zur Navigation springen

Die karpfenstadt : Besuch im Reinfelder Fischhaus

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Was macht eigentlich ... der Teichwirt im Sommer? „Auch wir brauchen mal eine Pause“ – von Urlaub kann aber nicht die Rede sein.

Was macht der Teichwirt eigentlich im Sommer? Bereitet er schon das bevorstehende Karpfenfest vor oder hat er gar endlich mal eine paar freie Tage und kann die Seele baumeln lassen? Besuch im Reinfelder Fischhaus bei Annegret und Alfred Wenskus. „Auch wir brauchen mal eine Pause“, gibt Annegret Wenskus zu. Am Freitag, 25. August – pünktlich zum Abfischen der Karpfen fürs Karpfenfest –, öffnet das Fischhaus wieder.

Doch von Urlaub kann so richtig nicht die Rede sein, denn „Ali“, wie er von seinen Freunden gern genannt wird, hat trotzdem alle Hände voll zu tun. Er ist nicht nur der Hüter des Reinfelder Wappentiers, sondern hat auch noch andere begehrte Fische in seinen gepachteten Teichen, die er versorgen, fischen, schlachten, vermarkten und ausliefern muss. Ali gehört zu Reinfeld wie sein Wappentier. Seit 2007 ist der sympathische Reinfelder verantwortlich für die vier städtischen Teiche, in denen schon seit Jahrhunderten Fischzucht betrieben wird.

Die Karpfenzucht hat in Reinfeld eine einzigartige Tradition. Denn bereits im Jahr 1186 wurde die Ansiedlung „Reynevelde“, das heutige Reinfeld, von Zisterzienser-Mönchen erstmals urkundlich erwähnt. Die Mönche wurden vom Mutterkloster Loccum entsandt, begannen mit der Fischzucht und legten zahlreiche Karpfenteiche an. Der Teichwirt ist verantwortlich für den 50 Hektar großen Herrenteich, den Messingschläger Teich (knapp acht Hektar), den Schwarzen (2,7) und den Schulteich (1,7) und kümmert sich um vier „Hälterteiche“, in denen die Karpfen nach dem Abfischen im Oktober zehn Tage lang im klaren Wasser schwimmen, um ihren modrigen Geruch zu verlieren.

Überall dort, wo das Reinfelder Wappentier frisch auf den Tisch kommt, hängt das Gütezeichen der Landwirtschaftskammer mit der Aufschrift „Holsteiner Karpfen frisch auf den Tisch“. Zu Wenskus’ Kunden zählen nicht nur die Reinfelder Gaststätten, sondern auch renommierte Gasthöfe in der weiteren Umgebung. Darauf ist er stolz, denn seitdem er die Teichwirtschaft übernommen hat, floriert nicht nur das Geschäft mit dem „Karpfen blau“, sondern auch mit Eigenkreationen. Da werden Karpfenchips, Karpfen in Aspik (lecker mit Bratkartoffeln), geräucherter Karpfen, die Karpfenbratwurst und Karpfenfilets in sämtlichen Variationen serviert. Seitdem er das Karpfenfleisch mit einer speziellen Maschine im Fischhaus entgräte, kommt der oftmals als „altbacken“ bezeichnete Fisch wieder zu neuen Ehren – auch bei jüngeren Gourmets. Zwar sei der „Karpfen blau“ nach guter alter Tradition nicht aus der Mode gekommen, doch als Filet bekomme er doch ein ganz anderes, neues Ansehen. Das ganze Jahr über schwimmen sie frei im Herrenteich, erhalten keinerlei Zusatzfutter. „Das ist rein biologisch“, so Wenskus.

„Die Karpfen wachsen gut. Es ist aber noch nicht abzusehen, wie die Ernte diesmal ausfallen wird“, sagt Annegret Wenskus, die die Teichwirtschaft gemeinsam mit ihrem Mann führt. Es könnte sicher noch besser sein, aber mehr könne man aufgrund der kühlen Temperaturen nicht erwarten, sagt sie. Nachts nur 12 Grad – das mögen die Spiegelkarpfen nicht allzu gern. Sie lieben die Sonne. Noch müssen sie aber etwas an Gewicht zulegen. Durch das Karpfenfest am ersten Septemberwochenende würden die edlen Fische schon ein wenig in ihrer Entwicklung gestört. Denn normalerweise wird traditionell erst im Oktober abgefischt.

Doch Ali wird in der dritten oder vierten Augustwoche – so wie in den letzten Jahren – für die Karpfenfest-Besucher natürlich eine Ausnahme machen und schon einmal einen kleineren Teich abfischen. Schließlich soll es Karpfen satt auf dem Traditionsfest geben. „Im Fließkanal am Fischhaus schwimmen sie sich dann sauber“, erklärt Annegret Wenskus.

Erst Mitte September werden weitere Teiche abgefischt. Der genaue Zeitpunkt hänge davon ab, ob bereits kühlere Temperaturen herrschten. Am Ende wird der große Herrenteich beim traditionellen Abfischen am 22. Oktober ab 10 Uhr geleert. Annegret Wenskus kocht die Gerichte rund um den Fisch selbst. Zum Beispiel beim Karpfenfest Leckeres aus der Fischhausküche, gedünstete Karpfenfilets aus dem Backofen oder gegrillt, sowie Lachskreationen. Man müsse sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Die traditionelle Karpfenprobe gebe es ja nicht mehr, das Gourmet-Festival am Herrenteich sei auch eingestellt worden.

Im vergangenen Jahr konnten die Reinfelder Grundschüler stattdessen den Karpfen in diversen Variationen probieren. Diesmal plant Annegret Wenskus gemeinsam mit Corinna Klaus vom Gasthof Kalkgraben eine „Karpfenüberraschung“ mit allerlei selbst gekochten Fisch-Leckereien an der Kirche zum Erntedankfest – gleich nach dem Gottesdienst am Sonntag, 1. Oktober, um 11 Uhr. Auch die Karpfentafel, die die beiden Reinfelderinnen im letzten Jahr ins Leben riefen, wird es wieder am 16. September im Gasthof Kalkgraben geben. Dafür kann man sich jetzt schon anmelden.

Ali wird im nächsten Jahr 65 Jahre alt. Dann beginnt für ihn offiziell das Rentenalter. Ob er weitermacht oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab: Ob die Rente ausreicht, ob er und seine Frau weiterhin körperlich fit bleiben und ob ihr Pachtvertrag von der Stadt verlängert wird. Denn der läuft 2018 aus. Annegret Wenskus: „Mein Sohn hätte auch Lust, als Teichwirt zu arbeiten. Doch er muss erst einmal seine Ausbildung beendet haben.“

zur Startseite

von
erstellt am 08.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen