Bad Oldesloe : Correspondenzen und Wink für Hausfrauen im Landboten

Der Oldesloer Helmut Voss fand diesen 140 Jahre alten Landboten zu Hause in alten Unterlagen.
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Der Oldesloer Helmut Voss fand diesen 140 Jahre alten Landboten zu Hause in alten Unterlagen.

Der Oldesloer Helmut Voss fand eine 140 Jahre alte Zeitung in seinen Unterlagen.

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20. Januar 2018, 08:00 Uhr

Dieser Fund ist eine kleine Sensation. Beim Aufräumen von alten Unterlagen fiel Helmut Voss eine alte verblichene Zeitung in die Hände, die sich beim genaueren Hinsehen als ein uraltes Exemplar des „Oldesloer Landboten“ entpuppte, der an den Rändern zwar schon etwas zerschlissen, ansonsten aber noch gut leserlich ist. „Ich wusste gar nicht, dass in unserer Wohnung eine so alte Zeitung schlummerte“, sagt Helmut Voss, der eigentlich nur ein bisschen Ordnung schaffen wollte. „Ich habe jede Menge Papierkram aussortiert“, sagt der Oldesloer, der mit 87 Jahren auch nicht mehr der Jüngste ist. Das Alter der gefundenen Zeitung übertrifft das Seine allerdings noch um 50 Jahre, denn der Oldesloer Landbote erschien am 24. April 1878 und ist damit jetzt genau 140 Jahre alt. „Ich weiß gar nicht, wie die Zeitung da hingekommen ist, sie könnte noch von meinem Opa stammen“, erzählt Helmut Voss, dessen Opa Wilhelm Voss früher über dem Friseurgeschäft Lange in der Brunnenstraße 9 wohnte und fleißiger Leser des Oldesloer Landboten war. Auch dessen Enkel ist seit seiner Hochzeit im September 1953 treuer Abonnent des Stormarner Tageblatts, inzwischen also seit fast 65 Jahren.

Der Fund der Zeitung weckte bei Helmut Voss auch wieder schmerzhafte Erinnerungen an seinen vier Jahre älteren Bruder Günter, der 1943 im Krieg kurz nach seiner Einberufung bei Kiew gefallen war. „In einer Tüte mit alten Papieren meines Bruders fand ich auch diese Zeitung“, sagt Helmut Voss. Es ist nicht der erste Zeitungsfund des gelernten Tischlers, der auch schon mal ein paar alte „Landboten“ in einem Schrebergarten entdeckte. Doch dieser Fund stellt alle anderen in den Schatten. Der Landbote – Oldesloer Wochenblatt für Stadt und Land – aus dem 40. Jahrgang trägt die Nummer 33 und erschien am Mittwoch, 24. April 1878 – „redigiert von Julius Schüthe“, wie am rechten Rand der Titelseite vermerkt ist. Zu dieser Zeit erschien der Landbote zwei Mal wöchentlich mittwochs und sonnabends, „zu beziehen durch alle verehrlichen Postcomtoire und Landbriefträger“. Der Abonnementspreis für ein Quartal betrug eine Mark und 50 Pfennige.

Auf der Titelseite des nur vier Seiten umfassenden Landboten gibt es eine lange „Tagesübersicht“ mit Berichten über die politische Weltlage. Der Schreibstil ist langatmig und gewöhnungsbedürftig, ebenso die alte Rechtschreibung. Hier ein kurzer Auszug in der Originalrechtschreibung:
„Die allgemeine Lage läßt an Verworrenheit nichts zu wünschen übrig, woraus es sich erklärt, daß die Urtheile bezüglich der demnächstigen Entwickelung der auf die leidige Orientfrage bezüglichen Angelegenheiten durchaus widersprechend lauten. Für eine günstigere Auffassung der Situation liegen eigentlich nur beruhigende Versicherungen der inspirirten Preßorgane, nicht aber Thatsachen vor. Nachdem die deutsche Diplomatie, welche man letzthin französischerseits für einen etwaigen schlimmen Ausgang der Krisis förmlich verantwortlich machen wollte, trotz alles Drängens sich wohl gehütet hat, aus der Rolle eines Vermittlers herauszutreten und das gefährliche Amt eines Schiedsrichters zu übernehmen, ist die Congreßidee wieder aus dem Sarge geholt und soll neu belebt werden. In maßgebenden Kreisen schien man noch vor wenigen Tagen den Zusammentritt einer Vorconferenz in Berlin, aus den dortigen Vertretern der Mächte gebildet, sogar für unmittelbar bevorstehend zu halten.“

Um diesen komplizierten Sachverhalt zu verstehen, muss man den geschichtlichen Hintergrund dieser Zeit kennen. Die deutsche Reichsgründung, die im Januar 1871 nach dem gemeinsamen Sieg der deutschen Staaten im Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) wurde, lag gerade einmal sieben Jahre zurück. Wilhelm I. war Deutscher Kaiser und im Jahr 1878 fand schließlich der Berliner Kongress statt, eine Versammlung von Vertretern der europäischen Großmächte, auf der die Balkankrise beendet und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa ausgehandelt wurde .

Es folgen kurze Berichte aus Berlin, Kiel, Flensburg und Paris. Viel Raum nimmt außerdem die „Unterhaltungsstube“ ein mit der Fortsetzungsgeschichte „Ebbe und Fluth“ von M. Widdern. Die Schriftstellerin Marie Brandrup aus Berlin schrieb zu dieser Zeit unter ihrem Pseudonym M. Widdern Erzählungen, Novellen und Romane, die im Feuilleton vieler Zeitungen erschienen.

Auf der zweiten Seite erscheinen „Correspondenzen“ aus dem Kreis Stormarn, der elf Jahre zuvor gegründet worden war. Ein weiterer Artikel widmet sich dem Landwirtschaftlichen Kreisverein, dessen Tätigkeit überwiegend auf die Ausrichtung von Tierschauen und Ausstellungen beschränkt war. Der Redakteur W. D. Schwerdtfeger aus Lübeck bemängelt allerdings den Umstand, „daß eine in diesem Jahr projektirte Thierschau wiederum nicht zustande kommen wird.“

Interessante Ratschläge werden unter der Überschrift „Wink für Hausfrauen“ erteilt. Hier geht es um das richtige Kochen einer Bouillon und der Zubereitung von „Rindfleisch mit einer trefflichen Mostrich- oder Rosinensauce“. Im Resort „Landboten-Mappe“ beschwert sich der Redakteur: „Spitzbuben überall!“ Außerdem wird berichtet, dass in Berlin eine Dame namens Anna Helene Haym von der Polizei wegen Tragens von Männerkleidung auf öffentlicher Straße verhaftet wurde.
Das Blatt geht auch auf das Thema Auswanderung ein, die zu dieser Zeit eine große Rolle spielt: „Während in den letzten 5 Jahren die Auswanderungslust überall völlig vorüber war, scheint in der letzten Zeit dieselbe wieder recht rege werden zu wollen. Es sind denn auch schon im Laufe dieses Winters aus dem hies. Kreise einige Personen nach Jenseits des großen Weltmeers hinüber befördert und Andere stehen im Begriff ihre gute Existenz in ihrer Heimath mit einer ungewissen in Amerika zu vertauschen. Es scheint dies Vorgehen ein sehr riskantes zu sein, namentlich da in Amerika die Zustände hinsichtlich der Nachfrage nach Arbeitern u.s.w. keine goldene Berge versprechen.“

Die vierte Seite des Landboten ist den Anzeigen vorbehalten, von „Intelligenz-Anzeigen“ über Verkaufs-Bekanntmachungen bis zu Auctions-Anzeigen. Geworben wird für Norwegischen Fischguano, Schwedische Dienstboten, Böhmische Braunkohle, Weißwaren, Stroh- und Roßhaar-Hüte sowie Electromotorische Bahnhalsbänder. Ein Zahnartist preist seine künstlichen Zähne und Gebisse an und ein „bejahrter Mann“ wünscht sich eine Stelle als Kuhhirte. Der Inserationspreis betrug damals 15 Pfennige pro Zeile.

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