Louise Zietz absolviert und so zur Mobilisierung der Frauen beigetragen. „Mit kerniger und deftiger Sprache hat sie sich die Männerdomäne Politik vorgenommen“, so Görtz. Das vermisse er heute in den Parlamentsdebatten. Sie habe Unrecht und Kinderarbeit angeprangert und sich für die Rechte der Frauen eingesetzt.

Im Bargteheider Stadthaus wird seit gestern die Ausstellung „für eine bessere Welt“ gezeigt. Thema sind die ersten Frauen in der Sozialdemokratie. Im Mittelpunkt steht aber Louise Zietz. Viele Exponate hat Susanne Schütt aus dem Familienarchiv beigesteuert. „Mein Urgroß- und Großvater haben 1922 ihre Wohnung in Berlin aufgelöst und viele Gegenstände bewahrt“, sagt sie.

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