Bad Oldesloe : Bombenalarm am Stoltenrieden

In dem Loch unter der Baggerschaufel liegt der gefährliche Blindgänger. Ab 17 Uhr soll er unschädlich gemacht werden.
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In dem Loch unter der Baggerschaufel liegt der gefährliche Blindgänger. Ab 17 Uhr soll er unschädlich gemacht werden.

2500 Menschen müssen für die Entschärfung eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg evakuiert werden. Wegen zusätzlicher Straßensperrungen wird in Bad Oldesloe ein Verkehrschaos erwartet.

Andreas Olbertz. von
19. Juni 2014, 06:00 Uhr

„Die große Maschine läuft jetzt an. Alle sind aufgeregt, denn so oft haben wir das ja nicht“, sagt Bürgermeister Tassilo von Bary. Am Dienstag ist die Verwaltung darüber informiert worden, dass im Stoltenrieden ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden ist. 250 Kilo schwer, die Hälfte davon gefährlicher Sprengstoff. Heute soll die amerikanische Fliegerbombe entschärft werden.

Gestern begannen schon die Vorbereitungen. In einem Radius von etwa 500 Metern müssen knapp 1100 Haushalte evakuiert werden. „Ein besonderes Problem wird das Altenheim“, erklärt der Verwaltungs-Chef. Allein dort leben 160 pflegebedürftige Patienten, zwölf von ihnen sind bettlägerig. Tassilo von Bary: „Auch das muss komplett evakuiert werden.“ Das ist eine der Aufgaben, um die sich Christian Brand, Einheitsführer der Schnell-Einsatz-Gruppe, kümmern muss. Mit 120 Freiwilligen, die aus dem ganzen Kreisgebiet zusammengezogen werden, richtet er im ehemaligen Max-Bahr-Markt ein provisorisches Lazarett ein. „Der Laden steht leer, wir haben gesagt, den brauchen wir, und dann wird sich darum gekümmert“, so Brand.

Krankenhausbetten werden herangezogen und vorbereitet. „Das ist für uns ein Standardprozedere“, erläutert der Leiter. Wenn es heute ernst wird, steigt die Zahl der Helfer noch deutlich an. Zum Team werden dann auch Kräfte der psychosozialen Notfallbetreuung gehören, die sich um die seelischen Folgen von Evakuierung und Bombenalarm kümmern werden. Bettlägerige Patienten werden in die Asklepios-Klinik verlegt. Das Krankenhaus kann eine Station, die in Kürze saniert werden soll und deshalb leer steht, für bis zu 20 Betten anbieten. Verpflegung wird gestellt, das Pflegepersonal bringt das Forsthaus mit, zusätzlich wird ein Notarzt abgestellt.

In dem Fall kommt noch eine Besonderheit hinzu: Auch die Retter selber müssen evakuiert werden. Das Katastrophenschutzzentrum liegt im Gefahrenbereich. Christian Brand: „Wir sind morgen komplett weg. Wir packen alles an Ausrüstung in Kisten und nehmen es mit zu Max Bahr.“

Auf Antrag eines Bauherrn war das betroffene Gebiet vom Kampfmittelräumdienst untersucht worden. Das ist die Aufgabe spezieller Luftbildauswerter. Sie können auf einen Fundus von 70 000 Luftaufnahmen zurückgreifen. Mark Wernicke, Sprecher des Kampfmittel-Räumdienstes, erläutert: „Diese digitalisierten Aufnahmen müssen wir von den Alliierten für bis zu 50 Euro kaufen. Unsere Spezialisten suchen darauf dann nach Eintrittspunkten.“ Die Alliierten hätten das Gebiet in der Regel zwei Mal überflogen: Vor der Bombardierung, um die Lage zu erkunden, und danach noch mal, um den „Erfolg“ zu kontrollieren. Wernicke: „Die Eintrittspunkte unterscheiden sich deutlich von den übrigen Bombenkratern.“

Am Stoltenrieden hatten die Fachleute Indizien entdeckt. Daraufhin wurde mit Magnetsonden überprüft, ob Metall im Erdreich liegt. Da die Geräte anschlugen, musste die nächste Stufe eingeleitet werden. „Dann wird gegraben und geguckt“, sagt Mark Wernicke. In 3,5 Metern Tiefe lag die amerikanische Fliegerbombe.

Die Fachleute kennen den Bombentyp. „In den meisten Fällen sind in Schleswig-Holstein Bomben mit Aufschlagzündern verwendet worden“, erklärt Sprecher Wernicke. Darin schlägt vereinfacht ausgedrückt eine Nadel auf ein Zündhütchen und löst damit die Detonation aus. Das ist bei diesem Blindgänger nicht passiert. Deshalb ist er aber nicht harmlos. Wernicke: „Der Umgang mit Bomben ist immer gefährlich.“

Seine Kollegen werden den Zünder mit Rostlöser besprühen und dann versuchen, ihn herauszuschrauben. Im Idealfall klappt das. „Begünstigt von Lehmschichten hat die Bombe einen ganz guten Zustand“, gibt sich der Experte verhalten optimistisch. Wie es im Innern aussieht, kann er allerdings nicht abschätzen. Dort könnten sich gefährliche, hochexplosive Salze gebildet haben … Um 17 Uhr soll mit der Entschärfung begonnen werden. Sie wird voraussichtlich mindestens eine Stunde dauern.

Weil eben immer etwas schief gehen kann, muss der Fundort weiträumig abgesperrt werden. Die Evakuierungszone erstreckt sich im Norden von der Ratzeburger Straße, längs der Bahnstrecke über Teile der Industriestraße hinaus bis in den Hebbel- und Pölitzer Weg hinein. Bis spätestens 14 Uhr müssen rund 2500 Menschen ihre Häuser, Wohnungen oder Arbeitsplätze verlassen haben. Wer keine Möglichkeit hat, anderswo unterzukommen, findet in der Kurpark-Schule ein Notquartier. Kranke oder Bettlägerige dürfen einen Transportdienst anfordern. Ab 8 Uhr können offene Fragen am Bürgertelefon geklärt werden: (04531) 160-1160. Die zwischenzeitliche Meldung, Max Bahr sei Anlaufadresse für alle war eine Fehlinformation der Polizei, die, so Sprecher Holger Meier "auf einem Missverständnis in der Kommunikation" beruhte.

Die Bahn kann durchgehend fahren. „Da hilft uns die Topographie, und die Bebauung bildet eine Art Schutzgürtel“, erklärt Mark Wernicke. Bürgermeister Tassilo von Bary ist erleichtert, dass wenigstens die Ratzeburger Straße offen bleiben kann. „Wir werden durch die Sperrung von Industriestraße und Pölitzer Weg genug Chaos haben“, befürchtet er.

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