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Stormarner Tageblatt

19. August 2017 | 10:01 Uhr

Reinfeld : Das Geheimnis der Löwen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Skulpturen vor dem Heimatmuseum werden aufwändig restauriert. Sie haben eine überraschende Geschichte, die noch nicht komplett erforscht ist.

Traurig sehen die beiden imposanten Löwen vor dem Heimatmuseum aus. Seit vielen Jahren nagt der Zahn der Zeit an ihnen. Überall abgebröckelte Farbe, teils sind große Tonbrocken herausgebrochen. Die einst golden schimmernden Könige der Tiere sind renovierungsbedürftig. Zwar wurden sie im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder neu gestrichen – in den 80er Jahren in einem Rotbraun, vor zehn Jahren in Gold. Doch die Farbe war zu wasserabweisend, die Statuen konnten nicht atmen und waren deshalb stark der Witterung ausgesetzt.

Das hatte Diplom-Restaurator Roland Hooss bereits vor einigen Jahren festgestellt. Nach einigen Verzögerungen und dank der finanziellen Unterstützung der Fielmann-Stiftung unter der Leitung des Kunsthistorikers Jürgen Ostwald kann der renommierte Restaurator aus Stockelsdorf nun aber in der nächsten Woche mit den Arbeiten beginnen.


Andere Farbe für Löwen
Die bleiben spannend, denn Roland Hooss weiß noch nicht, ob die Löwen innen hohl sind, ob es nötig sein wird, bis ins Innerste der Statuen zu bohren, um deren Zusammenhalt zu garantieren. Wie hoch die Kosten sein werden, ist noch nicht bekannt. Eines aber weiß Museumsleiterin Anja Rademacher ganz genau: „Bei den Reinfeldern ist die Goldfarbe nicht sehr beliebt. Sie werden auf jeden Fall eine andere Farbe erhalten.“

Jürgen Ostwald schätzt die Kosten auf „mehrere 1000 Euro“. Er glaubt, dass die Löwen nach dem Vorbild der Lübecker Löwen vor dem Holstentor oder nach Abbildungen von „bürgerlichen Portal-Löwen“ gefertigt wurden. Wahrscheinlich wird der Restaurator viele Elemente finden, die nicht mehr miteinander verbunden sind, so dass er sie eventuell in mühevoller Kleinarbeit mit einem speziellen Mörtel aneinanderfügen muss. „Ich werde auf jeden Fall die Risse verschließen und die Brücken verkleben“, sagt Hooss. Das Wichtigste sei jedoch, erst einmal die Farbe vollständig von den Tieren zu bekommen, um sie später langfristig mit einer speziellen Glasur zu versiegeln, die eine Atmung garantiere. Schließlich sollen die beiden Prunkstücke vor dem Museum viele weitere Jahre der Nachwelt erhalten bleiben.

Einst standen die stolzen Löwen vor dem Gasthof und Kino Bebensee, das in den 50er Jahren ein beliebter Treffpunkt war.
Einst standen die stolzen Löwen vor dem Gasthof und Kino Bebensee, das in den 50er Jahren ein beliebter Treffpunkt war.

Immerhin haben sie schon eine lange Zeitreise hinter sich. Jürgen Ostwald schätzt sie auf 120 Jahre, wenn nicht älter. Fest steht, dass sie von Adolf Moll gefertigt wurden – und zwar aus gebrannten Ziegeln. Anja Rademacher ging bisher davon aus, dass die Löwen vom Wirt der Gaststätte Bebensee im Kurhotel 1927 in der Ziegelei in Zarpen in Auftrag gegeben wurden. Bis zu seinem Abriss standen sie nämlich vor dem Kurhotel und wurden 14 Jahre lang im Bauhof eingelagert, bevor sie in den 80er Jahren ihren Platz vorm Heimatmuseum fanden (kleines Foto oben links aus den 90er Jahren zeigt einen der Löwen noch intakt).


Statuen viel älter
Doch die rührige Museumsleiterin fand bei ihren Recherchen heraus, dass die Löwen zwar von der Zarpener Ziegelei stammen, aber viel älter sind. Der Sohn des Ziegeleimeisters Joachim Moll fertigte sie für seine Schwester Marie. Fortan standen sie vor dem Eingangsportal der Zarpener Windmühle, mit dessen Besitzer die Schwester verheiratet war. Das muss, so Rademacher, Ende des 19. Jahrhundert gewesen sein, denn der Galerie-Holländer wurde um 1890 erbaut. „Vielleicht fertigte Adolf Moll die beiden Löwen als Gesellen- oder Meisterstück“, spekuliert der Restaurator.
 

Weitere Forschungen, um Licht ins Dunkel der Löwen zu bringen

Adolf Moll, einer von zehn Geschwistern der Ziegelei-Familie aus Dassow, die 1880 nach Zarpen kam, wurde 1874 geboren, schrieb später ein 400-seitiges Buch über seine Familiengeschichte, das im Kreisarchiv aufbewahrt wird. Er komponierte mindestens 200 musikalische Werke, widmete sich der Sprachforschung, arbeitete als Lehrer und hielt Kontakt zu Johann Strauß, Gorch Fock und Ludwig Frahm. Verheiratet war er mit einer Bankierstochter, die wahrscheinlich im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde, er lebte in Hamburg und in Wandsbek, was damals noch zum Kreis Stormarn gehörte. Nach dem Feuersturm 1943 in Hamburg floh Adolf Moll mit seinen beiden Kindern nach Bad Oldesloe, zog später nach Lübeck, wo er 1956 starb. Sein Sohn Siegfried  blieb in Bad Oldesloe und machte als Architekt Karriere, sanierte das Heiligengeistviertel. „Es soll in Siegfried Molls Nachlass ein Foto geben, dass seinen Vater als stolzen Künstler vor den von ihm gefertigten Löwen zeigt“, sagt Rademacher. Der Kunsthistoriker der Fielmann-Stiftung rät, Nachforschungen  anzustellen. Zudem  sollen, so schreibt es der Künstler in seinen Memoiren, die Tierfiguren vor der einstigen Zarpener Mühle denen der Löwen vor dem Rathaus in Reinfeld ähneln. „Löwen vor dem historischen Reinfelder Rathaus von 1907 – davon habe ich noch nie etwas gehört“, staunt die Museumsleiterin. Drei Chroniken über die Karpfenstadt seien inzwischen verfasst worden, und keine erwähne die Löwen. Die Reinfelder Löwen sollen laut Adolf Moll aus Stein, nicht aus Ton, gefertigt worden sein. Auch hier wollen Anja Rademacher und Jürgen Ostwald weiter forschen, um das Geheimnis der Statuen  ans Licht zu bringen. fsh




 

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erstellt am 26.Jul.2017 | 06:00 Uhr

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