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Stormarner Tageblatt

12. Dezember 2017 | 06:03 Uhr

Das besondere Buch in Handarbeit

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Ursela Christie ist die einzige Buchbinderin in Stormarn / In ihrer Werkstatt in Meddewade entstehen Buch-Unikate

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2013 | 06:00 Uhr

„Das einzig moderne Gerät in meiner Werkstatt ist das Radio“, verrät Ursela Christie schmunzelnd und führt in einen urigen Raum in einem alten Bauernhaus. Dort wird noch alles mit der Hand gemacht. Auf alte Handwerkstradition ist die 45-jährige, gebürtige Ahrensburgerin stolz. Mit Recht, denn in ihrer Werkstatt entstehen Unikate und, wie sie findet, „deutsche Wertarbeit“.

„Für mich ist mein Handwerk eine Berufung“, sagt sie. Und das glaubt man ihr gern, wenn man sich in ihrem kleinen Reich umschaut. Fast wie bei Charles Dickens – denkt man sich die moderne Prägemaschine und die Elektrizität einmal weg. Alle anderen Maschinen sind gusseisern, tonnenschwer und haben schon so manches Jahr oder gar Jahrhundert auf dem Buckel. All dies braucht die gelernte Buchbinderin für ihr Handwerk. „Wer Buchbinden lernt, braucht auch eine Menge Wissen über Chemie, Geschichte, Physik und Mathematik“, verrät sie. Um ihren Beruf von der Pike auf zu lernen, studierte sie zusätzlich in Glasgow „Fine bookbinding and book repair“ und arbeitete bei diversen Traditionsfirmen, bevor sie sich 2007 mit ihrem Mann James Christie – ebenfalls gelernter Buchbinder und Gründer der Buchbinderei im Jahre 1980 im schottischen Edinburgh – in Meddewade niederließ.

Wer einen Einband reparieren, ein Buch binden lassen, ein besonderes Design aus edlem Leder wünscht, seine Doktorarbeit binden lassen will, ist bei ihr genau richtig. „Die wichtigsten Utensilien sind Schere, Pinsel, Leim und Falzbein“, verrät sie. Noch immer kommt ihr erstes „Arbeitsbesteck“ zum Einsatz. Um das Papier zu schneiden, benutzt sie eine Maschine aus dem 19. Jahrhundert, für die Pappe der Einbände einen riesigen Pappschneider.

Ursela Christie leimt die Bücher mit einem Spezialleim aus Schottland. Denn alles, was aus ihrer Werkstatt kommt, soll nicht nur schön aussehen, sondern auch halten: „Mindestens 100 Jahre muss so ein repariertes und geleimtes Buch überdauern, das ist Ehrensache.“ Die längste Zeit nimmt das Trocknen in Anspruch, an einem Buch sitze sie daher schon mal drei Tage.

Ob von Holz- und Buchwürmern (die gibt es!) zerfressene Bibeln, der Entwurf einer abhanden gekommenen Buchspange, das Binden von Memoiren – viel Geschriebenes ist schon durch die Hände der erfahrenen Buchbinderin gewandert. Übr den Inhalt bewahrt sie natürlich Stillschweigen. Immerhin hatte sie schon die Lebenserinnerungen einer älteren Dame vor sich, die sich als erste Freundin eines damals noch völlig unbekannten Sean Connery herausstellte.

Abgewetzte Kochbücher oder alte Kinderbücher: Ursela Christie repariert alles. „Menschen, die zu mir kommen, geht es nicht um den materiellen, sondern um den individuellen Wert des Buches“, betont sie. Und gerade das mache ihr Handwerk so einzigartig. Es sei wirklich befriedigend, aus einem völlig aus dem Leim gegangenen Lieblingsbuch wieder ein schmuckes Exemplar zu machen. So ganz nebenbei entwirft sie auch eigene Büchlein, Zettelkästen und Schachteln. Das sei aber nur ein „Freitagsnachmittags-Job“, wenn alles andere getan ist, schmunzelt sie.

Im nächsten Jahr plant Ursela Christie die Produktion von Designer-Einbänden – auf den Inhalt zugeschnitten und ganz individuell. Dann kommen ganz sicher Prägemaschine, Prägefolie, Handprägestempel und Messingbuchstaben zum Einsatz. Eines ist sicher: Jedes Buch ist mit viel Liebe handgebunden. Schade, dass das Traditionshandwerk langsam ausstirbt. „Im letzten Jahr war nur noch ein Buchbinder in der Berufsschulklasse“, weiß Christie. Aber sie hofft, dass ihre Generation nicht die letzte sein wird.

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