Trauern in Bad Oldesloe : CD-Verbot ausgesetzt - für ein Jahr

Volles Haus: Bei der jüngsten Sitzung des Kirchenvorstands diskutierten Befürworter und Gegner des CD-Verbots. Foto: Olbertz
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Volles Haus: Bei der jüngsten Sitzung des Kirchenvorstands diskutierten Befürworter und Gegner des CD-Verbots. Foto: Olbertz

Der Kirchenvorstand in Bad Oldesloe erlässt nach kontroverser Diskussion ein Moratorium: Die Gemeinde will nach einem Jahr neu über ein CD-Verbot bei Trauerfeiern entscheiden.

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22. April 2013, 09:10 Uhr

Oldesloe | Komm Herr segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen.

Wie und wann auch immer der "CD-Streit" in der Oldesloer Kirchengemeinde zu einem Ende kommen wird, für Heidemarie Goretzki kommt die Entscheidung zu spät. Die unheilbar an Leberkrebs erkrankte Frau hatte kurz vor ihrem Tod ihre Trauerfeier geplant und sich gewünscht, dass "Aber die Liebe bleibt" von Nana Mouskouri bei ihrer Beerdigung gespielt werden soll. Das war bislang in Oldesloe nicht möglich. In der Nacht zu Mittwoch ist sie nur wenige Tage vor ihrem 69. Geburtstag gestorben - die Trauerfeier soll in Reinfeld stattfinden. Nachdem dieser Fall bekannt wurde, brach ein Sturm der Entrüstung los. "Es hat uns überrascht und überrannt", verdeutlichte Pastor Diethelm Schark, Vorsitzender des Kirchengemeinderats, jetzt zu Beginn der Kirchenvorstandssitzung: "Wir sind Zeugen, Täter, Opfer eines Prozesses, in dem wir Verantwortung zu tragen haben."

Etwa 20 Zuhörer waren zu der öffentlichen Sitzung ins Haus der Begegnung gekommen. Die Meinungsgrenze war relativ klar gezogen: Ein Großteil der Zuhörer sprach sich gegen das Verbot aus. Von Seiten der Kirchenvorstandsmitglieder wurde dagegen argumentiert.

Mit Tränen in den Augen und bebender Stimme forderte beispielsweise Karin Rundshagen: "Es sind so viele in Oldesloe, die das betrifft. Wenn Angehörige den Wunsch äußern, dann hat man das zu akzeptieren." Da klatschten viele Zuhörer. Von Ernst Eick kam Zustimmung: "Ein Lied - bringt das Ihr System durcheinander?" Der Rethwischer erinnerte an eine Trauerfeier, bei der die Verstorbene großer Peter-Maffay-Fan war. Da wurde auch ein Lied des Sängers gespielt. "Das ging dermaßen unter die Haut", zeigte sich Eick noch immer ergriffen.

Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.

Viel war vom "letzten Willen" die Rede, der doch nicht ausgeschlagen werden könne. Doch für Pastor Diethelm Schark ist das ein "Totschlagargument": "Das kann man doch für alles sagen. Was ist, wenn es nicht bei dem einen Lied bleibt, sondern es zwei, drei werden?" Kirchenvorsteherin Gabriele Thomsen wies auf einen anderen Aspekt hin: "Natürlich kann ein letzter Wunsch Halt geben. Es gibt aber auch Situationen, wo den Angehörigen aus seelsorgerischen Gründen geraten werden muss: Tut euch das nicht an, es wird euch belasten."

Andere Argumente waren eher grundsätzlicher Natur. "Wenn jemand singt, kann ich das als Gebet interpretieren", sagte beispielsweise Bettina Gräfin Kerssenbrock: "Ich frage mich, ob das irgendein Schlagersänger kann." Sie könne sich Musik von CD allerdings am Grab oder nach der Einsegnung vorstellen. Kirchenmusikdirektor Henrich Schwerck war zur Sitzung eingeladen worden. Als Fach- und Kirchenmann hat er natürlich eine sehr dezidierte Meinung: "Jeder Gottesdienst ist etwas Singuläres, Einzigartiges. Aufnahmen abspielen? Dann verwässert man den Gottesdienst, dann wird es beliebig. Das ist unwürdig für einen Gottesdienst."

Diethelm Schark erinnerte daran, dass der Kirchenvorstand auch in der "Verantwortung gegenüber anderen Gottesdienstbesuchern" stehe. Dr. Christian Matthias Schröder ergänzte in dieser Hinsicht: "Ich habe mal einen Gottesdienst mit Musik vom Band erlebt. Das war im wahrsten Sinne des Wortes trostlos. Es kann der Weg des geringeren Widerstands sein, alles zu erlauben. Wir werden uns nicht unter Druck setzen lassen."

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.

Obwohl es im öffentlichen Teil nicht zum Ausdruck kam, es muss auch im Kirchenvorstand Stimmen geben, die das Verbot kritisch sehen. "Das Meinungsspektrum ist durchaus gemischt", erklärte Vorsitzender Schark. Hinter verschlossenen Türen wurde ein Moratorium (lateinisch für verzögern, aussetzen) des bestehenden Beschlusses zum Verbot von Musikträgern beschlossen. Das heißt aber nicht, dass jetzt das große CD-Wunschkonzert möglich wird. Pastor Schark sprach ausdrücklich vom "besonderen Einzelfall" und der "seelsorgerischen Entscheidung der Pastoren". Ein Jahr hat sich die Gemeinde Zeit gegeben, "eine gute und dauerhafte Lösung" zu finden. Dafür soll in einen breiten Dialog eingetreten werden - vom Konfirmandenunterricht über den Frauenkreis und die Jugendgruppe bis hin zur Gemeindeversammlung. Auch Besuche in anderen Gemeinden sind geplant. Schark: "Wir haben gelernt und begriffen, dass es schwierig ist, sich nur auf eine Seite zu stellen."

Der Schmerz vergeht, aber die Liebe bleibt und gibt der Hoffnung einen Sinn.

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