Das Leben eines Allrounders

Museumsleiterin Anja Rademacher mit einem Gemälde von Gahl aus dem Jahre 1918.
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Museumsleiterin Anja Rademacher mit einem Gemälde von Gahl aus dem Jahre 1918.

Enkel schenkt Heimatmuseum gesammelte Werke / Ehrenvitrine zum 150. Geburtstag von Heinrich Gahl

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31. Januar 2018, 12:58 Uhr

„Das war ich meinem Großvater schuldig“, sagt Jürgen Gruhl und wird ganz andächtig, als er sich an seinen Opa Heinrich Gahl erinnert. In mühsamer Kleinarbeit, aber mit viel Freude und Liebe hat er die gesammelten Werke geordnet und in zwölf voll bepackten Aktenordnern als Geschenk an das Reinfelder Heimatmuseum übergeben. In diesem Jahr wäre Heinrich Gahl 150 Jahre alt geworden. Ein guter Grund für Museumsleiterin Anja Rademacher, im Rahmen der geplanten Schul-Ausstellung eine Ehrenvitrine für den Lehrer aus Havighorst, der viele Jahre bis zu seinem Tod 1954 in der Karpfenstadt gewohnt und gewirkt hat, einzurichten. „Was Heinrich Gahl in seinem Leben alles gemacht hat, da blieb bestimmt gar keine Zeit mehr zum Schlafen“, meint sie mit einem Augenzwinkern.

Und sie hat Recht: Der rührige Wahl-Reinfelder, der 1868 im pommerschen Wolgast geboren wurde, war nicht nur Lehrer, sondern auch Botaniker, Schriftsteller, Dichter, Imker und Maler. Unermüdlich setzte er sich für den Erhalt der plattdeutschen Sprache ein, verfasste gut 40 Theaterstücke und über 500 Gedichte.

Eines seiner ersten Werke war „Lenzezeit“, das er unter dem Künstlernamen Heinz C. George veröffentlichte. Im Oldesloer Landboten – dem Vorläufer des Stormarner Tageblatts – veröffentlichte er in den 1950er Jahren wöchentlich eine Kolumne in Gedichtform unter dem Namen „Stormarius“ zu den Geschehnissen in Stormarn. „Reinfeld steht diesmal oben an, was man durchaus verstehen kann, wo sich nur einer hören lässt, erzählt er von dem Karpfenfest ...“ veröffentlichte er kurz vor seinem Tod im Jahre 1953 im Oldesloer Landboten als launiges Gedicht. Seit 1927 hielt er über 200 Vorträge im niederdeutschen Sprachgebiet in 40 Städten von Stettin bis Rotterdam. „Er war sogar im niederländischen Königshaus in Den Haag zu Gast, denn Prinz Heinrich war mecklenburgischer Herzog“, erzählt sein Enkel (89) stolz.

Nach seiner Ausbildung und Tätigkeit als Lehrer, für die er im Jahre 1894 einen Hungerlohn von 850 Mark jährlich erhielt, gründete Heinrich Gahl 1907 das Volks-Schauspielhaus in Hamburg. „Er konnte ja vieles, aber nicht mit Geld umgehen“, schmunzelt Jürgen Gruhl. Deshalb schloss die Volksbühne bereits ein Jahr später. „Doch sie war ein Vorläufer vom Ohnsorg-Theater“, ist sich der Enkel sicher.

Ab 1915 war Gahl dann Landschullehrer in Havighorst, nicht ohne dabei seine literarischen Neigungen zu vernachlässigen. In Reinfeld engagierte er sich nicht nur für das Karpfenfest, für das er nicht nur zur 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahre 1936 Lieder und Theaterstücke schrieb, sondern auch als Schiedsmann und Kulturobmann. „Reinfeld, du liebliche Karpfenstadt“ steht mit gestochener Schrift auf einem der Gesangbücher. Seine Theaterstücke wie „Wie bekomme ich eine Frau?“ oder „Ut de Dün’n“, Romane wie „Der Herr Patron“ oder „Wenn Frauen lieben“ waren in Reinfeld legendär, auch seine Geschichten wie „Bi de Oellamp“. „In einigen Theaterstücken habe ich sogar als Kind mitgespielt“, erinnert sich Gruhl.

In seinem Haus in der Schillerstraße 18 versuchte Gahl sich auch als Maler. Ölgemälde, Bleistiftzeichnungen und selbst entworfene Postkarten sind noch erhalten. Weil er fest davon überzeugt war, dass es durch gemeinsames Singen auch mehr Gemeinschaft gebe, veröffentlichte Heinrich Gahl Gesangsbücher für Imker und Lehrer.

„Mein Großvater bastelte auch Spielzeug für uns Enkel und nahm uns mit in die Natur“, erinnert sich Gruhl. Er habe wohl alle Pflanzen der Umgebung gekannt und habe den Jungen eine Mark versprochen, wenn sie eine ihm unbekannte Pflanze entdeckten. Bei einem Ausflug hatte Jürgen Gruhl Glück und fand das „Durchwachsene Hasenöhrchen“ – eine seinem Opa unbekannte Wiesenpflanze. „Durch ihn habe ich sehr viel lernen können und dürfen“, erinnert er sich in Demut an den Großvater und seine „liebe Frau Paulinchen“, mit der er fünf Töchter hatte.

Rademacher: „Wir sind wirklich stolz, dass wir das umfangreiche Werk von Heinrich Gahl als Geschenk erhalten haben.“ Sie hofft, dass sein schriftstellerisches Wirken dadurch wieder mehr Aufmerksamkeit erhält und nicht in Vergessenheit gerät.

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