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Stormarner Tageblatt

19. August 2017 | 18:59 Uhr

Sexueller Missbrauch : Das Urteil: Freispruch

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Anklage vor dem Amtsgericht Lübeck wegen sexuellem Missbrauch in sieben Fällen an leiblichen Kindern und der Tochter einer Lebensgefährtin konnte nicht bewiesen werden. Die Übergriffe sollen sich in Sühlen und Henstedt-Ulzburg 1992 bis 2002 zugetragen haben.

Mit gesenktem Blick sitzt der Angeklagte Hendrik L. auf der Anklagebank im Amtsgericht Lübeck. Diesmal ist er pünktlich zum Gerichtstermin erschienen. Am ersten Verhandlungstag musste er noch aus seinem gegenwärtigen Wohnort Göttingen von der Polizei und in Handschellen nach Lübeck gebracht werden (wir berichteten).

Ein Mann, der von 2007 bis 2011 auf der Straße gelebt hat und dem die schlechte zeit ins Gesicht geschrieben steht. Immer wieder wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Hendrik L. verweigert die Aussage zum Geschehen, das über zehn Jahr zurück liegt: Er ist angeklagt wegen sexuellem Missbrauch in sieben Fällen an seinen leiblichen Kindern und der Tochter einer Lebensgefährtin. Die Übergriffe sollen sich in Sühlen sowie später in Henstedt-Ulzburg in den Jahren 1992 bis 2002 zugetragen haben. Sieben weitere Fälle sieht das Gericht als bereits verjährt an.

Staatsanwältin Nett kann die Vorwürfe der bereits vor einer Woche geladenen Zeugen nur teilweise bestätigen. Erinnerungen hätten sich im Laufe der Jahre „vermischt und getrübt“, so dass vier der drei zur Anklage gebrachten Missbrauchsfälle nicht mit berücksichtigt werden könnten. Die Aussage der Tochter der Lebensgefährtin sei jedoch glaubwürdig gewesen. Mehrmals hätten sexuelle Übergriffe vor allem im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung stattgefunden. Die Staatsanwältin plädiert insgesamt für ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung.

Rechtsanwalt Brand hält dagegen, dass keine der aufgeführten Anschuldigungen auf Beweise gestützt seien. Dass die Familiensituation schwierig und teilweise von Gewalt und Aggression des Angeklagten geprägt gewesen sei, sei unbestritten. Die Mutter des angeblichen Opfers habe zudem ausgesagt, dass die Taten nicht im Wohnzimmer hätten stattfinden können, weil diese dort nächtigte und mit Sicherheit etwas mitbekommen hätte. Somit gebe es keinen „belastbaren Kernsachverhalt“. Die widersprüchlichen Aussagen und das fehlende Erinnerungsvermögen der Zeugen lassen, so betont der Verteidiger, kein anderes Urteil als Freispruch zu.

Nach gut einer Stunde Beratungszeit gibt Richterin von Lukowicz dann das mit Spannung erwartete Urteil bekannt: Freispruch – im Zweifel für den Angeklagten. Vor allem die Aussage der Mutter, die im starken Widerspruch zu der des mutmaßlichen Opfers stehe, habe sie zu diesem Urteil bewogen. Unstrittig sei die schwierige Familiensituation, doch sei zu hinterfragen, wie zuverlässig das Erinnerungsvermögen 19 Jahre danach sei. Das Opfer habe bei seiner Vernehmung traumatisiert gewirkt. Das reiche jedoch nicht für eine Strafe aus. Es spreche viel dafür, dass „sexuelle Grenzen überschritten“ wurden, dies sei jedoch nicht mehr nachweisbar. Hendrik L. äußerte sich zu seinem Freispruch mit nur einem Satz: „Ich habe nichts mehr hinzuzufügen.“

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erstellt am 04.Okt.2013 | 06:00 Uhr

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