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Ammersbek : Das war mehr als ein Sekundenversagen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das Amtsgericht in Ahrensburg verhandelt den tödlichen Motorradunfall an der Kreuzung. Die Unfallfahrerin wurde zu 12 000 Euro Geldstrafe verurteilt. Der Richter ging über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

„Ich habe nach rechts und links geschaut, aber den Motorradfahrer nicht gesehen, es war ein Augenblicksversagen“, sagt die Angeklagte mit brüchiger Stimme. Als sie an der Kreuzung bei der Hoisbütteler Mühle nach links abbog, erblickte sie das von links kommende Motorrad noch. Doch da war es schon zu spät. Ihren BMW konnte sie noch stoppen, aber der Wagen ragte bereits in die Vorfahrtsstraße. Bei seiner Notbremsung auf nasser Fahrbahn stürzte der Kradfahrer, rutschte auf der Straße weiter und prallte mit dem Kopf gegen die Stoßstange des BMW. Der 35-Jährige erlag noch an der Unfallstelle seinen Verletzungen.

Gestern wurde der Unfall vom 27. April vergangenen Jahres vor dem Amtsgericht Ahrensburg verhandelt. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. „Ich war davon ausgegangen, dass er noch an mir vorbeifahren konnte“, sagt die 61-jährige BMW-Fahrerin aus Hoisdorfer. Ihr Leben habe sich seitdem gravierend verändert: „Das Geschehen läuft noch heute täglich wie ein Film vor meinem geistigen Auge ab.“

Es herrschte dichter Berufsverkehr, als sie vor gut einem Jahr gegen 7.50 Uhr an die Kreuzung heranfuhr. Die 61-Jährige habe nervös gewirkt, schildert eine Schulbusfahrerin. Sie sei mehrfach kurz angefahren und habe wieder abgebremst. „Ich dachte noch, fährt sie jetzt oder fährt sie nicht“, so die Busfahrerin. Sie stand auf der vorfahrtberechtigten Linksabbiegerspur der Landesstraße, wollte Richtung Ahrensburg fahren. „Ich sah das Motorrad kommen und schrie noch, ‚Jetzt doch nicht.‘“ Sehr schnell sei das Krad nicht gewesen.

Zu diesem Ergebnis kommt auch der Sachverständige: „Es waren maximal 84 Stundenkilometer“, hatte er berechnet. „Ein solcher Sturz geschieht oft nach einer intuitiven Überbremsung mit einem Krad.“ Das Fahrlicht am Krad war eingeschaltet. Im Mai hätte das Motorrad zum TÜV gemusst. „Deshalb hatte er schon neue Reifen aufgezogen und die Bremsbeläge erneuert“, so die Mutter des Opfers, die als Nebenklägerin dabei war.

Ihre Familie und sie haben sich seitdem für eine Entschärfung der Kreuzung eingesetzt. Mit Erfolg, denn seit wenigen Tagen ist dort eine Ampel in Betrieb, wenn auch viele Ammersbeker einen Kreisel bevorzugt hätten.

Der Richter kritisiert ein Schreiben der Angeklagten an die Familie: „Darin steht kein Wort der Entschuldigung.“ Die Hoisdorferin sagt dazu: „Das Wort ist zu pauschal und nicht genug, ich hoffte, dass es aus meinem Brief deutlich wird.“ Es tue ihr entsetzlich leid.

Auch wenn das Opfer mit Tempo 70 gefahren wäre, sei der Unfall unvermeidbar gewesen, so der Staatsanwalt. Das Krad sei gut sichtbar gewesen, die Angeklagte habe pflichtwidrig gehandelt. Er fordert eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 120 Euro. Der Verteidiger schließt sich an: „Es war ein Sekundenversagen und eine schicksalhafte Verkettung technischer Zusammenhänge.“

Der Richter geht über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und verhängt eine Geldstrafe von 120 Tagessätze zu 100 Euro. Die müsse umgehend und nicht in Raten beglichen werden: „Ich bin irritiert, weil sie angeblich nach rechts und links geguckt haben, aber den Schulbus nicht erinnern.“ Er glaube eher der Aussage der Busfahrerin, dass sie stark abgelenkt gewesen sein müsse. „Sie versuchten in Unruhe trotz des vorfahrtberechtigten Busses noch in die Kreuzung hineinzufahren.“ Das sei mehr als ein Sekundenversagen gewesen, sondern eine deutliche Verletzung der Sorgfaltsplicht.

Er sei froh, dass die Angeklagte wenigstens in der Verhandlung noch ein Entschuldigungswort gefunden habe. Deshalb habe er auf eine Freiheitsstrafe oder ein Fahrverbot verzichten können. Sie müsse noch defensiver fahren. Ihr Fehlverhalten sei aber auch eines, dass alle zuweilen begingen und dessen Konsequenzen nur mit mehr Glück nicht so tragisch endeten.


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