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Stormarner Tageblatt

11. Dezember 2017 | 16:38 Uhr

Beratungsstelle gerät in Finanznot

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Von Essstörungen und Geldmangel / Modellprojekt steht auf der Kippe / Kroschke Stiftung hilft

shz.de von
erstellt am 13.Nov.2014 | 11:21 Uhr

Was ist eigentlich eine normale Figur, wann ist man zu dick und wann zu dünn? In früheren Zeiten machten sich die Menschen herzlich wenig Gedanken darüber und waren froh, wenn sie ausreichend zu essen hatten. Doch in unserer Überflussgesellschaft scheint Essen immer mehr zum Problem zu werden, denn Essstörungen nehmen rasant zu, manchmal übernehmen sie sogar die Kontrolle über das Leben. Neben Bulimie gehört die Magersucht zu den häufigsten Essstörungen, zu 90 Prozent sind Mädchen und junge Frauen betroffen.

Bei der Entstehung von Essstörungen ist ein ganzes Bündel an Ursachen beteiligt, weiß Anja Deloch von der Frauenfachberatungsstelle Essstörungen des Vereins Frauen helfen Frauen. Die Gestalttherapeutin arbeitet seit fast fünf Jahren als Beraterin für Mädchen und auch Jungen mit Essstörungen. „Eine Essstörung ist eine psychosomatische Erkrankung mit Suchtcharakter, die für die Betroffenen allumfassend und allgegenwärtig ist. Der Weg dahin ist häufig schleichend und die Ursachen sind vielschichtig“, so die Beraterin. Für die Erkrankten bedeute das immer großes Leid, denn alles dreht sich nur noch ums Essen, bzw. Nichtessen. Dabei gehe es im Kern nicht um Figurprobleme, sondern um tieferliegende, seelische Konflikte, so Anja Deloch. Der eigene Körper werde irgendwann zum Feind. „Gerade bei Magersucht handelt es sich um eine extreme Form von Autoaggression, denn sie kann unbehandelt zum Tode führen“, so die Beraterin.

Umso wichtiger sei es, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Anja Deloch und ihre Kollegin Helke Miekley von der Fachberatungsstelle im Bella Donna Haus haben bei ihrer jahrelangen Beratungstätigkeit für Frauen in schwierigen Lebensverhältnissen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele ihrer Klientinnen auch unter Essstörungen litten. Deshalb riefen sie vor fünf Jahren den „Fachbereich Essstörungen“ ins Leben. Im Vordergrund steht neben der Beratung auch die Prävention. So geht Anja Deloch regelmäßig in weiterführende Schulen, um dort den Jugendlichen das wichtige Thema Essstörungen nahe zu bringen. Und dabei machte die Therapeutin teils erschreckende Erfahrungen.

„Bei einem Rollenspiel mit Siebtklässlerinnen zeigte sich, dass fast alle dazu bereit waren abzunehmen, wenn sie beim Blättern in einer Modezeitschrift den Spruch von einem Jungen hörten: „Wenn du mal abnehmen würdest, dann würde dir dieses Kleid auch stehen!“ Dazu tragen auch Vorbilder, wie krankhaft dürre Models sowie Fernsehsendungen bei, die dem Schlankheitswahn huldigen.

„Ich war erschüttert, dass die Mädchen alle bereit waren, nach so einem Spruch abzunehmen“, sagt Anja Deloch, die bereits in vielen Klassen von neun Stormarner Schulen ihr Konzept vorgestellte.

Ein großes Problem ist immer wieder aufs neue die Finanzierung des Modellprojekts „Essstörungen“, das bisher hauptsächlich über die Aktion Mensch finanziert wurde. Doch diese Mittel laufen im Sommer des kommenden Jahres aus. Auch die Kroschke Stiftung für Kinder hat bereits mehr als 14 000 Euro für das Projekt aufgewendet. „Es wäre schlecht, wenn so ein sinnvolles Projekt wegen Finanzierungsproblemen ins Trudeln geraten würde“, sagt Margret Matthies, Geschäftsführerin der Kroschke Stiftung in Ahrensburg. Die Stiftung wolle in erster Linie die Anschubfinanzierung leisten, bevor ein Projekt in eine sichere Regelfinanzierung übergehe. Aber genau hier gibt es Probleme bei Frauen helfen Frauen.

„Es ist für uns ein großer Kraftakt, eine Dauerfinanzierung zu erreichen“, betont Helke Miekley. So bekäme das Projekt, das rund 75 000 Euro im Jahr benötige, von der Stadt 5000 Euro und vom Kreis wurden nur 7500 Euro genehmigt. Im vergangenen Jahr wurden in der Beratungsstelle knapp 50 Klientinnen mit Essstörungen betreut. „Fast die Hälfte aller Jugendlichen zeigen inzwischen auffälliges Essverhalten“, weiß Anja Deloch. Umso wichtiger sei es jetzt, die Klippen beim Übergang in die Regelfinanzierung zu umschiffen. Das sei bisher leider noch nicht gelungen.












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