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Stormarner Tageblatt

22. August 2017 | 02:12 Uhr

Förderung : Couture mit besonderer Note

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Bei Nicole Booss in Witzhave fand Sadia Maiwand den passenden Job dank Lohnzuschüsse aus dem ESF-Programm

„Ich habe so ein Glück gehabt mit ihr. Das passt total“, sagt Nicole Booss. Die 49-Jährige macht seit fünf Jahren Mode und hat dafür ihre eigene Couture-Marke „Bosjöman“ gegründet. Entworfen und geschneidert wird vor allem auf einem ehemaligen Bauernhof in Witzhave, wo es ebenso wie in den Hamburger Hafencity einen Showroom gibt. Gefertigt werden vor allem Gehröcke und Jackets, „ganz traditionell und mit ganz viel Liebe.“

„Es ist aber ganz schwer, sich als kleines Unternehmen zu behaupten“, sagt die Designerin, „das steht und fällt mit den Mitarbeitern.“ Zu den gehört neuerdings als erste Festangestellte Sadia Maiwand, die ihr vom Jobcenter Stormarn vermittelt wurde. Die Afghanin hatte zwar keine Ausbildung, „aber sie liebt Stoffe und näht leidenschaftlich gern“, so Nicole Booss, „hobbymäßiges Nähen reicht bei mir nicht.“

Sadia Maiwand kommt aus dem gleichnamigen Dorf in der Provinz Kandahar, hat vier Kinder und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Gearbeitet hat sie nie, vom Jobcenter erhält die Familie aufstockende Leistungen. Betriebsakquisiteur Arne Frank brachte die Witzhaver Modefirma und die 44-Jährige zusammen, weil sie Nähen als eine ihrer Fähigkeiten angegeben hatte.

In einem Programm zur Integration langzeitarbeitsloser Menschen zahlt der Europäische Sozialfonds zwischen 42 und 75 Prozent des Bruttolohns. „Für Unternehmen gibt es ja sonst keine Unterstützung. Deshalb bin ich froh, dass Herr Frank mich auf diese Möglichkeit hingewiesen hat“, sagt Nicole Booss. Gerade für Unternehmen in der Startphase, die kein Kapital in der Hinterhand habe, sei dass Förderprogramm eine Chance, „es kennt aber fast niemand.“ Die Couture-Schneiderin aus Witzhave arbeitete bis dahin nur mit freien Mitarbeiterinnen, von denen eine 67 und eine sogar 80 Jahre ist, weil die Rente nicht reicht.“

Bevor die Langzeitarbeitslosen eingestellt werden, absolvieren sie ein Praktikum, um zu sehen, ob beide Seiten zusammenpassen. Dass es zu Anfang mühsam war, lag auch an den marginalen Deutsch-Kenntnissen von Sadia Maiwand, die aber schnell lernt. Die 44-Jährige war zuvor auch nie alleine Bus gefahren. Sie arbeitet jetzt 20 Wochenstunden, was bei vier Kindern auch nur möglich ist, weil ihr Mann sie unterstützt. Er war auch der Dolmetscher, als Arne Frank das erste Mal mit Sadia Maiwand in Witzhave war.

„Sie hatte ein selbst genähtes Kleidungsstück an. Vielleicht hat das den Ausschlag gegeben“, sagt der Akquisiteur, der auch Coach für die zwölf Männer und Frauen ist, die zurzeit das ESF-Programm durchlaufen. „Meistens sind es Ältere“, sagt Frank, „bei den Berufen haben wir ein breites Spektrum von der Altenpflege über die Verkäuferin bis zur Bürohilfe.“ Neben dem Coaching gibt es in den ersten sechs Monaten die Möglichkeit, dass auch Fortbildungen oder der Erwerb des Führerscheins gefördert werden.

Gerade für das Handwerk sei das ESF-Programm eine Chance, weil man Mitarbeiter ohne großen finanziellen Aufwand umfassend einarbeiten und qualifizieren könne, ist Jobcenter-Leiterin Doris Ziethen-Rennholz überzeugt. „Es gibt keine Schneider mehr, und es bildet auch niemand mehr welche aus“, konstatiert Nicole Booss, die ihre hochwertigen Kleidungsstücke ganz bewusst von Hand in Deutschland fertigen lässt.

In die Wiege gelegt war ihr das nicht. Für die TV- und Multimedia-Firma, die sie mit ihrem Mann Jürgen Pfeiffer betreibt, war sie viel in der Welt unterwegs und immer auf der Suche nach passender Kleidung, „weil ich nie so viel mitnehmen wollte. Es gab einfach nicht das, was ich wollte. Ich habe einfach aus Eigenbedarf mit Couture angefangen.“

Über das ESF-Programm erhält das Jobcenter bis zu 1,3 Millionen Euro. Es startete im Juli 2015 und läuft nach zwei Jahren Ende Juni 2017 aus. Der Arbeitgeberzuschuss wird drei Jahre gezahlt, also bis Mitte 2018. „Wir haben gute Erfahrungen gemacht und werden uns überlegen, ob wir etwas Vergleichbares selbst auf die Beine stellen können“, sagt die Jobcenter-Chefin.

 

 

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erstellt am 02.Feb.2017 | 10:38 Uhr

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