Hilfe in Nepal : Das große Beben: Junge Oldesloerin mittendrin

Ein Junge bahnt sich seinen Weg durch eine Trümmerlandschaft:  Das ganze Leid und die Hoffnungslosigkeit stehen ihm ins Gesicht geschrieben.
1 von 4
Ein Junge bahnt sich seinen Weg durch eine Trümmerlandschaft: Das ganze Leid und die Hoffnungslosigkeit stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Oldesloerin Donata Nebel berichtet aus Nepal, wo die 20-Jährige im Rahmen eines Freiwilligendienstes vom den heftigen Erdbeben überrascht wurde. Sie hilft, wo sie kann.

shz.de von
06. Mai 2015, 12:30 Uhr

Donata Nebel aus Bad Oldesloe, Tochter von Wolfgang Bartolain, war Mitte November nach Kathmandu geflogen, um ein halbes Jahr bei der deutschen Organisation „Shanti Leprahilfe“ zu arbeiten. In Nepal erlebte die 20-Jährige das Erdbeben und schildert die folgenden Tage in einem Newsletter.

Zuerst dachte ich, jemand würde mit einem Presslufthammer die Straße vor unserem Volunteerhaus auseinandernehmen. Erst als ich registrierte, wie sich alle Gegenstände auf dem Tisch selbstständig zu machen begannen und die Lampe an der Decke hin und her schwankte, begriff ich: ein Erdbeben! Kurz danach hörte ich die Schreie von den anderen Volontären. Wie benommen rannten wir das Treppenhaus herunter. Das Haus schwankte von einer Seite zur anderen, wie auf hoher See bei starkem Wellengang.

Im Hausinnenhof kauerten wir uns alle in eine Ecke. Im Nachhinein weiß ich, dass wir uns an keinem ungünstigeren Ort hätten aufhalten können. Wäre unser Haus eingestürzt, wären wir wahrscheinlich alle verschüttet worden. Nach 80 Sekunden war es vorbei. Die Bäume schwankten noch, und am Himmel flatterten aufgeschreckte Vogelschwärme. Uns allen war die Panik ins Gesicht geschrieben. Aber zutiefst erschreckt hat mich erst der Gesichtsausdruck unseres nepalesischen Gastvaters, der sonst immer Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte. Jetzt sah man die blanke Angst in seinem Gesicht.

Als ich am 17. November am Hamburger Flughafen in die Maschine stieg, um mich aufzumachen, in die ferne weite Welt, weg vom behüteten Elternhaus in Bad Oldesloe, ahnte ich natürlich nicht, was mich erwarten würde. Ich wollte für ein halbes Jahr in Kathmandu leben und als Volontär bei der deutschen Organisation „Shanti Leprahilfe“ arbeiten. Die ersten Monate waren geprägt vom Ankommen, Staunen, Begreifen und sich Einlassen auf das Kulturgewusel dieses fremden Lebens. Von November bis jetzt habe ich mit behinderten Kindern gearbeitet und viel Zeit in einer Schule für Straßenkinder verbracht.

Das Haus, in dem wir 17 Volontäre leben, hielt glücklicherweise stand. Viele Häuser waren eingestürzt und Mauern zusammengefallen. Das Krankenhaus von Shanti blieb unbeschädigt, doch die Schule und das Haus der behinderten Kinder ist zusammengebrochen. Wie durch ein Wunder wurde kaum jemand verletzt.

Am späteren Nachmittag ging ich mit Freiwilligen in die Innenstadt, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen, und begriff das erste Mal, welche zerstörerische Kraft dieses Erdbebens hatte. Tempel lagen in Schutt und Asche, verletzte Menschen hockten am Straßenrand. Die fünf folgenden Tage schliefen wir draußen unter Planen. Gerüchte von einem riesigen Nachbeben machten die Runde, das viele marode Mauern zum Einsturz bringen würde. Nach vielen angsterfüllten Stunden begannen wir am Platz mit den Kindern zu spielen: Wir bauten Menschenpyramiden und leiteten Kreis- und Singspiele an. Wir versuchten alles zu tun, damit die Kinder Freude hatten, denn Lachen und Spielen haben ihre Angst und Ungewissheit erträglicher gemacht.

Trotz der untergründigen Unsicherheit und Angst geht die Arbeit jetzt wieder los. „Shanti“ verfügt über Fahrzeuge, eine Klinik mit 70 Betten und weitere Räumlichkeiten. Es besteht bereits Kontakt zu einem orthopädischen Krankenhaus, das völlig überfüllt ist. Ebenso befindet sich direkt vor der Klinik ein großer Platz, auf dem jetzt mehrere hundert Menschen leben.

Nun gilt es, die Verletzten aus dem überfüllten Krankenhaus in die Shantiklinik aufzunehmen. Zudem müssen die Obdachlosen mit Trinkwasser, Zelten und notfalls Medikamenten versorgt werden. Bereits jetzt breiten sich Krankheiten aus, weil verschmutztes Wasser aus dem Fluss oder Teichen getrunken wird.

Wir richten Großküchen für die Bedürftigen ein. Und genau dafür bitte ich um Unterstützung. Ich werde hier vor Ort alles tun, was in meiner Möglichkeit steht, bis ich Mitte Mai nach Deutschland zurückkehre, um dann von dort aus weiter aktiv zu sein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen