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Nachgehakt : „Dahinter steckt eine Menge an krimineller Energie“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Für Jörg Lembke, Chef des Kreisfußballverbands, ist es nicht ungewöhnlich, dass jahrelang niemand beim Schleswig-Holsteinischen Fußballverband darüber gestolpert ist, dass ein Mitarbeiter 300 000 Euro unterschlagen hat.

shz.de von
erstellt am 19.Mär.2016 | 08:00 Uhr

Mit Verbrechern kennt sich Jörg Lembke aus. Der 48-jährige Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Stormarn schlug nach seinem Abitur eine Beamtenlaufbahn bei der Polizei ein. Seit 2002 ist der gebürtige Bad Oldesloer bei der Hamburger Innenbehörde tätig. Als Hauptkommissar sind ihm Nepper, Schlepper, Bauernfänger nur allzu gut bekannt. Als Leiter der Korruptionsprävention hat Lembke zwar mehr damit zu tun Verbrechen zu verhindern – doch gerade wegen dieses Aufgabengebiets kann er sich gut hineinversetzen in die Denke von Kriminellen. Und so wundert es den Stormarner Verbandschef keineswegs, dass jahrelang niemand beim Schleswig-Holsteinischen Fußballverband (SHFV) darüber gestolpert ist, dass ein fest angestellter Mitarbeiter rund 300  000 Euro aus der Kasse für sein Privatvergnügen abgezwackt hat (wir berichteten).

„Menschen, die im Bereich der Wirtschaftskriminalität ihr Unwesen treiben, sind in der Regel gut ausgebildet, sehr intelligent und besonders charmant“, sagt Lembke, der es aufgrund seines Berufs wissen muss. Andere würden sehr häufig auf diese Personen reinfallen, „weil die Täter sich verbindlich und offen präsentieren“, unterstreicht Lembke. Kriminelle dieser Art fallen für gewöhnlich über einen langen Zeitraum nicht auf, „weil sie besonders pfiffig in ihrer Vorgehensweise sind und in der Lage, ihre kriminellen Machenschaften gut zu verschleiern – dahinter steckt eine Menge an krimineller Energie.“

Dass der Verlust einer sechsstelligen Summe über Jahre hinweg weder Kassenprüfern noch professionellen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften aufgefallen ist, hält Lembke keineswegs für ungewöhnlich. Vor allem, weil eine Fülle von Belegen beim Verband eingehen würden. „14 Kreisverbände, der SHFV und auch die Sportschule in Malente werden in Kiel abgerechnet“, so Lembke. Da können kriminelle Energie und eine gute Ausbildung schnell dazu führen, dass Kontrollmechanismen ins Leere greifen oder Ungereimtheiten gar nicht erst auffallen. „Sind Kriminelle in der Position, Rechnungen selbst zu schreiben oder Verbindlichkeiten zu begleichen, können schnell mal ein paar Hundert Euro auf ein eigenes Konto überwiesen werden – ohne dass jemand darüber stolpert. Es ist bei der Flut an Rechnungen nur schwer auszumachen, dass fiktive Dokumente benutzt werden, um sich zu bereichern.“ Der Kriminalkommissar ist sogar der Meinung, dass selbst eine tägliche Prüfung nicht dazu geführt hätte, dass diese Machenschaften frühzeitig aufgefallen wären.

Eine Schuldzuweisung in Richtung der Verbandsbosse sei daher unangebracht. Genauso wenig, auf der heutigen SHFV-Beiratssitzung in Malente oder auf dem Verbandstag am 4. Juni in Neumünster die Vertrauensfrage zu stellen. Ganz im Gegenteil: SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer hatte geäußert, er erwarte Solidarität und Geschlossenheit. Die ist für Jörg Lembke selbstverständlich. „Wir als Kreisvorsitzende sind rechtzeitig über die Vorfälle informiert worden. Der SHFV hat transparent alles offen gelegt und uns jeder Zeit über neue Erkenntnisse informiert.“

Als langjähriger Polizist weiß der 48-Jährige nur allzu gut, dass über schwebende Verfahren nicht gesprochen werden darf, um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht zu behindern. „Das ist der Grund, warum lang versucht wurde, die Öffentlichkeit nicht zu informieren.“ Und so warnt der Stormarner Funktionär vor Panikmache. Natürlich sei ein eminent hoher Schaden entstanden, das finanzielle Defizit extrem und die Solidargemeinschaft müsse dies nun auffangen. Es werden jedoch alle Möglichkeiten ausgelotet, um den Schaden zu minimieren. „Es handelt sich ja um einen Einzeltäter, deshalb wird auch geprüft, welche zivilrechtlichen Möglichkeiten es gibt, um eventuell noch Gelder zurückzubekommen.“ Es dürfte wohl eher aussichtslos sein. Denn der Täter gilt als spielsüchtig. Irgendwo gebunkerte Euros dürften dieser Sucht wohl längst zum Opfer gefallen sein.

Wer die Zeche des Betrugs bezahlt, steht indes wohl fest wie das Armen in der Kirche – die Solidargemeinschaft. Heißt: die Vereine werden zur Kasse gebeten. „Irgendwie müssen wir alle gemeinsam dieses Defizit ausgleichen. Darüber werden wir heute sprechen“, sagt Lembke, ohne eine Tendenz abgeben zu können. „Wir müssen sehen, wo wir Kosten reduzieren und Einnahmen erhöhen können – das steht fest, mehr nicht“, so der 48-Jährige, der aber auch verspricht: „Jeder wird ein Teil dieses Päckchen tragen müssen, ohne allerdings unter der Last zu zerbrechen.“ Ansonsten hätte der kriminelle Täter wohl einen noch viel größeren Schaden als „nur“ den finanziellen angerichtet.

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