Bad Oldesloe : Das Amt wehrt sich jetzt

Coach Sven Schramke zeigt Denise Rogowski (li.) wie sie sich gegen Attacken zur Wehr setzt.
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Coach Sven Schramke zeigt Denise Rogowski (li.) wie sie sich gegen Attacken zur Wehr setzt.

Beschimpfungen sind Alltag, Handgreiflichkeiten noch selten. Die Mitarbeiter der Oldesloer Stadtverwaltung sind jetzt geschult, sie hatten eine Gewaltpräventionsschulung.

Andreas Olbertz. von
02. Juli 2015, 06:00 Uhr

„Schluss!“ „Es reicht!“ Laute, entschiedene Rufe dröhnen aus dem Bürgerhaus. Streit? Auseinandersetzung? Polizei rufen? Nein, alles nur gespielt. Mitarbeiter der Stadtverwaltung werden in Gewaltprävention geschult.

„Zum Glück ist noch niemand handgreiflich geworden“, berichtet Denise Rogowski aus dem Oldesloer Sozialamt: „Aber Pöbeleien sind fast schon an der Tagesordnung.“ „Das Unrechtsbewusstsein sinkt einfach“, hat Willi Rohde, Außendienstler im städtischen Ordnungsamt festgestellt: „Um so mehr aufgeschrieben wird, um so mehr Reaktionen kommen. Die Anspannung draußen ist stärker geworden.“ Ein Kollege ergänzt: „Ich habe schon zu hören bekommen: ‚Pass auf, ich weiß wo deine Tochter zur Schule geht‘.“

„Wir hatten auch schon einen Fall, dass die Polizei ins Stadthaus gerufen werden musste“, sagt Hauptamtsleiter Malte Schaarmann. Deshalb hatte er für die Ängste seiner Kollegen ein offenes Ohr, die natürlich immer dann kamen, wenn wieder ein spektakulärer Fall öffentlich wurde. Schaarmann: „Ich nehme den Wunsch der Mitarbeiter ernst, sich wehren zu können, wenn was sein sollte.“ Den richtigen Referenten zu finden, war dann aber doch nicht so einfach. In Sven Schramke vom Rendsburger Diba-Institut für Gewaltprävention hat er ihn gefunden. Entsprechend groß war die Nachfrage: Vier Kurse müssen angeboten werden.

Der seit 20 Jahren bewährte Lehrgang setzt auf vier verschiedene Stufen. Ganz am Anfang steht die „empathische Gesprächsführung“ – auf einen schwierigen Kunden eingehen, ihn beruhigen, um darüber auf die sachlich inhaltliche Ebene zurück kehren zu können. „Das können die meisten gut, das ist tägliches Brot“, so Sven Schramke.

Bei der „konfrontativen Gesprächsführung“ wird der Ton schon etwas deutlicher. „Vielleicht fängt es mit duzen an, dann kommt sehr schnell ‚Ihr seid alle blöd‘ und Arschloch“, schildert er das Szenario: „Verwaltungsmitarbeiter sind dafür nicht ausgebildet. Lehrer übrigens auch nicht, die sind auf schwierige Kinder nicht vorbereitet.“

Trainer Schramke bringt dem Rathauspersonal bei, wie es sich einerseits deeskalierend verhält, aber auch klar und scharf Grenzen zieht – Verantwortung abgeben, Stärke zeigen, Körpersprache. Wenn nichts greift, steht am Ende der „Selbstschutz auf körperlicher Ebene“. Da lernt auch die kleine, scheinbar schwache Verwaltungsmitarbeiterin wie sie Distanzlosigkeit und sogar Tätlichkeiten parieren kann.

Die Seminarteilnehmer begutachten auch ihre Schreibtische unter ganz neuen Aspekten. „So ein Bergkristall sieht zwar schön aus, tut aber verdammt weh wenn man den aufs Auge bekommt“, warnt Schramke: „Der 50-Blatt-Locher ist eine tolle Keule.“ Ja sogar ein herumliegender Kugelschreiber kann zur Waffe werde.

„Ich war anfangs sehr skeptisch und wollte nicht kommen“, räumt eine Kollegin ein, „aber ich bin jetzt total begeistert. Ich habe gelernt, dass körperliche Kraft nicht entscheidend ist. Das gibt mir auch im täglichen Leben Sicherheit – zum Beispiel in der U-Bahn.“ Ein Kollege findet: „Es ist wie mit der Ersten Hilfe – man hofft immer, ohne sie davon zu kommen.“

Und was ist bei Amokläufern wie im Rendsburger Finanzamt? Klare Ansage von Sven Schramke: „So einer kommt mit eindeutiger Tötungsabsicht, da hilft keine noch so gute Gesprächsführung, da geht es nur noch um Selbstschutz. Ab unter den Schreibtisch!“

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