Das Lübecker Gipfeltreffen

Ellen Ehrich, Sprecherin Hanse-Unternehmerinnen.
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Ellen Ehrich, Sprecherin Hanse-Unternehmerinnen.

Zivilcourage war das Thema bei einer öffentlichen Veranstaltung der Hanse-Unternehmerinnen

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28. November 2018, 16:44 Uhr

Ein Wort ist in aller Munde: Zivilcourage. Wir gebrauchen oder hören es täglich, gerade auch im November, wenn sich der Mauerfall und damit der Erfolg der friedlichen Standhaften in der einstigen DDR jährt und in dem vor allem in Lübeck der vier Märtyrer gedacht wird, die vor 75 Jahren in Hamburg unter der Guillotine starben, weil sie zum nationalsozialistischen Unrecht nicht geschwiegen haben. „Wie leben und erleben wir aktiv Zivilcourage?“ fragten die Hanse-Unternehmerinnen anlässlich ihrer diesjährigen öffentlichen Veranstaltung, und: Was ist das eigentlich, Zivilcourage?

Eines war schnell klar an diesem Abend im Behnhaus Drägerhaus: Die eine Antwort, die für alle gilt, wird es nicht geben, die Teilnehmer der von Matthias Isecke-Vogelsang moderierten Gesprächsrunde kamen aus beruflichen Kontexten mit unterschiedlichen Erfahrungen. Alexander Bastek, Leiter des gastgebenden Museums, hatte als Beispiel für Zivilcourage in der Kunst den standhaften Museumsleiter Carl-Georg Heise für einen Kurzvortrag ausgewählt. Petra Kalies, Pröpstin im Ev. Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, führte den Mut der Märtyrer an, der kath. Geistlichen Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange und besonders des ev. Pastors Karl Friedrich Stellbrink, der sich vom begeisterten Anhänger der nationalsozialistischen Idee zum Mahner gewandelt hatte.


„Gelebter Opferschutz“

Heike Schulz, Vorsitzende Weißer Ring, Außenstelle Lübeck, bezeichnete Zivilcourage als „gelebten Opferschutz“ und brachte die Pflicht zur Hilfeleistung ins Spiel: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft“, heißt es im Strafgesetzbuch § 323c.

Peter Delius, Leiter des Vereins Lübecker Bürgerkraftwerk ePunkt, fasste das Thema ganz praktisch an, indem er formulierte, was es zur Zivilcourage braucht: Vorbilder, Übung, Respekt vor der Zivilcourage des anderen, „denn Zivilcourage bildet mit Respekt und Toleranz ein Wertedreieck. Wenn diese Rahmenbedingungen nicht erfüllt sind, bleibt Zivilcourage ein Ausdruck von individuellen Eigenschaften: Ein Mutiger ist mutig und schützt sich dabei vielleicht nicht ausreichend. Ein Ängstlicher traut sich nicht- und fühlt sich danach schuldig.“

„Ohne Zivilcourage wäre unsere Gesellschaft ärmer, verloren“, hatte Stadtpräsidentin und Schirmherrin der Veranstaltung, Gabriele Schopenhauer, der Gesprächsrunde zuvor vorausgeschickt und zivilcouragiertes Handeln als unverzichtbar für die Wahrung von Menschenrechten und Menschenwürde genannt. Was Zivilcourage auszeichnet? „Zu sich und seinen Überzeugungen stehen“, sagt die Stadtpräsidentin, „standhalten, aus guten Gründen den Gehorsam verweigern.“

Für Ellen Ehrich, die Sprecherin der Hanse-Unternehmerinnen, ist Zivilcourage „eine Frage der Haltung“, ausgestattet mit den Merkmalen „Altruismus, Solidarität, Mut und Tapferkeit“.

Aktiv werden, einschreiten. Das zumindest war ein kleiner gemeinsamer Nenner bei der Definitionssuche im Behnhaus Drägerhaus und auch, dass Zivilcourage nicht nur im Großen und Spektakulären zum Tragen kommt, sondern überall, wo Ungerechtigkeit geschieht: Ungleichbehandlung, Mobbing, Gewalt gegen Kinder, fremdenfeindliche oder antisemitische Übergriffe.

Bei der von Alexander Bastek in die Runde geworfenen hintersinnigen Frage, ob es denn neben einer „richtigen“ auch eine „falsche“ Zivilcourage gebe, geriet der kurze Abend an seine Grenzen.

„Aufstehen gegen die herrschende Meinung ist ebenso Zivilcourage wie das Eintreten für soziale Werte, an die man selber glaubt, ohne Rücksicht auf sich selbst. Zivilcourage ist sichtbarer Widerstand aus grundsätzlicher Überzeugung“, so setzt es das Deutsche Rote Kreuz auf seiner Internetseite den Betrachtungen zum Thema voraus und zitiert den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan, der anlässlich einer Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz sagte: „Das Böse braucht das Schweigen der Mehrheit.“

Ohne das Wort Zivilcourage zu nennen, hat Wolfgang Borchert sie 1947 in seiner letzten Arbeit „Dann gibt es nur eins!“ wenige Wochen vor seinem Tod umrissen. „Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. Dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“, lauten die ersten Zeilen.

Die Lübecker Märtyrer, die sowohl Stadtpräsidentin Schopenhauer als auch Pröpstin Kallies als herausragende Beispiele für offensiv gelebte Zivilcourage anführten, haben nein zu den Verbrechen der Nationalsozialisten gesagt.

Johannes Prassek kritisierte in seinen Predigten ihre Weltanschauung. „Einer muss die Wahrheit doch sagen“, hielt er wohlmeinenden Warnern entgegen.

Hermann Lange verurteilte die Teilnahme am Krieg als unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Eduard Müller half, regimekritische Schriften zu vervielfältigen. Karl-Friedrich Stellbrink kommentierte den Bombenangriff auf Lübeck mit den Worten: „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten.“

Stillgehalten und gekuscht hatte auch der von Bastek genannte Carl-Georg Heise nicht, der zunächst Ernst Barlach erfolgreich ermunterte, sich ans Werk der – hämisch beziehungsweise misstrauisch von braunen und konservativen Kunstrezipienten begleiteten – „Gemeinschaft der Heiligen“ für die Katharinenkirche zu machen und dieses dann selbst in Sicherheit zu bringen.

Barlachs Werke, von den Nazis als „entartet“ diffamiert, wurden aus öffentlichen Sammlungen entfernt, in Lübeck im Jahr 1937 die drei Figuren der „Gemeinschaft der Heiligen“ – Bettler, Sänger, Frau im Wind - beschlagnahmt. Heise, zwar 1933 schon als Direktor der Museen für Kunst und Kulturgeschichte entlassen, verlangte unter Hinweis auf seinen seinerzeit mit Barlach geschlossenen privaten Vertrag deren Herausgabe. Erfolgreich, wenn auch unter der Auflage, sie verborgen zu halten. Sie überdauerten die Nazis in einem Versteck unter der schwiegermütterlichen Veranda.


Mut des Einzelnen

Zivilcourage sind beide Beispiele wortwörtlich. Als „courage civil“ war der Begriff 1835 im nachrevolutionären Frankreich aufgetaucht als Bezeichnung für den Mut des Einzelnen zum eigenen Urteil, zum Ende des 19. Jahrhunderts benannte die „courage civique“ den (staats-) bürgerlichen Mut. In Deutschland wird die Erstverwendung des Begriffs Zivilcourage Otto von Bismarck zugeschrieben. Im Jahre 1864 soll der einem Verwandten vorgeworfen haben, ihn in einer Debatte des Preußischen Landtags nicht unterstützt zu haben: „Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

Mut also gehört dazu. Ob man Zivilcourage lernen kann, wenn, wie und was man tun kann, wenn man ein Hasenherz ist, wollen im Veranstaltungsort Behnhaus die Gäste wissen. Im Ernstfall sei es wichtig, sich nicht dem Täter, sondern dem Opfer zuzuwenden, betont Peter Delius. „Täter erwarten Gegenwehr, gestört werden Sie durch unerwartete Handlungen.“ Zum Beispiel? „Ein Lied singen.“


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