Geheimnisse unter den Füßen : Boden vergisst nichts: Ausstellung macht den Untergrund verständlich

Graben, forschen, knobeln, spielen: Im Lübecker Museum für Natur und Umwelt läuft die Mitmachausstellung „BodenSchätze“.

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21. März 2018, 11:06 Uhr

Lübeck | Ohne ihn wären wir nicht: In ihm wächst unsere Nahrung, auf ihm bauen wir mit Material, das aus ihm kommt. Lebendige Böden filtern Wasser, speichern Schadstoffe und liefern Rohstoffe. Nicht einmal Sauerstoff gäbe es ohne Boden. Ein Tausendsassa, dem sich das Museum für Natur und Umwelt jetzt mit der Sonderschau „BodenSchätze – Geschichte(n) aus dem Untergrund“ widmet. Es darf gegraben, geforscht, geknobelt und gespielt werden.

ein bisschen schauder muss sein - hochmoore konservieren haut, haare und nägel jahrtausende lang, wie das beispiel dieser mädchenhand beweist
Ein bisschen Schauder muss sein: Hochmoore konservieren Haut, Haare und Nägel jahrtausende lang – wie das Beispiel dieser Mädchenhand beweist

Da haben sich zwei gefunden. Museumsleiterin Susanne Füting hat ein Haus voll von Millionen Jahre alten Objekten, die der Boden freigegeben hat, und Heidrun Derks, die als Ausstellungsmacherin ein gewaltiges Fass an Fantasie geöffnet hat, um ein Thema zu beleuchten, das sich nicht unbedingt als spannendes aufdrängt. Boden, das ist das Zeug, das nach der Gartenarbeit unter den Fingernägeln klebt oder bei Schietwetter an den Stiefeln. Auch Heidrun Derks, von Haus aus Archäologin und Leiterin der „Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese“, musste erst eintauchen in die Materie.

Einer der spektakulärsten Bodenfunde im Museum: Ein elf Millionen Jahre alter Bartenwal aus der Kiesgrube in Groß Pampau.
Privat
Einer der spektakulärsten Bodenfunde im Museum: Ein elf Millionen Jahre alter Bartenwal aus der Kiesgrube in Groß Pampau.
 

Boden, das war für sie einmal das Zeug, das beseitigt werden musste, um an die Hinterlassenschaften der Römer zu kommen. Dann allerdings war die Frage da: Wieso finden sich in Kalkriese so viele römische Funde? Antwort: Weil Plaggenesch, ein unzähligen Bauerngenerationen per Plaggendüngung aufbereiteter Boden, wie ein Schutzschild darüber liegt. Eine Frage kam dann zur nächsten und zum Auftrag, eine Wanderausstellung zu konzipieren, eben die, die jetzt im Lübecker Museum zu sehen ist.

Außergewöhnliches ist da im zweiten Stock aufgebaut: Vier gewaltige Sandkästen, in denen sich Funde verbergen, die es zu entdecken gilt. Fabio Piticchio (14) erklärt schon mal, worauf es ankommt: Wie Archäologen auch habe man sachlich und vorsichtig mit seinem Grabungsfeld umzugehen. Mit einem Spachtel arbeitet er sich millimeterweise behutsam voran, bis er eine festere Substanz erspürt, arbeitet dann mit dem Pinsel weiter. Es erscheint ein tierisches Skelett. An einer anderen Station kann mit einem Detektor nach Metall gefahndet werden, daneben gilt es, per Elektronikspiel herauszufinden, was in welchen Böden warum überdauert. Überhaupt: Was ist drin im Boden? Jede Menge Leben, das meiste davon winzig und mit bloßem Auge nicht sichtbar.

Gärtner wissen natürlich, dass Boden beileibe nicht gleich Boden ist. Sechs unterschiedlichen, für Deutschland typischen Typen hat Heidrun Derks zu einer Stimme verholfen. Schauspieler haben die „Selbstdarstellungen“ eingesprochen. „Jaaa, oh ja, sooo. Ja, das tut gut!“, gurrt da zum Beispiel die Kalkmarsch und empfiehlt: „Also, ich sage Ihnen, schaffen Sie sich Regenwürmer an. Einfach großartig!“ Und apropos Wohlbefinden: Auch der menschliche Umgang mit seinem Lebensuntergrund ist Thema der Ausstellung.

Wie wird Boden aus Stein?

Ein Highlight in dieser an Attraktionen reichen Sonderschau die „BodenZauberMaschine“, mit der erläutert wird, wie aus Stein Boden wird und die einmal mehr verdeutlicht, dass es sich hier um eine „Mitmach-Ausstellung“ handelt, „eine für die ganze Familie“, betonen Susanne Füting und Heidrun Derks. Zu erkunden jedenfalls gibt es mehr als genug, auch, wie man Dinge im Boden aus der Luft erkennt, wie man Funde datieren kann, was Pollen über die Vegetation vor Jahrtausenden verraten und schließlich auch, wie sich Künstler mit dem Thema Boden auseinandersetzen. „Eigentlich ist der Boden das größte Museum der Welt“, sagt Heidrun Derks.

Boden vergisst nichts, die Stelle, an der einmal ein Holzpfahl in der Erde steckte, bleibt Jahrtausende lang sichtbar, wo Gras über Gebäudereste wächst, da gedeiht es anders als auf tiefgründigem Acker. Diese „BodenSchätze“ machen Lust auf mehr zum Thema. Das findet sich in der Dauerausstellung im Museum am Dom zum Glück ausreichend.

Ergänzt wird die Sonderausstellung mit zehn Erdschichtenbildern von Wolfgang Hähnel, der im vergangenen Januar gestorben ist und in den 1970er Jahren per Lackabzug unterirdische Schönheiten ans Licht holte. Museumschefin Füting feiert mit der neuen Sonderausstellung auch das diesjährige 875. Bestehen der Hansestadt, deren Geschichte Archäologen ebenfalls aus Erdboden gegraben haben.

„BodenSchätze – Geschichte(n) aus dem Untergrund“ ist bis zum 16. September 2018 im Lübecker Museum für Natur und Umwelt, Musterbahn 8, zu sehen. www.museum-fuer-natur-und-umwelt.de

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