zur Navigation springen

Aus dem Amtsgericht: : „Dachdecker“ kassieren immer wieder ab

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Gutgläubige Seniorin aus Neuschönningstedt bezahlte überteuerte Arbeiten. Geldauflage für angeklagten Vater (67) und Sohn (45).

Mit falschen Namen hatten sich zwei angebliche Handwerker das Vertrauen einer Seniorin erschlichen und sie um ihr Erspartes gebracht. 117  000 Euro haben sie von einer 79-Jährigen aus Neuschönningstedt für überteuerte und nicht fachgerechte Reparaturen kassiert. Die Ersparnisse der Rentnerin lösten sich dabei in Luft auf, zudem wurden durch die unsachgemäßen Arbeiten erhebliche Schäden angerichtet. Angehörige hatten das Duo gestoppt und die Polizei informiert.

Jetzt mussten sich der 45-jährige „Dachdecker“ und sein 67-jähriger Vater vor dem Schöffengericht in Reinbek verantworten. Ein Urteil wurde nicht gefällt. Das Gericht stellte das Strafverfahren gegen eine Geldauflage ein. Denn die Beweisführung erwies als nahezu unmöglich. Ermittlungspannen und der heutige psychische Zustand der Klägerin wirkten sich zugunsten der Angeklagten aus.

Mit Uwe Maeffert hatten sie die Angeklagten einen renommierten Anwalt engagiert. Gleich zu Beginn der Verhandlung weist er auf das fehlende Protokoll der ersten Vernehmung der Seniorin hin: „Der vernehmende Beamte gibt an, dass das Protokoll durch seinen Schreibdienst versehentlich gelöscht wurde.“ Auch auf die Vernehmung der Geschädigten könne nicht verzichtet werden: „Wir sind uns ihrer möglichen Hinfälligkeit bewusst, aber wir müssen sie befragen.“ Zudem habe das Amtsgericht Reinbek die Anklage in der Sache schon einmal nicht zugelassen. „Erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Lübeck wurde das Verfahren wieder zur Verhandlung nach Reinbek verwiesen.“ Dadurch ist die lange Dauer des Verfahrens wegen Wuchers in besonders schwerem Fall erklärbar, die Tatvorwürfe stammen bereits aus den Jahren 2010 und 2011.

Sechs von ursprünglich sieben Tatvorwürfen wurden jetzt erneut angeklagt, dabei ging es noch immer um einen Schaden von 105  500 Euro. „Eine erneute Vernehmung ist der Klägerin nicht zuzumuten“, sagt die Vorsitzende Richterin Dr. Birte Dressel. Ein ärztliches Attest bestätige, dass sie nicht in der Lage sei, auszusagen.

Rechtsanwalt Maeffert kritisiert auch, dass dieses Attest ihm und seinem Kollegen nicht vorgelegt wurde. Die Vorbereitung der Verteidigung sei damit behindert worden. „Wir plädieren auf Freispruch“, sagt Maeffert. Die beiden Angeklagten, Vater (67) und Sohn (45), wollen nicht aussagen.

Die Richterin spricht von Wucher in einem besonders schweren Fall: „Die wirtschaftliche Not der Zeugin wurde so ausgelöst.“ Die Leistungen der Handwerker hätten in keinem Verhältnis zu ihren Preisen gestanden. Mit den als Zeugen geladenen Söhnen und Kontoauszügen könne das Verfahren fortgesetzt werden.

Dubios war auch der Bezahlungswunsch der Handwerker, die unter falschen Namen agierten. In allen Fällen fuhren sie mit der Seniorin zur Bank und ließen sich von ihr die Geldbündel in bar aushändigen. Die alte Dame hatte Vertrauen gefasst und ließ sich immer neue Reparaturen aufschwatzen.

„Meine Mutter war begeistert von ihnen. Sie haben ihren Zustand ausgenutzt. Auf mich hat sie nicht gehört“, sagt ein Sohn in einer Verhandlungspause. Es begann mit einem Schimmel-Schutzanstrich im Bad für 1500 Euro. „Der übliche Preis dafür wären 100 Euro“, zitiert die Staatsanwältin aus der Anklageschrift. Für Dacharbeiten hätten die „Dachdecker“ 36  000 Euro berechnet, üblich wären 10  579 Euro gewesen. „Durch überteuerte Folgeaufträge haben sich die Angeklagten das Vermögen der Zeugin angeeignet.“ Ein Gutachter bestätigte später, dass die Arbeiten nicht fachgerecht ausgeführt worden seien und sogar zu weiteren Schäden am Haus führten.

Verteidiger Maeffert beantragt die Aussetzung des Verfahrens. Das sei eine denkbare Möglichkeit, sagt die Richterin. Es folgt eine lange Pause, die Anwälte beraten sich mit ihren Mandanten, die Richterin mit den Schöffen. Maeffert schlägt eine Geldauflage von insgesamt 5000 Euro für eine gemeinnützige Einrichtung vor. Die Staatsanwältin und das Gericht stimmen zu. Jeder Angeklagte muss 2500 Euro in Raten an die Kinderkrebshilfe bezahlen und seine Auslagen tragen.

„Dass die Erstaussage verloren ging, ist sehr unschön“, kommentiert die Richterin, „sie hat strafrechtlich die höchste Relevanz.“ Alle späteren Aussagen seien nur ein Abklatsch. Die Geschädigte hat jetzt noch die Möglichkeit, ihre Zivilklage auf Schadenersatz vor dem Landgericht Lübeck weiter zu betreiben. „Das Verfahren wurde zeitweise ausgesetzt, um den Strafprozess abzuwarten“, sagt ihr Anwalt.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen