Das englische Fräulein - Erbin der Zementfabrik

Heinrich Wessel,   1838-1905. Marmorbüsten im Mausoleum. Foto: W. Breiholz (2)
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Heinrich Wessel, 1838-1905. Marmorbüsten im Mausoleum. Foto: W. Breiholz (2)

150 Jahre Zementproduktion in Lägerdorf: Ehemaliges Kindermädchen wird respektierte Unternehmerin

shz.de von
27. Juli 2012, 03:59 Uhr

lägerdorf | Mit seiner "Englischen Fabrik" hatte der Pionier Edward Fewer ein gut florierendes Unternehmen geschaffen. Seine Wirkungszeit in Lägerdorf dauerte jedoch nur zehn Jahre. Er starb schon 1872 und wurde auf dem Friedhof von Münsterdorf beigesetzt.

Zunächst versuchte Fewers alte Mutter, zusammen mit ihrem Meister das Werk weiterzuführen, war damit jedoch völlig überfordert. Sie bat ihre damals 28-jährige Enkelin, die Irin Julia Theresa Nugent, die 1862 als 18-Jährige von Fewer nach Hamburg geholt worden war, nach Lägerdorf zu kommen um das Werk zu leiten. Miss Nugent sagte zu. Welch ein Mut, welch ein Abenteuer für die junge Frau, die eben noch Erzieherin in einem gutbürgerlichen Haus in Hamburg war und nun Leiterin und Besitzerin einer Zementfabrik sein sollte! Julia Theresa Nugent leitete die Fabrik noch bis 1889 sehr erfolgreich und ließ sie weiter ausbauen.

Sie war eine sehr couragierte, energische, fleißige und intelligente Frau. Meistens lief sie im Betrieb und im Büro in Männerhosen und Hut herum, was damals sehr ungewöhnlich war. Als ein Mitarbeiter sie einmal auf eine Lohnerhöhung ansprach, sagte sie, sie wolle darüber nachdenken. Vier Wochen später hatte sich am Lohn etwas getan, worauf sich der Mitarbeiter mit den Worten: "Miss Nutschen, se sünnt en Mann vun Wort" bei ihr bedankte. Sie war sowohl bei ihren Mitarbeitern als auch in der Lägerdorfer Bevölkerung eine angesehene Persönlichkeit. Man nannte sie das "englische Fräulein" oder einfach "Miss Nutschen".

Auch bei der gräflichen Familie zu Rantzau war sie eine respektierte Unternehmerfrau. Ließ sie doch 1878 auf eigene Kosten einen Stichkanal mit Schiffswendebecken zu ihrem Werk bauen und bezahlte die Kanalbenutzungs- gebühren für den Breitenburger Schifffahrtskanal immer pünktlich und gewissenhaft.

Fewers Wohnhaus in der Dorfstraße war ein Bauernhof, zu dem auch sehr viel Land gehörte. Nach Fewers Tod wohnten Julia Theresa Nugent und ihre Großmutter hier.

Nach ihrer Heirat nannten die Lägerdorfer das Anwesen den "Wesselhof". Später ging der Hof an Alsen und war der alte "Alsenhof". Nach Abriss, 1933, entstand hier der neue "Alsenhof". Im Jahr 1889 verkaufte Frau Nugent ihr Unternehmen für 615 000 Mark an die Firma Alsen. Zwei Jahre später, 1891, gab es eine glücklich Wende im Leben von Julia Theresa Nugent, sie heiratete Heinrich Wessel, den kaufmännischen Direktor und Mitinhaber von Alsen. Frau Wessel war zu der Zeit 47 Jahre alt. Kinder hatten die beiden nicht mehr.

Unter der Regie von Alsen lief das Werk Fewer noch bis 1905 weiter.

Die höchste Jahresproduktion wird mit etwa 70 000 Fass, entsprechend 12 000 Tonnen bei 135 Beschäftigten angegeben.

Ab 1905 wurde die Fabrik nach und nach geschlossen und später abgerissen.

Das Ehepaar Wessel war sehr reich. Es besaß ein prachtvolles Haus in der Breitenburger Straße in Itzehoe, eine Villa an der Alster in Hamburg und kaufte sich 1899 als Altersruhesitz ein Rittergut in Pohnstorf, Mecklenburg.

Dort ließ Heinrich Wessel 1904 ein sehr kunstvolles, aufwendiges Mausoleum im Gutspark bauen. Es steht heute noch und wurde nach der Wiedervereinigung Deutschlands von einem Förderverein unter großem Einsatz in liebevoller, sach- und fachkundiger Weise restauriert. Dem Förderverein mit Sitz in Teterow und dem Geschäftsführer des Milchofes Alt Sührkow, Hantel, gebührt großer Dank, Respekt und Anerkennung.

Ein Foto oder Gemälde von Frau Wessel liegt leider nicht vor, aber ihre Marmorbüste ist im Mausoleum noch vorhanden. Es zeigt sie als 58-Jährige.

Der Traum so mancher jungen irischen Auswanderin, in den USA zur Millionärin zu werden, hat sich für Julia Theresa Nugent auf wundersame Weise in Lägerdorf erfüllt.

Heinrich Wessel starb 1905, sein Frau Julia Theresa 1908.

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