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Stormarner Tageblatt

23. August 2017 | 18:30 Uhr

Bargfeld-Stegen : Bittere Pille für Stormarn

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

DAK-Gesundheitsreport: Um Druck und Stress zu kompensieren, greifen immer mehr Menschen zu Medikamenten.

Mehr Arbeit in weniger Zeit – eine Gesellschaft, die Optimierung und Selbstoptimierung wie eine Ersatzreligion proklamiert – all das sind Faktoren, die dazu führen, dass auch in Stormarn immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Um leistungsfähig zu sein, wie es von Arbeitnehmern, Schülern oder Studenten verlangt wird, greifen sie dabei immer häufiger zum „Doping“ in Form von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Das ist die erschreckende Erkenntnis des Gesundheitsberichts der Deutschen Angestellten Krankenkasse, der jetzt von Stormarns DAK-Chef Hans-Werner Harmuth im Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus (HSK) in Bargfeld-Stegen vorgestellt wurde.

Insgesamt ist der Krankenstand in Stormarn um 0,2 Prozentpunkte gestiegen und liegt mit 3,8 Prozent nur noch leicht unter dem Landesdurchschnitt von 3,9 Prozent. Von je 1000 Arbeitnehmern waren damit jeden Tag 38 krankgeschrieben. Auffällig ist, dass die häufigsten Krankschreibungen (21,2 Prozent) wegen psychischer Erkrankungen wie Angstzustände oder Depressionen erfolgten. Auf je 100 Versicherte kamen in diesem Bereich im vergangenen Jahr 293 Fehltage, das entspricht einer Steigerung von 63 Fehltagen innerhalb von nur zwölf Monaten. Bemerkenswert ist: Stormarn liegt in diesem Bereich deutlich über dem Landesdurchschnitt von 273 Fehltagen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Anzahl psychischer Erkrankungen als Grundlage für Krankschreibungen seit 2004 im Land beständig angestiegen ist.

„Das kann auf der einen Seite etwas damit zu tun haben, dass diese Erkrankungen präsenter geworden sind, dass Patienten auch eher über diese Probleme mit ihren Hausärzten sprechen, die deutlich sensibilisierter und geschulter sind in diesen Bereichen als früher. Aber meine Erfahrung zeigt auch, dass es viel mit unserer Gesellschaft zu tun hat“, erklärt Prof. Dr. Matthias R. Lemke, Direktor des auf psychische Erkrankungen spezialisierten HSK. „Es haben Verdichtungen stattgefunden. Weniger Arbeitnehmer sollen in kürzerer Zeit mehr Arbeit schaffen und dabei auch noch sehr gute Qualität abliefern. Das führt zu mehr Druck“, so Lemke weiter.

Es sei bedenklich, dass eine relativ gut situierte und sichere Gesellschaft wie in Stormarn viele Menschen mit Ängsten und Depressionen hervorbringe. „Die Verknappung beginnt bereits bei den Schulen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man sechs Tage in der Woche zur Schule ging und nach 13 Jahren Abitur machte. Auch dort wird alles auf weniger Raum gedrängt. Ich denke, ein richtiges Zeitmanagement ist wichtig und einfach auch mal nicht erreichbar sein“, so Landrat Klaus Plöger. „Ständige Erreichbarkeit und Internet fördern den Druck und Stress“, ergänzt Lemke. Da immer mehr Arbeitnehmer oder auch Schüler den Eindruck haben, dass sie nicht im gewünschten Rahmen optimal funktionieren, greifen sie zum „Medikamenten-Doping“.

In Schleswig-Holstein sind es 25  600 Menschen, die ohne medizinische Notwendigkeit regelmäßig zu Medikamenten wie Anti-Depressiva, Beta-Blockern und Stimulanzien greifen, weil sie sich davon eine Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit oder Stimmungsaufhellung versprechen. Pillen werden zu 53,8 Prozent legal per Rezept vom Hausarzt besorgt. 14 Prozent lassen sich Arznei über Freunde und Bekannte zukommen. 8,5 Prozent bestellen im Internet und rund sechs Prozent aus anderen, zum Teil illegalen Quellen. „Es gibt keine Altersgrenzen oder -gruppen. Nur weil Menschen jung sind heißt es nicht, dass sie mit Druck besser klarkommen“, so Lemke. „Wichtig ist, dass man sich passende Ausgleiche in der Freizeit sucht. Sich Zeit für sich nimmt, Wege der Entspannung findet. Sport und richtige Ernährung sind weitere gute Faktoren“, schlägt Harmuth vor.

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